29. Januar 2008 - 1:56 / Ausstellung / Archiv 
5. Oktober 2007 3. Februar 2008

"True Romance" ist die große Herbstausstellung der Kunsthalle Wien im Rahmen des Schwerpunktes Liebe, Tod und Trauma. Das von Belinda Grace Gardner, Hamburg, konzipierte und von der Kunsthalle zu Kiel initiierte Gemeinschaftsprojekt feiert mit der Eröffnung im Herbst in der Kunsthalle Wien seine "Premiere", wandert danach zum Museum Villa Stuck, München, und wird abschließend in Kiel zu sehen sein.

Wenn wir von Liebe sprechen, aktivieren wir in unserem Kopf sofort eine Fülle von Ideal- und Gegenbildern. Wir denken an glühende Verehrung und erkaltete Gefühle, an das Herz, das in Flammen steht oder zu Eis erstarrt ist. Auf Wolken zu wandeln oder in Abgründe der Verzweiflung zu stürzen: Diese jederzeit abrufbaren Metaphern der Liebe sind keine Erfindungen der Werbe- und Filmindustrie. Ihre Wurzeln reichen weit zurück zu den Anfängen der neuzeitlichen abendländischen Kultur.

Die Ausstellung True Romance schreibt epochen- und medienübergreifend eine Geschichte der Darstellung der Liebe in der bildenden Kunst. Sie zieht Parallelen zwischen historischen Werken und gegenwärtiger Kunstpraxis und zeigt – erstmalig in der Kunsthalle – einen großen Anteil an Arbeiten ab der Neuzeit: Ausgehend von der Antikenrezeption der Renaissance über Liebes-Bilder zwischen Barock und Moderne, Inszenierungen und Abgesängen der Liebe in der Pop-, Aktions- und Konzeptkunst bis hin zu den Allegorien der Liebe im aktuellen Kunstgeschehen, untersucht die Schau die bildhafte und schlaglichtartige Entwicklung des großen Gefühls in eindrucksvoller Weise.

Ausgangspunkt sind die Sonette des Dichters Francesco Petrarca (1304-1374) an die ferne Laura, die zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert eine Lawine der Liebesdichtung in Europa auslösten. In seinem Canzoniere erhebt der Poet die Liebe erstmals in den Rang künstlerischer Inspiration und Diktion. Seither wird die kulturstiftende Kraft von Liebesgefühlen in der Kunst immer neu zum Ausdruck gebracht - sei es in Form sittlich-reglementierten Geschlechterlebens bei Pieter de Hooch, in den präraffaelitischen Idealisierungen Dante Gabriel Rossettis, in der symbolischen Fassung des Themas im Pfeil durchdrungenen, blutenden Herz bei Tim Noble/Sue Webster oder in den expressiv-surrealen Phantasmagorien von Barnaby Furnas und weiteren heutigen Ausdifferenzierungen von Liebeswollen und Intimität.

So verdichten sich die zentralen mythologischen Gestalten der Liebe, Amor und Venus, zu ikonografischen Bilderreihen, von Franz von Stucks Amor Imperator über Dora Maars hintergründige Pfeilträgerin bis zu Luis Camnitzers bizarrer Eisenskulptur als aktueller Liebes-Allegorie. Venus wird als Verkörperung von himmlischer und profaner Liebe in Adriaen van der Werffs Gemälde Venus und Amor, in Carl Andres minimalistischer Bodenarbeit Venus Ellipse, Erwin Blumenfelds Venus Nu oder den Darstellungen des mythologischen Liebespaars Venus und Adonis bei Joseph Heintz d.Ä. und Cy Twombly thematisiert. Weitere zeitgenössische Revisionen des Venus-Mythos unternehmen Mark Boyle/Joan Hills, Valie Export, Michelangelo Pistoletto oder Peter Weibel.

Liebesreflexionen der aktuellen Kunst handeln oft von unerfüllter Sehnsucht, massenmedialer Streuung und Kommerzialisierung der Liebe, wie dies in den Werken von Katharina Fritsch, Richard Prince oder Jean-Jacques Lebel zur Anschauung kommt. Der Verlust des Ideals rückt hier ins Zentrum – und doch lebt das Liebeslob in alten und neuen Formen fort. Entweder in direkt dem Alltag entnommenen Bildern wie bei Cecilia Edefalk und Hans-Peter Feldmann, in den Intimsphären der Fotografien Nan Goldins oder auch in Felix Gonzalez-Torres" allegorischer Arbeit Untitled (Loverboys), wo der Körper des Geliebten in Bonbons aufgewogen wird. Let"s get physical/digital von Christian Jankowski schlägt in seiner Behandlung des virtuellen Liebesverlangens eine zeitgemäße Brücke zu Petrarca, doch fern vom unerfüllten Ideal der Liebe wie sie in den Sonetten des Dichters anklingt. Was bleibt, ist die Endlosigkeit der Liebe, die über die ganze sinnliche Welt triumphiert. Als Quelle individuellen Glücks schreibt sich diese dauerhaft in das Leben und zugleich offen, verhüllend und auch idealisierend in die Kunst ein.

Die Ausstellung präsentiert bedeutende zeitgenössische KünstlerInnen wie u.a. Cecily Brown, Tracey Emin, Valie Export, Nan Goldin, Martin Kippenberger, Jean-Jacques Lebel oder Cy Twombly Seite an Seite mit einflussreichen Werken von u.a. Giorgione, Pieter de Hooch, Gustav Klimt, oder Adriaen van der Werff. Gezeigt werden rund 130 Werke von über 80 KünstlerInnen.


Ausstellungskatalog: True Romance. Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute. Hg.: Belinda Grace Gardner (Hamburg); Michael Buhrs (Museum Villa Stuck, München), Dirk Luckow (Kunsthalle zu Kiel); Gerald Matt (Kunsthalle Wien). Vorwort: Michael Buhrs, Dirk Luckow, Gerald Matt. Texte von Belinda Grace Gardner, Michael Glasmeier, Eva Illouz, Hanne Loreck, Angela Stief, Ingeborg Walter und Dörte Zbikowski. Deutsch/englisch, 268 S. mit ca. 120 farbigen Abb., Dumont. ISBN 978-3-8321-9049-1, EUR 29,-

True Romance
Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute
5. Oktober 2007 bis 3. Februar 2008, Halle 1

Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52189-1201
F: 0043 (0)1 52189 1260
E: office@kunsthallewien.at
W: http://www.kunsthallewien.at/

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Anna Jermolaewa: Still aus 'Kiss', 2006. Courtesy die Künstlerin; © die Künstlerin
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