Tony Oursler: Fake News, Verschwörungstheorien und Manipulation

Tony Oursler gilt als Pionier der Videokunst. Seit den 1980er Jahren entwickelt er experimentelle Installationen, die Videos vom Bildschirm loslösen und immersive Umgebungen entstehen lassen. Im Kunst Museum Winterthur zeigt er unter dem Titel „Hoisted from the Pit” eine Ausstellung, die sich mit Fake News, Verschwörungstheorien und Manipulation anhand der historischen Figur des Cardiff Giants, einer der bekanntesten wissenschaftlichen Fälschungen Nordamerikas, auseinandersetzt.

Tony Oursler, 1957 in New York geboren, entwickelt seit den 1980er Jahren experimentelle Installationen, die das Medium Video von der zweidimensionalen Fläche lösen und immersive Umgebungen schaffen. Ourslers Werk konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Menschen und Technologie. Er wuchs in den 1980er Jahren mit dem Fernsehen auf. Diese mediale Prägung durch Pop-, Werbe- und Konsumkultur wurde zu seiner wichtigsten Inspirationsquelle. In seinem neuen Werkzyklus für das Kunstmuseum Winterthur stellt er die vollständig vernetzte, digitalisierte Welt in den Mittelpunkt und stellt ihr historische (Erzähl-)Techniken gegenüber.

Tony Oursler präsentiert eine Ausstellung rund um die historische Figur des „Cardiff Giant”, eine der unglaublichsten wissenschaftlichen Fälschungen Nordamerikas, die als gewinnbringendes Spektakel ausgeschlachtet wurde: Der Atheist George Hull ließ eine über drei Meter große Steinfigur anfertigen und auf einer Farm in Cardiff, New York, vergraben. Ein Jahr später veranlasste er, dass an derselben Stelle ein Brunnen errichtet werden sollte, bei dessen Bau der Riese „zufällig” entdeckt und aus der Grube gehoben wurde. Über den vermeintlichen Sensationsfund des urzeitlichen Riesen wurde landesweit berichtet. Zahlreiche Schaulustige reisten an, um gegen Entgelt einen Blick auf den Giganten zu werfen. George Hull nutzte den Glauben an biblische Riesen, um daraus ein lohnendes Geschäft zu machen. Der Ausstellungstitel „Hoisted from the Pit” nimmt Bezug auf die damaligen Presseberichte. Die Fotos der Bergung des Riesen waren jeweils damit untertitelt. Doch „Hoisting from the Pit” kann auch bedeuten, dass etwas aus dem Unterbewusstsein freigelegt wird oder etwas Verdrängtes wieder auftaucht.

Oursler greift die unglaubliche (Erfolgs-)Geschichte des Cardiff Giants auf, um Parallelen zur heutigen Flut an Fake News, manipulativer Kommunikation und den damit verbundenen Geschäftspraktiken zu ziehen. In sechs Räumen inszeniert er eine multimediale Installation. Die Filme, die Elemente der sozialen Medien aufgreifen und teils mit künstlicher Intelligenz produziert wurden, nehmen die Form von Reenactments und Dokumentarfilmen an. In Kombination mit Objekten erzählen sie eine Geschichte über die Funktionsweise von Halbwahrheiten, Authentizität, Realitätswahrnehmung und Medienskepsis. Die Vermischung von wissenschaftlichen Fakten, gezieltem Schwindel und der Verführung der Massen ist uns inzwischen nur allzu vertraut: Fake News und Verschwörungstheorien sind allgegenwärtig, und die Rolle der (sozialen) Medien ist ein wirkmächtiger Faktor für den Erfolg zwielichtiger Narrative. Die Ausstellung thematisiert die zunehmende Komplexität, mit der heute Informationen produziert, verbreitet und wahrgenommen werden.

Tony Oursler
Hoisted from the Pit
Kunst Museum Winterthur | Beim Stadthaus
Bis 10. August 2025