Überblick über Schweizer Kunst aus drei Jahrhunderten

Das Kunstmuseum Bern zeigt eine umfangreiche Sammlungspräsentation aus seinem Bestand und gibt mit ausgewählten Werken von Caspar Wolf bis Ferdinand Hodler einen umfassenden Überblick über Schweizer Kunst aus drei Jahrhunderten.

In der Sammlung des Kunstmuseums Bern bildet die Schweizer Kunst einen bedeutenden Schwerpunkt. Die Sammlungspräsentation „Panorama Schweiz” nimmt ausgewählte Aspekte des gestalterischen Schaffens in der Schweiz vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert in den Blick. Gleichzeitig repräsentiert sie wichtige Werkgruppen des Gemäldebestands. Anlass zur Überblicksschau ist die diesjährige Herbstausstellung im Kunstmuseum Bern, die Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) gewidmet ist. In seiner Wahlheimat Schweiz schöpfte der deutsche Expressionist ab 1917 künstlerische Inspiration und fand zu neuen Bildmotiven. Mit seinen farbgewaltigen Berglandschaften aus Davos reihte er sich bewusst in eine künstlerische Tradition ein, die zu diesem Zeitpunkt von den Schweizer Kleinmeistern bis zu Ferdinand Hodler reichte.

Die Sammlungsausstellung im Kunstmuseum Bern umfasst symbolistische Figurenbilder von Arnold Böcklin bis Ferdinand Hodler, Genreszenen von Albert Anker bis Max Buri, eindrückliche Berglandschaften von Caspar Wolf bis Martha Stettler sowie Aspekte des bürgerlichen Freizeitvergnügens von Cuno Amiet bis Louis Moilliet. So eröffnet sie ein weites Panorama von Schweizer Künstler:innen und Motiven.

Das Kunstmuseum Bern besitzt einen hochkarätigen Bestand symbolistischer Darstellungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In diesen Figurenbildern suchten Schweizer Künstler:innen, über realistische Darstellungen hinaus, tiefere, verborgene Wahrheiten und Gefühle zu offenbaren. Durch tänzerische Bewegungen und andächtige Gesten sollten beispielsweise Lebensfreude oder das Einssein mit der Natur zum Ausdruck gebracht werden, wie in Giovanni Giacomettis Gemälde „Das Erwachen” (1919/1920) zu sehen ist. Gerade die Sehnsucht nach einer spirituellen Verbundenheit von Mensch und Natur war vor dem Hintergrund der Industrialisierung, Verstädterung und Technisierung aller Lebensbereiche charakteristisch für den Zeitgeist der Jahrhundertwende.

Unter dem Begriff des Symbolismus entstanden aber auch Bildfindungen, die sich von einer naturgetreuen Darstellung abwandten. Als Gegenreaktion auf das vorherrschende rationalistische Weltbild und die Vormachtstellung der Naturwissenschaften im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich eine Geisteshaltung, die die sichtbare Realität und die Macht der Vernunft hinterfragte. In der Schweizer Kunst wuchs stattdessen das Interesse für das „Andere”: für das Unbewusste, Unheimliche und Triebhafte, für Traum und Hypnose, für Krankheiten von Leib und Seele, Spiritualität und Esoterik, Mythen und Legenden. Zu den Spitzenwerken der Sammlung des Kunstmuseums Bern in diesem Bereich gehören Ferdinand Hodlers Gemälde „Die Nacht” (1889–1890) und Arnold Böcklins „Meeresstille” (1887). Während Böcklins Werk mythologisch inspiriert ist, schuf Hodler mit „Die Nacht” eine überzeitliche Allegorie für das Schreckbild des Todes.

Mit dem Thema der Vergänglichkeit setzten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch zahlreiche Schweizer Realisten auseinander. Der Tod wurde häufig als Teil der alltäglichen Lebenswirklichkeit dargestellt, beispielsweise in Albert Ankers „Die kleine Freundin” (1862). Neben nach wie vor beliebten religiösen Themen tauchten in dieser Zeit auch neuartige Motive in der Genremalerei auf. Ein besonders nüchternes Beispiel dafür ist Annie Stebler-Hopfs Gemälde „Am Seziertisch“ (um 1889), das ein zeittypisches Interesse an Krankheiten und den Errungenschaften und Methoden der Medizin zum Ausdruck bringt.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrten sich in der Schweizer Kunst auch Darstellungen des Bauern- und Arbeitermilieus. Bäuer:innen, Bauern oder Handwerker sind bei der Arbeit, in den Pausen und beim geselligen Beisammensein zu sehen. Die Landbevölkerung verkörperte einen naturverbundenen, bescheidenen und arbeitstüchtigen Lebensstil, der zu einem wichtigen Bestandteil der nationalen Identität wurde. Ein Beispiel ist Ferdinand Hodlers ikonische Komposition „Der Holzfäller” (1910).

Als besonderes Charakteristikum der Schweiz bildet die Alpenlandschaft auch einen zentralen Gegenstand der Schweizer Kunst. In den Fokus der Malerei rückten die Alpen im Zuge ihrer wissenschaftlichen Erforschung im Barock. Kunstschaffende wagten sich erstmals in das unwirtliche Hochgebirge vor, um als Begleiter von Naturforschern präzise Wiedergaben von Gipfeln, Gletschern und Bergseen zu schaffen. Ein Beispiel ist Caspar Wolf, der heute als einer der Pioniere der Landschaftsmalerei gilt.

Bereits ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Alpen auch Ziel touristischer Reisen. Parallel dazu entstanden in der Kunst Genreszenen mit Hirten, Alphütten und Wanderern, in denen die fast unberührte Berglandschaft als idyllischer Rückzugsort stilisiert wurde. Im Laufe des 19. Jahrhunderts unterstrichen Künstler der Romantik wie Alexandre Calame den ehrfürchtigen Eindruck der Alpen mit dramatischen Gewitterstimmungen und Lichteffekten. Eine moderne Weiterentwicklung erfuhr die Alpenmalerei durch abstrahierende Herangehensweisen. Insbesondere Ferdinand Hodler wurde zum Erneuerer des Genres: Seine Werke prägen bis heute das Bild der Schweizer Landschaft.

Panorama Schweiz. Von Caspar Wolf bis Ferdinand Hodler
15. August 2025 bis 11. Januar 2026