Für den Kunstraum Innsbruck hat Melanie Gandyra eine dichte, atmosphärisch aufgeladene Raumgestaltung entwickelt, die den Projektraum in eine vielschichtige visuelle Erzählung verwandelt. „Trimmt euch – ein Pfad der guten Hoffnung“ entfaltet zwischen fliegenden Tropfen, Bergen und tempelartigen Strukturen eine Bildwelt, die Fragen nach Übermaß, Ungleichgewicht und dem Potenzial von Umverteilung aufwirft.
Der Begriff des Trimmens verweist ursprünglich auf die Praxis der Seefahrt: Schiffsladungen werden umgeschichtet, um Kippen und Sinken zu vermeiden. Ungleichgewicht gilt dabei als zentrales Risiko, und Stabilität entsteht durch eine bewusste Umverteilung. Dieses Prinzip überträgt Melanie Gandyra (* 1991) auf gegenwärtige ökologische und gesellschaftliche Systeme. Wo sich Ressourcen, Macht oder Emissionen anhäufen, geraten Lebensräume aus dem Gleichgewicht – Klimakrisen, soziale Ungleichheit und ökologische Kipppunkte sind die sichtbaren Folgen. In dieser Lesart erscheint Umverteilung nicht als Verlust, sondern als Voraussetzung von Schutz, Fürsorge und kollektiver Verantwortung.
Ausgehend von ihren charakteristischen Bildwelten, in denen ökologische Fragilität, kartografische Linienführungen und organische Strukturen miteinander verwoben sind, fasst Gandyra die Wände des Zwischenraums wie eine topografische Oberfläche auf. Unter den Händen der Künstlerin verwandelt sich diese in eine Art „atmende“ Landschaft. Subtile grafische Interventionen, farbliche Markierungen und rhythmische Setzungen definieren Zonen der Aufmerksamkeit, in denen einzelne Arbeiten eine eigene, aber bewusst in das größere Gefüge eingebettete Präsenz erhalten.
Der Raum wird so zu einem Parcours, in dem die Werke weniger als isolierte Objekte erscheinen, sondern als Koordinaten innerhalb eines vielstimmigen Geflechts. In dieser räumlichen Choreografie verhandelt die Künstlerin Fragen von Balance und Verantwortung und transformiert den Projektraum in eine kontemplative und zugleich pointiert strukturierte Umgebung. Der funktionale Rahmen der Präsentation wird dabei nicht negiert, sondern erweitert: Er wird zur Bühne eines zeitgenössischen Verständnisses von Kunstvermittlung, in der die Besucherinnen und Besucher Teil einer fein abgestimmten visuell-poetischen Choreografie werden. Es entsteht ein raumgreifendes Bild, das Kunst als verdichtete Form künstlerischen Denkens begreift – und als Einladung, bestehende Gleichgewichte neu zu denken.
Trimmt euch – Ein Pfad der guten Hoffnung
bis 21. November 2026