Turning Pages – Künstler:innenbücher der Gegenwart

Bücher erzählen Geschichten, transportieren Wissen und Emotionen und öffnen Fenster in neue Welten. Durch künstlerische Konzepte werden sie zu autonomen Kunstwerken. Seit den 1960er Jahren denken Künstler:innen verschiedenster Generationen das Medium Buch neu und nutzen es als Ausdruck kreativer Konzepte und Ideen. Rund 300 experimentelle Publikationen geben in der Ausstellung im Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien Einblick in dieses künstlerische Genre und seine ästhetische Vielfalt.

„Ein Buch von einem Künstler, nicht über Kunst, sondern als Kunst an sich“ – so beschrieb die US-amerikanische Schriftstellerin Lucy R. Lippard 1977 das Künstlerbuch, das in besonderer Weise interdisziplinäre Zugänge zulässt. Im Spiel mit Format, Material und Medien übersetzen die Künstler:innen dabei Zeichnung, Malerei, Fotografie, Film und Musik. Sie verweben Archivalien, Fotos, Fragmente und Spuren von Druckverfahren zu eigenständigen Buchkonzepten. Dadurch erweitern sie das Medium Buch – auch im Kontext einer von digitalen Inhalten und KI-generierten Bildern geprägten Gegenwart.

Mit dem 1965 in Jerusalem errichteten Museum „Shrine of the Book” machte der österreichisch-amerikanische Architekt, Designer, Künstler und Theoretiker Friedrich Kiesler das Buch zur Ikone. Sein einziges realisiertes Gebäude, zu dem er ein gleichnamiges Künstlerbuch plante, interpretiert das Buch als visionären Handlungsraum. Es fungiert als Vehikel einer durch Migration geprägten Gesellschaft und zugleich als kulturelles Gedächtnis.

Die in der Ausstellung „Turning Pages” gezeigten Arbeiten und ihre Titel lassen sich als humorvolle oder kritische Kommentare zur Zeitgeschichte lesen. Ein Meister darin ist Martin Kippenberger, von dem unter anderem das Buch „O Rio de Janeiro besser (richtig)” (1987) zu sehen ist. Peter Malutzki reflektiert Ed Ruschas ikonisches Leporello „Every Building on the Sunset Strip” (1966) und übersetzt die Zerstörung durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in das Buch „Some Buildings on the Streets of Kharkiv” (2023). Ion Grigorescu wiederum zeichnet in „The Political Book of Romania” (1991/92) ein persönliches Stimmungsbild der durch das kommunistische Regime des Diktators Nicolae Ceaușescu geprägten rumänischen Gesellschaft.

Zeitgenössische Produktionen treten in der Ausstellung in Dialog mit Avantgarde-Positionen, so beziehen sich Michael S. Riedel und Dennis Loesch mit ihrem Buch Oskar-von-Miller Strasse 16 (2003) über den gleichnamigen experimentellen temporären Kunstraum in Frankfurt am Main auf Andy Warhols "a: A novel" (1968), während R. H. Quaytman mit ‫ד"‬. Chapter 24” (2012) an Hans Holleins Kassettenkatalog „Alles ist Architektur. Eine Ausstellung zum Thema Tod“ (1970) an. Beide wurden vom Städtischen Museum Mönchengladbach herausgegeben.

Ein plakatives Beispiel für das Aufeinandertreffen verschiedenster Medien ist das Werk "A Finger in the Fishes Mouth" (1972) des Filmemachers Derek Jarman, dessen skizzenhafte Gedichte und Illustrationen die Bildsprache seiner Super-8-Filme aufnehmen. „A House of Dust” (1967) von Alison Knowles steht beispielhaft für die ersten computergenerierten Gedichte und ist als „Poem in Progress” zu verstehen.

Einen Einblick in den kreativen Prozess, der Künstler:innenbüchern zugrunde liegt, vermittelt die Ausstellung mit ausgewählten Prototypen, Fotografien, Zeichnungen, Übermalungen, Archivalien und den verwendeten Materialien, wie etwa einem Tableau mit Ausschnitten von Modemagazinen, die Halvor Rønning in seiner Recherche für das Buch „I Would Button up My T-shirt if I Could” (2018) verwendete.

In der vom Architekten Robert Müller gestalteten Ausstellung werden Werke von unter anderem Juliette Blightman, Alighiero Boetti, Christian Boltanski, Marcel Broodthaers, Milena Büsch, Ernst Caramelle, Bernd Cella, Tony Cokes, Ramesch Daha, Heinrich Dunst, Cerith Wyn Evans, Vincent Fecteau, Hans Peter Feldmann, Heinz Frank, Isa Genzken, Richard Hawkins, Maria Lassnig, Dirk von Lowtzow, Olaf Nicolai, Claes Oldenburg, Henrik Olesen, Yoko Ono, Laura Owens, Florian Pumhösl, Andreas Reiter Raabe, Dieter Roth, Toni Schmale, Daniel Spoerri, Cy Twombly, Nicole Wermers, Tanja Widmann und Christopher Wool präsentiert. Sie eröffnen ein buntes und spannungsreiches Panorama.

Turning Pages
Künstler:innenbücher der Gegenwart
Bis 22. März 2026