1. Oktober 2009 - 5:02 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Brad Anderson legt nach seiner verstörenden Reise in die Abgründe der menschlichen Psyche in "The Machinist" mit "Transsiberian" einen konventionellen, aber zumindest im zweiten Teil spannenden Thriller vor, den Universum Film auf DVD und Blue-ray herausgebracht hat.

Altmodisch ist im Grunde schon die Ausgangssituation von Brad Andersons "Transsiberian": Wer legt denn in Zeiten der Globalisierung, der Rastlosigkeit und ständigen Zeitnot noch die knapp 8000 Kilometer zwischen Peking und Moskau mit dem Zug zurück? Anderson jedenfalls lässt ein junges amerikanisches Paar seine Heimreise von einem christlich-caritativen Einsatz in China auf diese Weise antreten.

Eine dieser Zugfahrt vorangestellte Szene von einem Mord in Wladiwostok macht klar, dass Jessie (Emily Mortimer), deren ziemlich wilde Jugend angedeutet wird, und der kreuzbrave Roy (Woody Harrelson), die durch diese Fahrt auch die kleinen Risse in ihrer Ehe kitten wollen, wohl früher oder später in irgendeiner Weise in dieses Verbrechen verwickelt werden müssen.

Vorerst geht es aber gemütlich dahin und man freundet sich im Abteil mit dem jungen Spanier Carlos (Eduardo Noriega) und seiner Freundin Abby (Kate Mara) an. Dass diese beiden nicht ganz sauber sind und etwas zu verbergen haben, ist rasch klar, wirklich Bewegung kommt aber erst in die Handlung, als Roy bei einem Zwischenstopp den Zug verpasst und Jessie mit Carlos und Abby in der nächsten Stadt aussteigt, um auf ihren Mann zu warten. Da beginnt sich dann bald auch der Drogenfahnder Grinko (Ben Kingsley) für Jessie zu interessieren und diese in die Mangel zu nehmen.

So altmodisch eine Zugfahrt heute anmutet, so – in keinesfalls negativem Sinne – altmodisch hat Anderson seinen Thriller auch inszeniert. Auf Action verzichtet er lange Zeit, konzentriert sich auf das Beziehungsgefüge und setzt als Pausen zwischen den Innenszenen immer wieder Totalen mit dem durch die endlosen Weiten des winterlich verschneiten Sibiriens rollenden Zugs.

Während Harrelson als Roy farblos bleibt, ist die von Emily Morton gespielte Jessie eine vielschichtigere Figur, die wirklich tiefgründig auszuloten Anderson aber verabsäumt. Spannend könnten auch die Blicke aufs postkommunistische Russland sein, aber auch aus dem Setting wird zu wenig herausgeholt.

Immer wieder spürt man bei diesem Thriller, dass man aus dem Stoff weit mehr hätte machen können und was "Transsiberian" im Vergleich mit "The Machinist" völlig fehlt, ist die Doppelbödigkeit. Da ist Russland ein finsteres und desolates Land mit Menschen, denen man nicht trauen kann und somit ein gefährliches Terrain für das naive und anständige amerikanische Paar. Zu simpel und zu klischeehaft ist dieses Gut-Böse-Schema, das auch kaum dadurch aufgebrochen wird, dass sich Jessie durch Lügen immer mehr in Widersprüche verstrickt. Egal was sie macht, an ihrer moralischen Integrität kommen beim Zuschauer nie Zweifel auf.

So eindeutig die meisten Figuren gezeichnet sind, so geradlinig erzählt Anderson. Die Handlung ist in vielem vorhersehbar und nie geht "Transsiberian" über einen klassischen Zugkrimi wie Sidney Lumets Agatha-Christie-Verfilmung "Murder on the Orient Expres" (1974) hinaus, nie erreicht er aber auch die Kraft und das Tempo von Andrej Konchalovskys "Runaway Train - Express in die Hölle" (1985). Mehr als ein solider, durchaus unterhaltsamer, aber leider auch mit Filmende ohne Nachwirkung verpuffender Thriller konnte so nicht entstehen.

Einblicke in die Produktion bietet das Bonusmaterial mit einem halbstündigen Making of und Interviews mit Anderson, Ben Kingsley und Thomas Kretschmann.

Kinotrailer zu "Transsiberian"


Transsiberian




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