20. Mai 2011 - 2:18 / Ausstellung / Fotografie 
1. April 2011 22. Mai 2011

Anfang der 70er Jahre, als sich in Deutschland die RAF formiert, in einer Zeit, in der man in Afghanistan noch auf dem Kopf des großen Buddhas von Bamiyan meditieren kann, ohne im Internet geköpft zu werden, leben die Zwillinge Jutta Winkelmann und Gisela Getty in Rom unter Künstlern und Dieben. Die "Weltstars in spe" pendeln zwischen Glamour und richtigem Hunger, sie lernen Roman Polanski und Paul Morrissey kennen, Udo Kier und Stash Klossowski de Rola – Balthus ist sein Vater, und seine Großmutter hatte was mit Rilke.

Gute Trips gibt es eigentlich immer, aber oft tagelang nur Artischocken in Öl zu essen. Die Zwillinge arbeiten frei, sie malen ein wenig, schauspielern ein wenig, schreiben und modeln ein wenig, sie sind arm, aber sexy, analoge Vorläufer der heutigen digitalen Bohème, ein kreatives Prekariat, das kaum die Miete zahlen, aber unzählige Bekannte vorweisen kann, die ständig in den Medien präsent sind. In dieser Zeit setzen die Zwillinge das Karma in die Welt, aus dem Jahrzehnte später Facebook hervorgehen wird, sie vernetzen sich international und schneeballartig, und fast immer haben sie ihre Kamera dabei.

Über einen Mafioso, der ihnen Koks vorbeibringt, lernen sie Mario Schifano kennen, den "italienischen Warhol", der die Zwillinge nackt für den Playboy fotografieren soll. Nachdem Gisela von einer Mischung aus Koks und Erdbeermilch schlecht geworden ist, erzählen sich Jutta und Mario ihre Lebensgeschichten: "Immer wieder zieht Mario etwas als Beleg heran, Zeitungsausschnitte, Bücher, Fotos, Reproduktionen seiner Bilder", und erzählt ihr von seinen Verflossenen, von Anita Pallenberg, die später Keith Richards heiratete, von Marianne Faithfull, um die er sich mit Mick Jagger streiten musste, und all das ist medial aktenkundig, es ist in Magazinen nachzulesen. Jutta ist von Mario "mit einem Schlag wie trunken", in seinem Bentley rasen sie am Mittelmeer entlang, das Opium und die Pfeifen im Gepäck, wie Keith und Anita 1967 auf der marokkanischen Wüstenlandstraße.

Über einen anderen kleinen Gauner lernen sie Paul Getty kennen, den Enkel des damals reichsten Mannes der Welt, und wissen sofort, dass sie an den Richtigen geraten sind: ihre Utopie ist, ein Schloss in Marokko zu kaufen, um dort "eine kreative Auserwähltenkommune" zu schaffen. "So was wie Warhols Factory, nur viel ekstatischer und schöner." Es ging durchaus um Geld, aber nicht etwa, um sich mit Konsum zu übersättigen, sondern vor allem deshalb, da Reichtum, ebenso wie Mittellosigkeit, einem die Freiheit verleiht, mit kleinbürgerlicher Normalität nichts mehr zu tun haben zu müssen. Gisela soll Paul heiraten, im Gegenzug soll sie Jutta später mit Bob Dylan helfen, was kein Traum, sondern eine ernsthafte Zielsetzung der Zwillinge ist, seit sie als Teenager in Kassel zum ersten Mal Like a Rolling Stone im Radio gehört haben. "Wir reden so konkret darüber, als läge das allein in unserem Ermessen. Dylan ist in unserer Fantasiewelt schon etabliert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir ihn treffen werden."

Dieses Gefühl, dass alles möglich ist, könne man sich heute vielleicht nicht mehr vorstellen, schreibt Gisela: "Wir haben uns selbst als ziemlich großartig gesehen, auf Augenhöhe mit den Berühmtheiten, die uns interessierten. Unser Kriterium war auch nicht Berühmtheit, sondern Kreativität. Rainer Langhans, Bob Dylan, Dennis Hopper – sie inspirierten und begeisterten uns. Wir fühlten uns verwandt. Diese Einteilung in Unten-Oben gab es ja nicht, alle waren gleich. Natürlich haben wir in Allmachtsfantasien geschwelgt, sahen uns in einer Reihe mit Hermann Hesse, Nietzsche, Che Guevara, Mozart." Und außerdem waren damals ja alle weitgehend auf denselben Drogen unterwegs, und so bestand immer auch die Möglichkeit, sich in irgendwelchen Parallelwelten zu begegnen. Die Freundschaftsanfragen der Mädchen wurden jedenfalls nie abgewiesen – zu einer Zeit, in der man seine Freunde noch anfasste, oder auch ableckte, anstatt mit ihnen nur auf elektronischem Wege zu kommunizieren.

Auch Fellini ist von den Zwillingen hingerissen, die ihm vorgeführt werden "wie exquisite Odalisken auf einem orientalischen Sklavenmarkt". Er möchte sie unter seine Fittiche nehmen, was daran scheitert, dass die beiden nie zu erreichen sind, keinen festen Wohnsitz und schon gar keinen Festnetzanschluss haben. Aus heutiger Sicht ist erstaunlich, dass es ohne mobile Kommunikation überhaupt möglich war, einen solchen Wirbel an Kontakten am Laufen zu halten – und wenig erstaunlich, dass nicht alle Fotos aus dieser Zeit überlebt haben: viele der Negative, ebenso wie einige Freunde der Zwillinge, sind in den 70er Jahren irgendwo auf der Strecke geblieben.

Trotz ihrer illustren Freunde sind die Zwillinge weiterhin chronisch pleite, sie ziehen sogar Banküberfälle in Erwägung, wie die Guerilleros in Deutschland, die eine Bank nach der anderen ausheben. Die beiden sind "zwar nicht mehr richtig links, beziehen jedoch aus dieser Ecke immer noch wichtige Ausstattungsmerkmale für unseren Kosmos". Aber sie wollen "partout nicht in den Knast", und so bewundern sie den Mut von Genossen wie Bommi Baumann, der mit "Wie alles anfing" später ein Kultbuch des politischen Underground schreiben sollte und den Zwillingen prompt in Rom über den Weg läuft: untergetaucht, aus Afghanistan kommend, erntet er gerade Opium in der Toskana. Jutta schlendert mit ihm auf LSD in Sperlonga über den Strand, sie fragt ihn, wie der Rainer denn so gewesen sei in der Kommune – Rainer Langhans, in den beide Zwillinge schon zu Schulzeiten in Kassel aus der Ferne verliebt waren. "Der Kunze hat die Leute immer angemacht", erinnert sich Baumann, "aber der Rainer hat stundenlang mit ihnen geredet. Bis sie nicht mehr wussten, wer sie eigentlich waren".

Als Paul von der Mafia entführt wird, weigert sich der alte Getty, der Hitler noch 1942 als "old friend" bezeichnete, das Lösegeld zu zahlen. Während Paul in einem Erdloch in Kalabrien mit Heroin ruhiggestellt wird, sind die Zwillinge als neue It-Girls im Sommer 1973 die meistfotografierten Mädchen Italiens. Erst als die Entführer Getty ein Ohr abschneiden und es, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, mit der Post an eine römische Tageszeitung schicken, zahlt der Alte schließlich, und nach seiner Freilassung äußert Paul lapidar sein Bedauern darüber, in Zukunft keine Sonnenbrillen mehr tragen zu können. Gisela und er heiraten in der Toskana und landen wenig später in Los Angeles, wo Paul systematisch damit beginnt, sich zugrunde zu richten.

In Hollywood erhalten die Zwillinge weiterhin unzählige Freundschaftsanfragen. Immer sind sie irgendwo eingeladen, und nachdem sich Jutta mit Gisela einen Trip geteilt hat, kollabiert sie auf einer Party in Malibu auf dem Rasen. Über ihr erscheint der Kopf von Bob Dylan, "tatsächlich der echte Bob Dylan und nicht nur eine Halluzination", allerdings kommt er direkt auf das Dritte Reich zu sprechen, womit er Jutta auf einen Horrortrip schickt: "Ich sehe zu Skeletten abgemagerte Leiber, Pistolen an den Köpfen von Menschen, baumelnde Männer an laublosen Bäumen, Frauen, die mit geschorenen Köpfen durch die höhnende Menge getrieben werden, mit Schildern um den Hals, Auschwitz, Dachau, My Lai, Endlösung, Dörfer in Flammen, rollende Panzer, Menschen, die in Gruben fallen, während am Grubenrand ungerührte Gesichter stehen, tote Menschen, die auf Feldwegen verwesen, schreiende Mädchen und Jungen und überall schwarzes Blut, das in Flüssen über die Erde läuft."

Jutta fühlt sich in Hollywood zunehmend fehl am Platz, ihr gefällt die Entwicklung nicht, die viele ihrer amerikanischen Freunde durchmachen: "Meine Wahrnehmung der raffgierigen Frauen der unmäßig reich gewordenen Popstars, der ehemaligen Rebellen", schreibt sie, "die mit ihren inzwischen zahllosen kleinen Kindern, ihrer Sicherheitsbrut, einen neuen gnadenlosen Konsum entfesseln, quält mich und macht mich ratlos." In langen Gesprächen mit Rainer Langhans, der für die Zwillinge fortan einen ruhenden Gegenpol zu Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll bilden wird, sieht Jutta die Chance, zu sich selbst zu kommen. "Kein LSD mehr, kein Fleisch, kein Fisch und auch keine Eier", schreibt sie an Gisela. Meditation, Kaftane, Indien, Fasten, Rainers mittlerweile berühmt gewordene Äußerung, keine Samenergüsse haben zu wollen, da ihn diese traurig und leer machten – es ist durchaus naheliegend, Langhans in die Eso-Ecke zu rücken, aber man sollte dabei nicht vergessen, dass es diese vor dreißig Jahren noch gar nicht gab, dass Langhans sie quasi eigenhändig gemauert hat.

Gisela hingegen fährt mit Dennis Hopper nach New Mexico. Ein fahler Mond bescheint das weite Land am Rio Grande, am Horizont schimmern ockerrote Berge, und Hopper frühstückt Gras, Koks und Tequila. Eine mexikanische Schönheit namens Maria gesellt sich hinzu, es kommt zur Ménage à trois, und "vor Wut grimassierend" drückt Hopper Gisela Marias Unterhose ins Gesicht: "Riech das, so riecht eine richtige Frau. Das hast du bestimmt noch nie gerochen." Ständig schreit er nach seinem Maschinengewehr und droht, die Mädchen umzubringen. "Dennis konnte innerhalb weniger Minuten vom heiligen Sadhu zum Antichrist werden", erinnert sich Gisela. "Er bildete mit Dynamitstangen einen Kreis, zündete sie an und setzte sich in die Mitte. Durch die aufeinanderprallenden Explosionswellen flog er einen halben Meter in die Luft, ohne verletzt zu werden."

Auch in L.A. sind die Dinge am Entgleisen. Paul hat begonnen, mit Donald Cammell herumzuhängen, immer ein bedenkliches Zeichen: Cammell, der mit Nicolas Roeg ein paar Jahre zuvor den epochalen Selbstauslöschungsklassiker Performance gedreht hatte, mit Anita Pallenberg und Mick Jagger, war die Art Mann, der, nachdem er sich mit einer Schrotflinte ins Gesicht geschossen hatte, absichtlich so, dass er nicht sofort tot war, seine junge Frau, die er auf der Südseeinsel von Marlon Brando kennengelernt hatte, darum bat, ihm einen Spiegel zu bringen, damit er sich beim Sterben beobachten konnte. Auch den goldenen Hippie Paul Getty erwartete ein tragisches Schicksal: durch das Trauma seiner Entführung auf eine finstere Spur gesetzt, fiel er auf einer Party nach einem Cocktail aus Alkohol und Tabletten unbemerkt ins Koma. "Erst am nächsten Morgen kam seinen Freunden an Paul etwas komisch vor", erinnert sich Gisela. "Sie konnten ihn nicht wecken. Sein Atem war kaum zu vernehmen. Sie hielten ein Streichholz vor Pauls reaktionsblinde Augen, dann riefen sie den Notarzt."

Heute arbeiten die Zwillinge immer noch frei, sie fotografieren, spielen Theater, schreiben Bücher und spielen mit dem Gedanken, nach Berlin zu ziehen. Gisela hält immer noch Kontakt zu Paul, der aus seinem Koma blind und fast vollständig gelähmt erwachte, "er ist mein Vertrauter", sagt sie, "wir haben eine sehr enge und zärtliche Beziehung." Den Kindern und Enkeln geht es gut, Balthazar ist schon seit Jahren vom Heroin los, Anna ist Autorin und Yogalehrerin in Italien, Severin lebt in L.A. und macht Filme, und Karline hat gerade eine Tochter zur Welt gebracht, mit Denyo von den Beginnern lebt sie als DJ in Berlin. Die Bilder setzen sich zu einer einzigartigen Szenerie zusammen: ob es ohne die Zwillinge Verbindungslinien zwischen Bommi Baumann und Paul Getty, Rainer Langhans und Dennis Hopper, Wolf Wondratschek und Vincent Gallo geben würde, darf getrost bezweifelt werden. Alexander Schimmelbusch

The Twins
A visual Journey by Gisela Getty & Jutta Winkelmann
1. April bis 22. Mai 2011

Deichtorhallen Hamburg
Deichtorstraße 1-2
D - 20095 Hamburg

T: 0049 (0)40 32103-0
F: 0049 (0)40 32103-30
E: mail@deichtorhallen.de
W: http://www.deichtorhallen.de/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  1. April 2011 22. Mai 2011 /
15494-1549401.jpg
Claudio Abate; Jutta. Paul und Gisela, Rome 1973
15494-1549402.jpg
Robert Freeman; Jutta und Gisela, countryside Rome 1973
15494-1549403.jpg
Claudio Abate; Jutta und Gisela, Rome 1973
15494-1549404.jpg
Gisela Getty - Jutta Winkelmann - Paul Getty III. Copyright: Claudio Abate
15494-1549405.jpg
Gisela Getty - Jutta Winkelmann in Rom. Copyright: Claudio Abate