27. September 2020 - 9:23 / Aktuell / Philosophie / Philosophicum 

Der Kultur- und Medienwissenschaftler Roberto Simanowski ist der Preisträger des mit 25'000 Euro dotierten Tractatus 2020. Ausgezeichnet mit dem renommierten Essaypreis des Philosophicum Lech wird sein Buch "Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz". Der Tractatus würdigt herausragende Publikationen auf dem Gebiet der philosophischen Essayistik.

Mit "Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz", erschienen im Wiener Passagen Verlag, lädt Simanowski zur philosophischen Spekulation über eine allumfassende Digitalisierung und zeichnet ein kühnes Zukunftsszenario. "Eine intellektuelle Provokation im besten Sinne", wie es in der Begründung der Tractatus-Jury lautet. Da das Philosophicum Lech 2020 coronabedingt auf kommendes Jahr verschoben wurde, erfolgte die feierliche Preisverleihung am vergangenen Freitag in kleinem Rahmen im Sport.park.lech.

Der Tractatus will gemäss Mitteilung alljährlich verlässlich Auskunft über herausragende Publikationen auf dem breiten Feld der philosophisch-kulturwissenschaftlichen Essayistik geben. Zu den Kriterien zählen demnach insbesondere die Originalität des Denkansatzes, die Gelungenheit der sprachlichen Gestaltung und die Relevanz des Themas, wobei es sich insgesamt um einen bedeutenden Beitrag zu einer nicht nur fachspezifischen, niveauvollen Debatte von öffentlichem Interesse handeln soll. Damit wolle der Tractatus zur Standortbestimmung in philosophisch sowie gesellschaftlich relevanten Diskursen beitragen und den prämierten Werken durch die gebührende Würdigung auch verstärkte Publizität verschaffen.

Für die Nominierung wie auch die Zuerkennung des Tractatus zeichnet eine dreiköpfige Jury unter Vorsitz von Konrad Paul Liessmann (nicht stimmberechtigt), wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech, verantwortlich. Diese setzt sich aus der Philosophin Barbara Bleisch (CH), dem Schriftsteller und ehemaligen Verleger Michael Krüger (D) sowie dem Autor und Journalisten Thomas Vašek (A) zusammen.

Laut der Jury regt der Essay von Simanowski zu einer philosophischen Spekulation über unsere Zukunft ein und diskutiert die Aporien und Paradoxien der künstlichen Intelligenz. Darin gibt der profilierte Kultur- und Medienwissenschaftler vielfältige Denkanstöße, indem er so erhellend wie präzise die ethischen Implikationen und Dimensionen künstlicher Intelligenz erörtert, wobei seine luziden Ausführungen sich unter anderem auf die Frage zuspitzen: "Wird die künstliche Intelligenz dem Menschen den freien Willen nehmen, ihn vor sich selbst schützen und zurück ins Paradies der Entscheidungslosigkeit befördern?"

Preisträger Simanowski befasst sich als Wissenschaftler mit der historischen, soziologischen und philosophischen Kontextualisierung der neuen Medien und sozialen Netzwerke. Einen besonderen Fokus legt er auf die symptomatische Tiefenanalyse von Alltagsphänomenen und die gesellschaftlichen Folgen der digitalen Revolution. 1999 gründete er das Online-Journal "dichtung-digital.org" zu Kunst und Kultur digitaler Medien, das er bis 2014 herausgab. Nach Professuren an der Brown University in Providence (USA), der Universität Basel und der City University Hong Kong lebt Simanowski seit 2018 als freier Autor und Publizist in Berlin und Rio de Janeiro. Derzeit ist er Distinguished Fellow of Global Literary Studies am Exzellenzcluster Temporal Communities der Freien Universität Berlin. Mit seinem neuesten Buch legt er die Grundlage für eine tiefgreifende Diskussion über die Zusammenhänge von Zukunftstechnik und Moral und überzeugt mit stringenter Argumentation wie auch überraschenden Thesen. Thomas Vašek in der Jury-Begründung: "Können hyperintelligente Maschinen die Welt retten? Oder werden sie uns eines Tages vernichten, weil sie uns nicht mehr brauchen? In seinem Essay ‚Todesalgorithmus‘ bringt Roberto Simanowski das Dilemma der künstlichen Intelligenz auf einen kraftvollen, einprägsamen Begriff. ‚Todesalgorithmus‘ regt zum spekulativen Nachdenken über die drohende Selbstentmächtigung des Menschen an, ohne dabei in kritiklose Technikeuphorie oder in apokalyptischen Zukunftspessimismus zu verfallen. Eine intellektuelle Provokation im besten Sinne – getrieben von einer unbändigen Lust an Ambivalenzen und Paradoxien, die vermutlich jede künstliche Intelligenz überfordern würden."