10. Juli 2020 - 1:01 / Ausstellung / Geschichte 
11. Juli 2020 13. Dezember 2020

Der Versuch des Menschen, verlorene oder in ihrer Funktion eingeschränkte Körperglieder praktisch und ästhetisch zu ersetzen, hat eine lange Geschichte.

Den gescheiterten Flugversuch Albrecht Ludwig Berblingers (1770–1829), der als "Schneider von Ulm" in die Geschichte eingegangen ist, kennt heute beinahe jeder. Weitgehend in Vergessenheit geraten ist eine andere, viel erfolgreichere Erfindung des berühmten Erfinders: Gedacht für die vielen versehrten Soldaten der Napoleonischen Kriege baute Albrecht Ludwig Berblinger vor über 200 Jahren die ersten beweglichen Beinprothesen.

Damit gelang ihm ein Grundentwurf für die Entwicklung der modernen Prothetik. Im Rahmen des Jubiläums zum 250. Geburtstag Albrecht Ludwig Berblingers bietet seine Erfindung den Anlass für eine interdisziplinär konzipierte Ausstellung, die sich mit der Komplementierung, Imitation und Verbesserung der menschlichen Natur, der Überwindung unserer physischen Grenzen und dem künstlichen Menschen beschäftigt. Sie wirft einerseits einen Blick in die 3.000-jährige kultur- und medizinhistorische Entwicklung der Prothetik. Andererseits beleuchtet sie den Wandel der religiösen und sozialen Bedeutung körperlicher Versehrtheit in künstlerischen Darstellungen seit dem Mittelalter. Zuletzt thematisiert sie mit Aspekten des Body Enhancement die technologischen Optimierungsmöglichkeiten und ethisch-sozialen Herausforderungen, die sich mit der Überwindung des Körpers als Fehlstelle und seiner Erweiterung in Richtung Unsterblichkeit entfalten.

Die Vorstellung vom Menschen als ein zur Selbstoptimierung fähiges und verpflichtetes Wesen lässt sich bis in die Renaissance zurückverfolgen. Die Beziehung seines Körpers zur Technologie, seine Reparatur durch Prothesen und schließlich seine transhumanistische Erweiterung sind und bleiben geprägt vom ambivalenten Wechselspiel aus Zurichtung und Unterstützung, Zerstörung und Aufbau von körperlicher Integrität. So vielfältig wie unsere Lebensentwürfe sind, so verschieden sind und bleiben die individuellen Anforderungen an die Prothetik. Über viele Jahrhunderte folgte die Gestaltung von Prothesen den pragmatischen Aspekten der motorischen Funktionalität und naturnahen Gestaltung. Als Ersatzteile, die sich gerne selbst verleugneten, dienten sie der Verbesserung von Lebensqualität und Leistungsfähigkeit. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Möglichkeiten, die menschliche Biologie gezielt zu überwinden, massiv gesteigert. Flexible Materialien und leistungsfähige Mikroprozessoren, Aktuatoren und Brain-Computer-Interfaces haben das Verhältnis von Mensch und Maschine revolutioniert. Robotik, Prothetik, Künstliche Intelligenz und Neuro Enhancement verschieben stetig die Grenzen des Denk- und Machbaren. Die Maschinen kriechen sozusagen unter die Haut. Und so erscheint im Angesicht des Technoself der natürliche Körper als antiquiertes Ideal. Jenseits von kaschierender Imitation und Rekonstruktion von Normalität unterstützen Prothesen heute wesentlich die Konstruktion von Identität.

Wer in der Bildenden Kunst zwischen Mittelalter und 19. Jahrhundert nach der Darstellung von Prothesen sucht, findet fast ausschließlich Beinprothesen und stößt außerdem auf einen ganz bestimmten ikonografischen Kontext: Prothesen waren in den Darstellungskonventionen der Kunst quer durch die Jahrhunderte das zweifelhafte Privileg von Armen, Bettlern und von Menschen am unteren Rand der Gesellschaft. In religiösen Darstellungen oder in Kunstwerken die christliche Werte vermitteln sollen, tauchen Menschen mit körperlichen Versehrungen und TrägerInnen von Prothesen als Gegenstand karitativer Fürsorge auf. In anderen künstlerischen Kontexten hingegen gerieten sie oft zum Gegenstand von Satire und Stigmatisierung. Schon im 18. Jahrhundert findet man das Bildmotiv der Prothese jedoch seltener als zuvor; im 19. Jahrhundert schließlich verloren Kunstbeine und -hände ihre Relevanz für das ikonografische Themenfeld von Armut und Kriegsverwundung. Erst mit der Katastrophe des frühen 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen, sollte das Prothesen-Motiv in einer sich nun völlig anders definierenden Kunst eine dramatische Wiederauferstehung erleben.

Trotz aller tiefgreifenden Veränderungen unserer virtueller werdenden Welt war und ist der menschliche Körper mit all seinen Escheinungsformen die wichtigste Bezugsgröße der Bildenden Künste. Seit Generationen spiegelt sich in ihnen das Verlangen, die Sehnsucht und das Streben nach einem körperlichen Ideal. Mit dem Beginn der Moderne und als Reaktion auf die aufkommende Industrialisierung keimten die ersten kollektiven Mensch-Maschine-Fantasien auf. Schon 1914 formulierte der Begründer des italienischen Futurismus, Filippo Tommaso Marinetti, seine Vision eines Humanoiden, die mit der Schöpfung eines mechanischen Menschen aus Ersatzteilen einherging. Die Entwicklung der Psychoanalyse rückte die Gespaltenheit des Menschen mit ihren körperlichen Symptomen, ihren Neurosen, Trieben und Fetischen in den öffentlichen Diskurs und in den Blick der künstlerischen Betrachtung. Im Surrealismus dann wurde die symbolische Macht des fragmentierten Körpers erstmals zum beherrschenden künstlerischen Thema. Auch aktuelle zeitgenössische künstlerische Positionen widerspiegeln im Antlitz des technologischen Fortschritts die Prothetik bis hin zum Cyborg, so präsentiert die Ausstellung Werke u.a. von:

Kader Attia, Sophie de Oliveira Barata, Anna Blumenkranz, Renaud Jerez, Mari Katayama, Alexander Kluge, Erika Mondria, Aimee Mullins, Miguel Angel Rojas, Martha Rosler, Keisuke Shimakage, Igor Simić, Stelarc

Transhuman - Von der Prothetik zum Cyborg
11. Juli bis 13. Dezember 2020

Ulmer Museum
Marktplatz 9
D - 89073 Ulm

T: 0049 (0)731 161-4330
F: 0049 (0(731 161-1626
E: info.ulmer-museum@ulm.de
W: http://www.museum.ulm.de/

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  •  11. Juli 2020 13. Dezember 2020 /
Albrecht Ludwig Berblinger, Künstliche Fußmaschine, Bleistift und Aquarell auf Papier, 1809, Stadtarchiv Ulm
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Altägyptische Zehenprothese, frühes bis mittleres Jahrtausend v. Christus, Nationalmuseum für Ägyptische Kultur in Kairo, Foto: Universtität Basel Matjas Keclcnik
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Jannick Lenz, Paul Raschke, Vanessa Stoeckel, 3. Semester BA Internet of Things, Andreas Belthle, Hochschule für Gestaötung Schwäbisch Gmünd, 7.2017
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