24. Oktober 2020 - 2:33 / Ausstellung / Kunstpreise 
29. Oktober 2020 17. Januar 2021

Der "Zurich Art Prize" geht in diesem Jahr an Amalia Pica. Die argentinisch-britische Künstlerin ist die dreizehnte Gewinnerin der renommierten Auszeichnung. Der mit CHF 100’000 dotierte Preis setzt sich aus einem Budget von CHF 80’000 für die Produktion einer Einzelausstellung im Museum Haus Konstruktiv und einer Preissumme von CHF 20’000 zusammen.

Die Installationen, Skulpturen, Zeichnungen, Filme, Fotografien und Performances von Amalia Pica zeichnen sich durch eine spielerisch-minimalistische Formensprache und vielschichtige Inhalte aus. Verbale und nonverbale Kommunikation sowie zivilgesellschaftliche Partizipation sind Themen, die Pica in ihrem künstlerischen Schaffen immer wieder aufgreift. Wie funktioniert Kommunikation mit Sprache, Symbolen, Objekten und Gesten? Wie verhalten sich diese zu politischen und gesellschaftlichen Strukturen? Und wie lassen sich solche Strukturen mit künstlerischen Eingriffen in Kommunikationsträger sichtbar machen oder gar verändern?

Unter dem Titel "Round table (and other forms)" präsentiert Amalia Pica im Museum Haus Konstruktiv eine neu produzierte sowie eine frühere Arbeit. Sie zeugen von ebendiesem Interesse am Verhältnis von Kommunikation und künstlerischer Praxis als zivilgesellschaftliche Teilhabe. Gezielt untersucht die Künstlerin in beiden Arbeiten die Rolle von Freude und Vergnügen für die Bewältigung des Drucks, den beispielsweise bürokratische Strukturen oder monotone Büroarbeit aufbauen. Picas (Gedanken-) Experiment findet nicht zuletzt in Zeiten von Corona Widerhall, die auch den Büroalltag tiefgreifend verändert haben.

Den Auftakt zur Ausstellung bilden 14 Konferenztische, die in der Eingangshalle im Erdgeschoss des Museums platziert sind. Dabei handelt es sich nicht um industriell produzierte Exemplare in zurückhaltenden Grau- oder Brauntönen, sondern um Massanfertigungen, bestehend aus sandgestrahlten, mit Rollen versehenen Tischbeinen und rechteckigen, halbkreis- und trapezförmigen Tischplatten. Deren mit hochwertigem Formica-Laminat beschichtete Oberflächen sind mit geometrischen Mustern in ausgesuchten Farbtönen und -kombinationen versehen. Sie schreien förmlich danach, in immer neuen Formationen kaleidoskopartig zusammengestellt zu werden – jenseits des runden Tisches im Sitzungszimmer.

Dem Impuls, die Tische zu verrücken, gibt Pica in der Konzeption ihrer Arbeit mit dem Titel "Rearranging the conference table" Raum, indem sie die Installation um ein performatives Element ergänzt: Täglich findet während der Öffnungszeiten des Museums eine rund 10-minütige Performance statt, in der zwei Museumsaufsichten die Tische zu neuen geometrischen Arrangements zusammenstellen. Die Performer bewegen die Tische nach einer von Pica im Vorfeld festgelegten Choreografie, in der über die Dauer der Ausstellung eine bestimmte Anzahl Variationen durchgespielt werden. Picas Choreografie entstand unter anderem in Auseinandersetzung mit den im Schutzkonzept des Museums formulierten Vorgaben, insbesondere jenen zu den Abstandsregeln. Das "Tischerücken" kann also einerseits als Einhaltung des unseren Alltag bestimmenden Regelwerks verstanden werden und andererseits als ein Spiel damit.

Als eigenständige Arbeit sowie als Ergänzung zu den formal und funktional modifizierten Konferenztischen zeigt Pica den Kurzfilm "Rehearsing the conference table", den sie in Kooperation mit dem Kinematografen Rafael Ortega realisiert hat. Der achtminütige Clip in Stop-Motion-Technik zeigt animierte Prototypen der Tischplatten. Sie werden von drei Händepaaren auf einer Naturholzplatte zu mannigfaltigen Variationen zusammengestellt – in einem Rhythmus mit bisweilen hypnotischer Wirkung. Eine der Sequenzen zeigt die in der Performance realisierten Konfigurationen, was die zusätzliche Funktion der bewegten Bilder als Anleitung für die performativen Re-Arrangements offenbart.

Amalia Pica (geboren 1978 in Neuquén) lebt und arbeitet in London. Sie schloss 2003 ein Bachelorstudium in bildender Kunst an der Escuela Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires ab. Von 2004 bis 2005 war sie Artist in Residence an der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam.

Das Museum Haus Konstruktiv hat 2007 gemeinsam mit der Zurich Insurance Group Ltd, Patronatspartner des Museums, den Zurich Art Prize ins Leben gerufen, der mittlerweile eine grosse internationale Ausstrahlungskraft besitzt. Honoriert wird jährlich eine eigenständige künstlerische Position, die sich an den Schnittstellen zwischen dem kulturellen Erbe der konstruktiv-konkreten und konzeptuellen Kunst einerseits und gegenwärtigen Tendenzen andererseits bewegt. Der von der Zurich Insurance Group Ltd gestiftete Preis setzt sich seit 2017 aus einem Budget von CHF 80’000 für die Produk- tion einer Einzelausstellung im Museum Haus Konstruktiv und einer Preissumme von CHF 20’000 für die Künstlerin oder den Künstler zusammen.

Amalia Pica
Round table (and other forms)
29. Oktober 2020 bis 17. Jänner 2021

Haus Konstruktiv
Selnaustrasse 25
CH - 8001 Zürich

W: http://www.hauskonstruktiv.ch/

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  •  29. Oktober 2020 17. Januar 2021 /
Rearranging the Conference Table (Production still), 2020. Courtesy die Künstlerin, König Galerie, Berlin, und Herald St, London. Foto: Rafael Ortega Ayala
Rearranging the Conference Table (Production still), 2020. Courtesy die Künstlerin, König Galerie, Berlin, und Herald St, London. Foto: Rafael Ortega Ayala
Joy in Paperwork: The Archive (2016), Installationsanischt The New Art Gallery Walsall, 2019. Courtesy the artist, König Galerie, Berlin, und Herald St, London.
Joy in Paperwork: The Archive (2016), Installationsanischt The New Art Gallery Walsall, 2019. Courtesy the artist, König Galerie, Berlin, und Herald St, London.
Joy in Paperwork: The Archive (2016), Installationsansicht The New Art Gallery Walsall, 2019. Courtesy die Künstlerin, König Galerie, Berlin, und Herald St, London.
Joy in Paperwork: The Archive (2016), Installationsansicht The New Art Gallery Walsall, 2019. Courtesy die Künstlerin, König Galerie, Berlin, und Herald St, London.
Amalia Pica, Gewinnerin des "Zurich Art Prize 2020", Arbeit im Hintergrund: "(un)heard ", 2016 Collection Cc Foundation, Shanghai
Amalia Pica, Gewinnerin des "Zurich Art Prize 2020", Arbeit im Hintergrund: "(un)heard ", 2016 Collection Cc Foundation, Shanghai