Überirdisch. Saint Francois d’Assise bei den Salzburger Festspielen

In höhere Sphären versetzten Romeo Castellucci mit einer bildgewaltigen Inszenierung und der kongeniale Dirigent Maxime Pascal jene, die sich auf den epochalen Opernabend einließen: Saint François d’Assise wurde zum tief spirituellen Ereignis. Für Olivier Messiaen war seine einzige Oper auch das Opus summum. Die Chor- und Orchesterbesetzung sprengte alle Dimensionen, die Opernpartitur (ca. 1.500 Seiten in acht Bänden, 18,5 kg schwer) gilt als die am größten besetzte der Musikgeschichte. Auch aufgrund der immensen musikalischen Schwierigkeiten wird dieses Werk nur selten aufgeführt – in Salzburg 1985 einzelne Szenen konzertant mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle, und 1992 in einer aufsehenerregenden Inszenierung des jungen Peter Sellars in der Felsenreitschule.

Castellucci folgt respektvoll der vorgegebenen Stationen-Erzählung in acht Bildern über den Menschen Franziskus, der aus tiefster Glaubensüberzeugung das Kreuz Christi auf sich nimmt. Still entkleidet er sich öffentlich und lässt sein bisheriges Leben hinter sich. „La joie est le secret d'où jaillit l'amour / die Freude ist das Geheimnis, aus dem die Liebe entspringt“, im ersten Tableau singt Franziskus von der vollkommenen Freude, die aus der Annahme von Leiden und der tiefen Verbundenheit mit der Schöpfung erwächst. Eindrücklich und voller Symbolik sind die Szenen, wenn am Anfang der Regen von hoch droben alles reinwäscht oder die Brüdergemeinschaft die vielen Brotlaibe in die realen Backöfen schiebt. Der erste Akt kulminiert in der Heilung des Aussätzigen, Franziskus überwindet sich und küsst ihn.

Äußerst beeindruckend verkörpert der frankokanadische Bassbariton Philippe Sly die Rolle des Franziskus, die im Opernrepertoire auch aufgrund der physischen Anstrengung einzigartig ist. Er habe sich zweieinhalb Monate im Kloster der Salzburger Kapuzinergemeinschaft vorbereitet. Dass er die Grenzen seiner Kräfte erreichte, zeigte sich bei dieser Aufführung, als vor dem zweiten Akt durchgesagt wurde, dass Sly zwar weiterspielen wird, doch Antoin Herrera-López Kessel am Pult von der Seite her den Gesangspart übernimmt (erstaunlich, hier kurzfristig den Einspringer zu finden grenzt eigentlich an ein Wunder ...?).

Der Vorhang öffnet sich. Die schwarz-weiße moderne Stadt steht auf dem Kopf. Castellucci fügt die Szene von Franziskus und dem Wolf von Gubbio – ein realer weißer Wolfshund begleitet ihn – ein, als Hommage an Joseph Beuys und „einen außergewöhnlichen Moment der Kunst des 20. Jahrhunderts!“ Das war für den Regisseur eine durch und durch franziskanische Performance, in der das wilde Tier als dem Menschen ebenbürtig betrachtet wird, „während der dreitägigen Abgeschiedenheit von der Welt spricht Beuys mit dem Kojoten, lebt mit ihm zusammen. Franziskus bezeichnete die Tiere als seine Brüder und Schwestern. Das war jedoch keine leere Phrase, sondern Tatsache.“

Das vierte Bild – der reisende Engel. Nicht minder schwierig ist die einzige weiblich besetzte Partie des Engels. Die junge französisch-katalanische Sopranistin Lauranne Oliva klopft an die Klosterpforte, leuchtend-kraftvoll und mit klarer Stimme fragt sie Bruder Elias, ob er über sich hinausgewachsen sei. Atemberaubend, wie alles ins Wanken gerät nach den ungebührlichen Antworten, mit dem vergoldeten Fuß zertritt der Engel die handgefertigten Tonvasen und wird erst dann erkannt. Das Bild der verkehrten Stadt wird heruntergerissen, verschwindet, hell und leer ist der Raum.

 Unbeschreiblich, die Musik von Olivier Messiaen. Einen Klangkosmos vermag Maxime Pascal am Pult der Wiener Philharmoniker in der Felsenreitschule zu entfalten. Zur großen Orchesterbesetzung tönen die zwei Schlagwerkblöcke von den Seitenbalkonen her, dazu die „Ondes Martenot“ (elektronische Tasteninstrumente mit verschiedenen Klangfarbenregistern), von denen die dritte oben am Rang positioniert ist, „dadurch entsteht der Eindruck des Schwebens und der Erhebung, eine Wirkung, die Messiaen zur Darstellung des Engels erzielen wollte“, so Pascal, „einen langanhaltenden ‚ewigen‘ Klang suggerierend“. Franziskus gerät bei der „Musik des Unsichtbaren“, die ihn der Engel hören lässt, in Ekstase.

Der zweite Teil gipfelt in der Vogelpredigt nach einer dreiviertelstündigen Rezitation von Vogelnamen durch den Heiligen Franziskus, deren Sprache er auf wundersame Weise versteht. Messiaen war leidenschaftlicher Ornithologe, ging in den Wald – „die Kathedrale der Natur“ – und bereiste alle Kontinente auf der Suche nach immer neuen Vogelstimmen. Für den Komponisten waren die Vögel „die ersten und größten Musiker der Welt“ sowie „die ersten Boten Gottes“, Vermittler zwischen Himmel und Erde. Castellucci bringt jedoch zum Schluss ein apokalyptisches Bild, denn seit der Uraufführung von Messiaens Oper 1983, sind viele Vögel aus seinem Verzeichnis ausgestorben … tote Vögel fallen vom Himmel, eine lebendige Pfauendame kommt hervor und pickt Körner auf.

Ein riesiger dunkler Balken – erneut eine Abstraktion des Kreuzes – bewegt und teilt den Vorhang zum letzten Akt. Am Berg von La Verna empfing Franziskus im September 1224 die Stigmata Christi. Kein Bühnenbild, sondern nur das Einfügen der rauen Platten in die Arkaden der Felsenreitschule braucht es als mystischen Hintergrund für das spirituelle Geschehen. Von Erde bedeckt heben sich dunkle Wesen in bebender Kraft. Franziskus bittet Gott, die Leiden seines Sohnes durchmachen zu dürfen. Überirdisch wird die Musik, wenn der unbeschreibliche Klang des Chors mit 150 Stimmen die Auferstehung der Toten besingt.

Dass man so etwas in Salzburg erleben darf! Danke, Markus Hinterhäuser. 

Saint Francois d’Assise | Olivier Messiaen (1908 - 1992)
Oper in drei Akten und acht Bildern (entstanden 1975—1983)
Libretto von Olivier Messiaen
Maxime Pascal, Musikalische Leitung 
Romeo Castellucci, Regie / Bühne / Kostüme / Licht
Giulia Giammona, Künstlerische Mitarbeit; Christian Longchamp, Dramaturgie 
Yasmine Hugonnet, Choreografie; Paul Jeukendrup, Klangregie

Philippe Sly, Saint François 
Philippe Sly (Akt I & spielend), Antoin Herrera-López Kessel (Akt II & III singend, 15.8.)
Lauranne Oliva, L’Ange (Engel) 
Sean Panikkar, Le Lépreux (Aussätziger)
Russell Braun, Frère Léon; Léo Vermot-Desroches, Frère Massée; Aaron-Casey Gould, Frère Élie; Willard White, Frère Bernard; Marius Aron, Frère Sylvestre; Ivan Lyvch, Frère Rufin 

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor 
Wiener Philharmoniker