verfasst von Haimo L. Handl / 18. November 2007 - 4:56 / Wort zum Sonntag
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Ein Gespenst geht um. Nein, ein Horror wird inszeniert: die Alten bringen die Jungen um, indem sie ihnen die Zukunft stehlen. Die Jungen, die Kinder, haben wegen der Alten keine Zukunft. Weil sich die verbrecherischen Pensionisten Geld holen. Das ihnen nicht zusteht, das für die Jungen reserviert ist. Die Altendiebsbande muss liquidiert werden.

Wörtlich lauteten Schlagzeilen "Die mittlere Generation ist der totale Verlierer" oder "Wir sind die totalen Loser" oder "Die Totengräber der Solidarität" bzw. "Die Senioren-Chefs von SPÖ und ÖVP bedienen sich und die Ihren erneut bei den Renten" und "Alt regiert, Jung verliert". Das sind Titelzeilen aus der sogenannten Qualitätspresse, dem "Standard" und der "Presse". Andere sind noch schlimmer.

Ich spreche mit einem Redakteur. Er rechnet mir trocken vor, versicherungsmathematisch, dass die Jungen tatsächlich verlieren. Ich entgegne, dass das nur versicherungsmathematisch stimmt, wenn man die gesellschaftlichen, politischen Aspekte ausblendet, also auch die Wirtschaft. Zweitens geht es nicht einfach um eine Erhöhung der Pensionsleistung, sondern um ein Ausgleichen der Inflationsrate. Und die wird nicht einmal gleichwertig für alle Pensionsbezieher geleistet.

Aber soweit kommt man meist gar nicht. Die Keulen-Nichtargumente, die Schlagworte erschlagen und sollen erschlagen. Hier geht es um Macht, Egoismus, Perfidie, Profit. Um Abservieren von Alten. Um Scheinversprechungen für Junge, die man als Wähler nächstens braucht, wenn die jetzt noch Lebenden nicht mehr sind.

Was mich besonders stört, empört und schreckt, ist die Sprache, die ein inhumanes, faschistoides Denken entblösst. Hier verrät sich eine böse Neidpolitik mit Vernichtungsdenken im Hintergrund. Und fast niemand bemerkt es, weil auf die "Sache" geschaut wird bzw. den guten Grund, der sogar versicherungsmathematisch gedeckt wird: wir dürfen keine höheren Pensionen zahlen. Wieso sollen überhaupt so lange Pensionen gezahlt werden? Würden die Jungen nicht noch mehr gewinnen, wenn man keine zahlte?

Wäre das Problem nicht gelöst, endgültig, sozusagen in einer Art Endlösung, wenn man sich der Alten nach einem gewissen Alter entledigte. Sie entsorgte? Ausser sie sorgen selbst für sich. Das heisst, sie haben früher hohe Beträge in Privatversicherungen eingezahlt und dürfen so lange leben oder vegetieren, als die Versicherung ihnen das zahlt. Ist die Versicherungssumme aufgebraucht, bedeutet das, dass das "Leben" konsumiert ist und beendet werden muss.

Mathematisch klar. Sprachlich bis anhin unklar. Jetzt soll es klarer werden: die totale Sprache des Totalen. Wenn jemand heute im deutschen Sprachraum von "totalem Verlust" oder "totalen Verlierern" schreibt, stellt er sich in die Tradition und das inhumane Denkfeld der Nazis, die nicht nur vom "totalen Krieg" sprachen, dem damals die Massen zujubelten, sondern vom "totalen Sieg", also dem Endsieg durch die Endlösung etc. Dass die Vokabel "total" politisch noch verwendet wird, beweist nicht nur ein blödes Unwissen, sondern eine Tendenz zum Totalen, Totalitären, zur perfiden Übersteigerung, zur vermessenen Gigantomanie, die dann "Korrekturen" oder entsprechende "politische Akte" rechtfertigt, um den "totalen Verlust" in einen nicht totalen zu verwandeln.

Wenn so eine kleine Anpassung der Pensionszahlungen an die Inflation schon einen "totalen" Verlust für die Jungen bedeutet, heisst das aber auch, dass alle anderen Aspekte, die nicht nur eher, sondern wahrscheinlicher und sicherer zu Verlusten führen, nicht bedacht werden, nicht mehr berücksichtigt werden müssen, da ja hier schon alles inkludiert ist, weil eben "total". So wird verantwortungslos bzw. verbrecherisch gelogen, getäuscht, gehetzt.

Diesmal sind es nicht wuchernde Juden, die Schuld sind, nicht terroristische Moslems, die die Zukunft unsicher machen, diesmal sind es die eigenen Alten, die sich an den Renten bedienen, wie Mafiosis, wie Raubritter.

Kürzlich lief im ORF, im Radioprogramm Ö1, eine Sendung über Sprache und Politik. Wie fein wurde hier ausgewiesen, wie gewisse Sprachen und Etikettierungen zu Terror und Krieg führen. Ich höre keinen der beflissenen Wissenschaftler oder gebildeten Redakteure oder Journalisten seine Stimme gegen diese Sprache erheben, gegen dieses Inhumandenken. Versagt hier die Sprachempfindsamkeit? Hört hier die Sensibilität auf? Weil es ideologisch und wirtschaftlich angesagt ist, die "Pensionserhöhung" als Raubakt, als Untat zu etikettieren, um nächste politische Schritte zu legitimieren?

Wen diese Sprache nicht stört, ist entweder sträflich abgestumpft oder kollaboriert mit dem Ungeist. Macht sich schuldig an neuer Unkultur, Unzivilisiertheit.

Besieht man die Zukunftsaussichten nüchtern, schaut auf die gegenwärtige Lage von Jung und Alt, sind viele Probleme leicht prognostizierbar. Aber nie und nimmer führen die wenigen, niederen Pensionserhöhungen zu Verlusten oder Schädigungen, wie hier von einer gemeinen Falanx behauptet.

Die Hauptprobleme werden von profitablen Firmen, die weltweit, globalisiert operieren, verursacht. Die Folgen dieser ausbeuterischen Profitwirtschaft werden später noch drastischer zu Buche schlagen. Die Folgen der Klimapolitiken ebenso. Ganz zu schweigen von den Folgen der vielen, profitablen Kriege. Die enorm hohen Rüstungsausgaben verschaffen einigen wenigen enorm hohe Profite. Die damit ermöglichten Kriege zeigen jetzt schon Folgen, die menschlich schier unermesslich sind, und sie werden in naher Zukunft noch schockierender sein. Die Liste dessen, was sich in naher oder fernerer Zukunft zeigen wird, liesse sich leicht fortsetzen.

Wem fällt es nicht auf, dass angesichts solcher Politiken und Vernichtungsprogramme, solch neuer Szenarien inhumaner Verdinglichung und Totalverwaltung das Geschwätz vom "totalen Verlust" oder "totaler Niederlage" der Jungen wegen der Pensionisten unverantwortlich, selbst inhuman ist, Teil eines fatalen Ausbeutungsprogramms, auch wenn die Schwätzer und Kläffer es nicht wissen mögen? Alle Politiker wissen es. Keiner von ihnen ist naiv.

Hier wird mit der Angst ganz gemein, ganz simpel, ganz primitiv Geschäft gemacht. Politik wie üblich. Den Politikern und ihren Helfershelfern sowie den vielen Mitläufern ist unbedingt zu widersprechen: nicht nur keine solche Rede oder Sprache, sondern Rückweisung des inhumanen Denkens.