22. März 2020 - 8:33 / Irene Salzmann / Film 

Sie rennt. Rennt unaufhaltsam auf den Abgrund zu – wie ihre Schwester es tat, um ohne einen Schrei am Boden zu zerschellen – aber sie bremst ab, dreht sich um und lächelt verwegen in die Kamera. - Dies ist nur eines der surreal wirkenden Bilder, die Regisseurin Céline Sciamma in "Portrait de la jeune fille en feu" auf Deutsch "Portrait einer jungen Frau in Flammen" auf den Bildschirm bringt. Alles dreht sich dabei um die Aufnahme eines Augenblicks. Aber was bedeutet es einen Augenblick aufzunehmen? Ist der Übersetzungsprozess gleichsam ein subjektives übersetzen ins Innere oder bedeutet es etwas zwischen sich und den Moment zu schieben? Wird das Abbild immer auf den Augenblick referieren, oder kann es eigenständig werden?

Wir befinden uns im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Die Porträtistin Marianne (Noémie Merlant) kommt an die raue Küste der Bretagne um Heloïse (Adèle Haenel) zu malen. Das Bild ist für deren Verlobten in Mailand bestimmt. Da Heloïse gegen die Heirat ist, muss das Portrait im Geheimen angefertigt werden. Vorgeblich von deren Mutter der Gräfin (Luàna Bajrami) als Konversationsdame angestellt, unternimmt Marianne ausgedehnte Spaziergänge mit Heloïse. Jeder flüchtige Blick auf ihr Gesicht zählt, um sie aus der Erinnerung heraus zu portraitieren. Als die Gräfin aufbricht, bleiben sie und das Dienstmädchen Sophie (Luàna Bajrami) im Anwesen zurück. Ihnen bleiben wenige Tage miteinander bis zur Rückkehr.

Aus diesem reduzierten Setting beschwört Sciamma Dinge herauf, die sich zueignen ohne dass sie platziert wirken. Eine Abtreibung schweißt die drei Frauen zusammen. Marianne und Heloïse verlieben sich, wobei sie keine Tendenzen der Abschottung gegenüber Sophie zeigen, sondern im Gegenteil eine innige freundschaftliche Beziehung zu dritt führen. Dieses Band stellt nicht nur die Trennung von Liebe und Erotik (Eros) auf der einen Seite und freundschaftlicher Liebe (Philia) auf der anderen Seite in Frage, sondern überwindet deren jeweiligen gesellschaftlichen Status mit einer klaren Botschaft: Freundschaft und Liebe ist nur unter gleichen möglich. Freiheit und finanzielle Unabhängigkeit spielen ebenso hinein, haben aber den bitteren zeithistorischen Unterton, wenn Heloïse fragt: "Bedeutet frei zu sein, allein zu sein?" Jedenfalls frei von Klischees sind die Charaktere so facettenreich, ihre Gesten so sanft, dass man beinahe die Wärme ihrer Körper zu spüren vermag. Dabei streben sie nicht nach der Erfüllung des Ideals von Liebe. Immer bleibt die Unmittelbarkeit des Gefühls dasjenige, das es für sie zu erleben gilt.

Sciamma nutzt wenige Szenen, um ihre Geschichte zu erzählen. Schroffe Natur, wattiger Kerzenschein und kühles Morgenlicht zeichnen diese. Eine inhaltliche Weite wird durch symbolisch verdichtete, visuelle Bilder transportiert. Eines Abends etwa, als die Frauen zu anderen im Feld stoßen, fängt Heloïse Rock Feuer. Die Sekunden, in welchen sie unwissend starr dasteht, wirken wie die Referenz auf ein Allgemeines. Dabei sind Sciammas Figuren nicht starr vor Ohnmacht wie sich im Verlauf des Films herauskristallisieren wird. Besonders kunstreich ist die Einbettung dieser Symbolismen ins Narrativ, da sie ohne den Handgriff von Traumwelten auskommt.

In der Sage von Orpheus und Eurydike liefert "Portrait de la jeune fille en feu" das Nichtgesagte. Orpheus, der seine geliebte Eurydike vom Totenreich befreit, dreht sich kurz vor dem Ausgang nach ihr um. Von den Göttern der Unterwelt ausdrücklich untersagt, ist sie damit verloren. Sie stirbt ein weiteres Mal, um für immer tot zu bleiben. Über dessen Bedeutung diskutieren Marianne, Heloïse und Sophie angeregt. Sie kommen überein, dass Orpheus nicht aus unbändigem Verlangen gehandelt habe, sondern aufgrund einer Entscheidung. Der Entscheidung im Moment zu lieben und dies in Erinnerung zu bewahren, statt an dem Versuch zu scheitern den Augenblick für immer festhalten zu wollen.

Der Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Unter anderem wurde er vergangenes Jahr an den Internationeln Filmfestspielen von Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet und für die Goldene Palme nominiert und erhielt auch den "César 2020".

Portrait einer jungen Frau in Flammen
Regisseurin: Céline Sciamma
Autorin: Céline Sciamma
Frankreich, 2019
121 Minuten
ProduzentInnen: Bénédicte Couvreur, Véronique Cayla



Adèle Haenel und Noémie Merlant (Bild: zVg)
Adèle Haenel und Noémie Merlant (Bild: zVg)
Ausschnit aus 'Porträt einer jungen Frau in Flammen' (Bild: zVg)
Ausschnit aus 'Porträt einer jungen Frau in Flammen' (Bild: zVg)
Noémie Merlant (Bild: zVg)
Noémie Merlant (Bild: zVg)
Das Plakat zum Film (Bild: zVg)
Das Plakat zum Film (Bild: zVg)