11. März 2008 - 3:35 / Walter Gasperi / Filmriss
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Bewegend und mit genauem Blick für den Alltag einer mongolischen Hirtenfamilie erzählt der Chinese Wang Quan`an in seinem 2007 an der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Drama von einer Frau, die entschieden zu ihrem körperlich behinderten Mann hält.

Am Beginn steht ein Streit zwischen zwei Kindern vor einer Jurte, in der eine Hochzeit gefeiert wird. Die Braut kommt dazu und versucht zu schlichten, zieht sich dann aber weinend in die Jurte zurück.

Erst am Ende wird der Film zu dieser Szene zurückkehren, nachdem in einer Rückblende die Vorgeschichte erzählt wurde: Im Mittelpunkt steht die junge Ehefrau Tuya und ihre Familie. Ihr Mann Bater ist seit einem Unfall, den er beim Versuch in der Steppe einen Brunnen zu graben erlitt, gelähmt. Tuya muss sich deshalb nicht nur um die Arbeit in der Jurte und die Erziehung der beiden Kinder, sondern auch um die rund 200 Schafe kümmern. Als sie aufgrund der Doppelbelastung erkrankt, schlägt ihr die Schwägerin vor, sich um einen neuen Mann zu bemühen.

An Bewerbern fehlt es nicht und verlockend sind die Versprechen von materiellem Wohlstand und bequemerem Leben, doch Tuya will nur den Mann heiraten, der auch bereit ist Bater in den Haushalt aufzunehmen. Zwar ist dieser Aufmarsch der Brautwerber immer wieder von sanfter Komik durchzogen und die Kleider sind farbenprächtig, doch Quan`ans Blick ist nicht folkloristisch oder touristisch, sondern wie einst die Filme des italienischen Neorealismus geprägt von tiefer Menschlichkeit.

Im Zentrum steht dabei auch bei der Zeichnung der Nebenfiguren die Sehnsucht nach dem Glück. Wie Tuyas Schulfreund Baolier sein Erfolg im Ölgeschäft nicht glücklich machte, so flüchtet ihr Nachbar Senge aus seiner Ehekrise in den Alkohol. Und Tuya selbst droht förmlich zu zerbrechen an der Entscheidung, die sie treffen muss: Soll sie die vor Augen gehaltene materielle Sicherheit wählen oder zu ihrem arbeitsunfähigen Mann stehen, den sie liebt.

Wang Quan`an verzichtet auf alles Spektakuläre und filmische Mätzchen. Die Inszenierung steht ganz im Dienst der einfachen Geschichte und dem von Empathie getragenen Blick auf die Menschen. Gekonnt bettet die Kameraarbeit des Deutschen Lutz Reitemeier das Geschehen in großartigen, aber nie selbstzweckhaften Totalen in die weite mongolische Steppe ein, die nur durch Gebirgszüge am Horizont begrenzt wird. Glaubwürdigkeit und Kraft gewinnt "Tuyas Hochzeit" durch diese starke Verankerung in einem geographischen und sozialen Raum und dem genauen Blick für kulturelle Eigenheiten.

Zutiefst menschlich ist dieser Film und mit Tuyas Entscheidung plädiert auch Wang Quan´an ohne je prätentiös zu werden oder dick aufzutragen ganz aus der feinfühlig erzählten Geschichte heraus und dank der hervorragenden Laiendarsteller für Fürsorge und Nächstenliebe und erteilt dem Egoismus und Wirtschaftsdenken eine klare Absage. – So sehr "Tuyas Hochzeit" am Rande des boomenden Reichs der Mitte spielen mag, so sehr kann man freilich in dieser Position auch eine indirekte Kritik am rasanten wirtschaftlichen Umbruch Chinas, bei dem der Mensch auf der Strecke bleibt, sehen.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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Tuyas Hochzeit