13. August 2019 - 7:39 / Ausstellung / Fotografie  / Reminder
20. Juni 2019 20. Oktober 2019

Die Ausstellung «Traumbild Ägypten – Frühe Fotografien von Pascal Sebah und Émile Béchard» zeigt mehr als sechzig Originalabzüge der in Kairo tätigen Berufsfotografen Pascal Sebah (1823-1886) und Émile Béchard (1844-?). In den Bildern, die aus den Jahren 1870 bis 1880 stammen, begegnen wir dem damaligen abendländischen Blick auf den Orient: verhüllte Frauen, Moscheen oder Pyramiden. Nach der Eröffnung des Suezkanals 1869 florierte in Ägypten der Tourismus aus Europa, und Fotografien für Touristen wurden zu einem lohnenden Geschäft. Sebah und Béchard gehörten zu den gefragtesten Fotografen in Ägypten, deren Bilder von Touristen gekauft wurden und zu Tausenden nach Europa gelangten.

Der Türke Sebah und der Franzose Béchard wussten um die europäische Faszination für den Orient – jenes geografisch schwer einzugrenzenden Zufluchtsortes für Träume und Sehnsüchte. Gekonnt erschufen sie visuelle Wunschträume und bedienten so die Vorstellung des Orients als Heimat und Quelle romantischer Fantasien. Dennoch wurden die Bilder mit real existierenden Menschen und an wirklichen Orten geschaffen. «Traumbild Ägypten» deckt diese Mechanismen auf und zeigt, wie die Fotografen die Traumwelt Ägypten mit Hilfe von Schauspielern inszeniert und Bild für Bild für ein westliches Publikum zusammengesetzt haben.

Mit der Ausstellung «Traumbild Ägypten» gibt das Museum Rietberg den Startschuss für eine verstärkte Präsenz seiner Fotosammlung und ihrer Erforschung. Das Museum besitzt eine Sammlung von etwa 80’000 Fotografien, die zwischen 1870 und 1980 in verschiedenen Ländern Afrikas, Asiens, Amerikas und Europas aufgenommen wurden. Dies umfasst sowohl Werke namhafter aussereuropäischer und westlicher Fotografen als auch Feldfotografien wichtiger Forscherinnen und forscher sowie historische Aufnahmen von Objekten des Museums.

«Traumbild Ägypten»: Inszeniertes Orienttheater im Hinterhof

Typenporträts und Darstellungen von Berufsgattungen waren unter der europäischen Kundschaft schon damals äusserst beliebt. Pascal Sebah verstand es meisterhaft, das Orienttheater zu inszenieren. In der Ausstellung begegnen wir Pferdeknechten, Orangenverkäuferinnen, Kameltreibern und Eseln, mit Hilfe derer Sebah unter freiem Himmel in Hinterhöfen Kairos fiktive Momente des Alltags erschuf. In einer sorgsam komponierten Szene mit einem Wasserverkäufer beispielsweise blickt eine Dienerin durch das Türchen eines «Haremsfensters» hinaus auf das Geschehen (FRP 118). Das sogenannte Haremsfenster (Marschrabiya) spielt in vielen Fotografien Sebahs eine wichtige Rolle. Es ermöglichte den Frauen, das Treiben auf der Strasse zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Als architektonischer Schleier, der unzugängliche, geheime Räume erahnen liess, war er ein zentrales Element der Touristenfotografie. Wie andere Berufsfotografen in Kairo hat auch Sebah diesen Erker aus kunstvoll gedrechselten Holzstäben kurzerhand aus den höher gelegenen Stockwerken auf den Boden versetzt, um so das Spiel der wechselnden Blicke besser inszenieren zu können.

In der Ausstellung sind zudem verschiedene Szenen zu sehen, die während derselben Fotosession entstanden sind. Dabei begegnen wir nicht nur immer wieder derselben Kulisse, sondern auch denselben Statisten, was der inszenierte Charakter der Bilder verdeutlicht.

Das Spiel mit dem Schleier dominiert in Sebahs Aufnahmen von Frauen. Zu seinen prägnantesten Fotografien gehört dabei das Abbild einer «arabischen Frau» oder «Femme arabe», wie sie in der französischen Bildunterschrift, der damals zur Verständigung gängigen Sprache in Ägypten, bezeichnet wurde (FRP 1-22). Ihre Körperhaltung und Gestik erinnert an Personen, wie sie auf den Grabmalereien des pharaonischen Ägypten dargestellt waren. Schon vor seiner Zeit in Kairo war Sebah ein Meister von Frauendarstellungen, wie einige bezaubernde Fotografien türkischer Frauen aus Istanbul zeigen, wo Sebah seit 1857 ein Studio betrieb.

Die Umschiffung der Gegenwart

Zum touristischen Portfolio gehörten auch Aufnahmen von Grabreliefs, die vom grossen technischen Können der frühen Fotografen zeugen (FRP 1-7). Sie erinnerten an die prachtvolle Vergangenheit des Landes, die durch Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 bis 1801 wiederentdeckt wurde. In der Folge erschienen reich bebilderte Reiseberichte, die den Blick auf Ägypten prägten und auch das fotografische Inventar der Region bestimmten.

Touristen aus Europa begaben sich auf die Spuren der gloriosen Vergangenheit. Die auf den Orient ausgedehnte Grand Tour führte von Kairo den Nil hinauf bis Abu Simbel. In Kairo kauften sie vor ihrer Heimreise Fotografien der Pyramiden von Gizeh, der Tempel, Skulpturen und Grabreliefs und stellten sich so ihr Portfolio zusammen. Béchard und Sebah boten eine Vielzahl solcher Ansichten an. Ein solches Glanzstück ist Sebahs Fotografie der Cheops-Pyramide, nachdem der Nil über die Ufer getreten war (FRP 1-39). Die Spiegelung der Pyramide und der Palmen im Wasser erinnern an eine Fata Morgana. Solche Bilder vermitteln den Eindruck von Räumen ohne Zeit und effektiven Ort; die Gegenwart wird nahezu negiert.

Menschen erscheinen auf den Bildern oft nur vereinzelt und lassen eine Vision eines entvölkerten Orients erscheinen. Als Randfiguren wurden sie sorgsam platziert, um die monumentale Grösse der ägyptischen Altertümer zu verdeutlichen (FRP 1-48). Ein beliebtes Bildthema, das sich sowohl in Aufnahmen Béchards als auch Sebahs wiederfindet, sind Krokodiljäger am Nil (Abb. 1-46). Auch dabei handelt es sich um ein gestelltes Wunschbild: Der aus dem Wasser ragende Vorderfuss des Krokodils und die entspannte Haltung der Männer verraten, dass es sich hier um einen fiktiven Kampf mit einem ausgestopften Krokodil handelt.

Die fotografische Aneignung des Orients im 19. Jahrhunderts trieb bisweilen seltsame Blüten. In Kairo erhielten Touristen die Möglichkeit, sich in Fotostudios als Mumie oder Sphinx posierend abbilden zu lassen und sich so buchstäblich das alte Ägypten einzuverleiben.

Zwischen Nostalgie und Aufbruch: Stadtansichten Kairos

Ein weiteres wichtiges Bildthema des touristischen Portfolios ist das altertümliche Kairo. Auch hier vermitteln die Fotografien das Bild einer im Mittelalter stehen gebliebene Welt, ohne sichtbare moderne Eingriffe. Die meist grossformatigen Aufnahmen von wichtigen Moscheen in Kairo bestechen durch die Detailtreue und Tiefenschärfe. Diese Eigenschaften des fotografischen Albuminverfahrens sind selbst mit heutigen Techniken unerreichbar. So sind in den Torbögen des Ibn Tulun-Innenhofs die Ornamente gestochen scharf erkennbar (FRP 1-63).

In den bezaubernden Architekturaufnahmen verbirgt sich aber auch ein Stück verlorene Wirklichkeit. Ab 1868 wurde Kairo vom Khediven Ismail Pacha nach dem Pariser Vorbild radikal erneuert. Viele Strassen, wie die bekannte und oft fotografierte Rue du Caire mit ihren Marschrabiyen, mussten neuen Projekten weichen (FRP 1-38). Ismail Pacha beauftragte Béchard 1874 damit, das neue Kairo abzubilden. Dazu gehörten Aufnahmen der sich noch im Bau befindlichen Muhammad-Ali-Moschee, die den türkischen Moscheen nachempfunden wurde (FRP 1-64). Béchard und Sebah dokumentierten auch die grossen Infrastrukturprojekte wie die Brücken, die Kairo mit der Nilinsel Gezira verbanden.

Béchard oder Sebah? – Copyright im 19. Jahrhundert

Viele Fotografien dieser Ausstellung sind von «H. Béchard» signiert. Nach neuesten Erkenntnissen handelt es sich dabei um Émiles Bruder Hippolyte (1841-?), der ebenfalls in das Geschäft mit eingebunden war. Nichts deutet darauf hin, dass Hippolyte in Ägypten war; aber er besass die Negative, signierte die Abzüge mit seinem Namen und vertrieb diese in Europa, auch nachdem Émile 1880 Ägypten verliess. Émile Béchard hat auch Negative an Sebah abgetreten, der die Abzüge dann unter seinem Namen publizierte. Auch andere in Kairo tätige Fotografen haben untereinander Negative getauscht, um ihr Sortiment zu vervollständigen. Somit ist es in gewissen Fällen unmöglich, mit Sicherheit den Fotografen zu bestimmen. Die wichtigsten Berufsfotografen in Kairo im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts – die Brüder Zaganki, Béchard, Felix Bonfils und Sebah – haben nicht nur mit Negativen gehandelt, sondern auch ihre Hinterhofstudios oder ihr Equipment anderen zur Verfügung gestellt.

Traumbild Ägypten – Frühe Fotografien von Pascal Sebah und Émile Béchard
Kuratorin der Ausstellung: Nanina Guyer, Kuratorin für Fotografie, Museum Rietberg
20. Juni bis 20. Oktober 2019

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15
CH - 8002 Zürich

T: 0041 (0)44 415 31 31
F: 0041 (0)44 415 31 32
E: museum.rietberg@zuerich.ch
W: http://www.rietberg.ch/

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