24. Februar 2015 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Dschihadisten übernehmen in der malinesischen Stadt Timbuktu die Herrschaft, verbreiten mit Verboten und harten Strafen Schrecken. Dem Terror stellt Abderrahame Sissako in seinem in Cannes mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichneten Film den trotzigen aber friedlichen Widerstand vor allem der Frauen gegenüber und bezieht auch über die sanfte Erzählweise mit lichtdurchfluteten, warmen Bildern entschieden Position gegen Intoleranz und Gewalt.

Sagenumwoben ist die im westafrikanischen Mali gelegene Oasenstadt Timbuktu, zumindest für Europäer mehr mythenhaft als real. Von der harten Wirklichkeit wurde aber der in Mauretanien geborene Abderrahmane Sissako zu seinem vierten langen Spielfilm inspiriert.

Wollte er zunächst einen Essayfilm über die Islamisten drehen, die im Zuge des Bürgerkriegs in Libyen nach Nordmali kamen und dort 2012 die Herrschaft übernahmen, so wurde daraus ein Spielfilm, nachdem er ein Video von der Steinigung eines unverheirateten Paars gesehen hatte.

Diese Steinigung ist in den Film eingeflossen, wird aber nicht breit ausgespielt, sondern fast beiläufig gezeigt, ist aber zweifellos die härteste und schockierendste Szene in einem im Grunde stillen und sanften Film, der einerseits in kurzen Szenen die Auswirkungen der Übernahme der Herrschaft durch die Dschihadisten auf die Gemeinschaft zeigt, andererseits von einem individuellen Schicksal erzählt.

Am Beginn steht die Jagd auf eine Gazelle, die durch die Wüste galoppiert. Bald kommt ein Toyota-Pickup mit Männern, die mit Maschinenpistolen bewaffnet sind, ins Bild. Nicht das Tier töten, sondern es müde machen ist der Auftrag. Unübersehbar eine Metapher für das gejagte und geschundene Volk ist diese Gazelle und am Ende schließt Sissako den Kreis, wenn an die Stelle der Jagd auf eine Gazelle, die auf ein Mädchen folgt, ihr gehetztes Gesicht das Schlussbild bildet.

So isoliert wie diese Gazellenjagd am Beginn sind auch die folgenden Szenen, die zeigen, wie die Islamisten, die aus allen Ecken Afrikas kommen und unterschiedliche Sprachen sprechen, alte vorislamische Holzstatuen zerschießen, und die Verschleppung eines Europäers, dessen Augen verbunden sind. Offen bleibt, was mit ihm passiert. Im Film wird er danach nicht mehr vorkommen.

Erst mit einem Islamisten, der mit einem Megaphon durch die Straßen der von pittoresken Lehmbauten bestimmten Stadt eilt und die neuen Ver- und Gebote verkündet setzt die eigentliche Handlung ein: Rauchen und Musikhören sind nun ebenso verboten wie das Fußballspiel, Frauen müssen neben dem Schleier auch Strümpfe und Handschuhe tragen.

In kurzen Szenen zeigt Sissako, wie vor allem die Frauen Widerstand leisten. Da gibt es eine Fischverkäuferin, die die Islamisten, die eine höchst inhomogene, unterschiedliche Sprachen sprechende Gruppe sind, die nur über Dolmetscher miteinander kommunizieren können, auffordert ihre Hände abzuhacken, eine Sängerin, die verhaftet und brutal öffentlich ausgepeitscht wird, wobei sie freilich wie zum Hohn der Peiniger wieder singt, um den Schmerz zu ertragen, eine verrückte Zauberin mit farbenprächtigem Kleid und langer Schärpe, die sich sowieso an keine Regeln hält – und die man gewähren lässt - oder Jugendliche, die in einer wunderbar poetischen Szene wie beim Tennisspiel in Antonionis "Blow Up" ohne Ball Fußball spielen.

Der Imam versucht die Islamisten, als sie mit Waffen die Moschee betreten, in eine Diskussion zu verwickeln, fordert Respekt und belehrt sie, dass der "Dschihad", die Hingabe an Gott, nicht mit Waffen, sondern mit dem Kopf geführt werde und fragt sie, wo Milde, Vergebung und Gott in ihrem Tun seien.

Eine junge Frau wird gegen den Widerstand ihrer Mutter mit einem Mann, der Gefallen an ihr gefunden hat, zwangsverheiratet. Als Rechtfertigung für dieses Vorgehen führt der Anführer der Dschihadisten einzig an, dass der Mann gläubig sei.

Keine stringente Handlung entwickelt Sissako hier, sondern zeichnet vielmehr aus einzelnen Szenen, aus Momentaufnahmen, ein zunehmend komplexeres Bild von den Auswirkungen des Terrors. Will die Bevölkerung diese zunächst nicht wahrhaben, so wird dadurch doch der Alltag dadurch sukzessive entscheidend verändert, steigert sich der Schrecken bis zur Auspeitschung und Steinigung eines unverheirateten Paares.

Gleichzeitig deckt "Timbuktu" auch die Doppelmoral der Dschihadisten auf, wenn der Anführer im Geheimen raucht, wenn zwar Fußballspielen verboten wird, sie selbst sich aber sehr wohl für Fußball interessieren, über Messi und Zidane, Real Madrid und Barcelona diskutieren.

Eindrücklich zeigt Sissako auch in einer Szene, in der der Anführer auf eine Frage einfach mit einer MP eine Grasnarbe niedermäht, dass diese Fanatiker für rationale Argumentation nicht zugänglich sind, sondern ganz auf ihre Waffen setzen.

Mit diesen eher allgemeinen Beobachtungen wird die individuelle Geschichte des Beduinen Kaidane und seiner Familie verknüpft. Außerhalb der Stadt lebt dieser Mann von der Viehzucht. Die Umbrüche scheinen ihn nicht zu betreffen, auch wenn seine Frau Sitama ihn zum Verlassen der Gegend bewegen will, weil einerseits schon die meisten Nachbarn weggezogen sind, andererseits der Anführer der Islamisten immer gerade dann vorbeikommt, wenn Kidane nicht da ist.

In die Fänge der Islamisten kommt Kidane, als eine Kuh, die bezeichnenderweise GPS heißt, denn Moderne und Archaisches treffen hier immer aufeinander, fließen zusammen, die Netze eines Fischers zerstört und dieser deshalb die Kuh tötet. Als Kidane eine Aussprache sucht, kommt es zum Kampf, in dessen Zuge der Fischer getötet wird.

In einer großartigen Totale zeigt Sissako, wie sich Kidane vom Tatort entfernt, macht die Weite der Flussgegend deutlich, die mehr als genug Platz für Fischer und Viehzüchter böte, aber auch die Kluft zwischen den Beiden, wenn zwischen dem Toten und dem Lebenden die breite Flusslandschaft liegt.

Nach der Scharia soll Kidane nun verurteilt werden. Ein Dolmetscher ist freilich nötig beim Verhör, denn der Anführer der Islamisten spricht nicht die Sprache Kidanes. Noch einmal will er seine Tochter sehen, doch das wird nicht gewährt. Wenn ihm die Familie des toten Fischers vergibt, könnte gegen ein Blutgeld von 40 Kühen von der Hinrichtung abgesehen werden, doch einerseits hat er nur sieben Kühe, andererseits vergibt die Familie nicht.

Unausweichlich entwickelt sich "Timbuktu" auf das Ende zu, doch wieder setzt eine Frau, genauer Kidanes Frau Sitama, einen Akt des Widerstands – dieser freilich mit dramatischen Folgen.

So hart aber der Terror der Islamisten, so grausam ihr Vorgehen ist, so ruhig und leise, so sanft erzählt Sissako. Unaufgeregt, lakonisch ist die Erzählweise und allein schon in den lichtdurchfluteten und in warmes Braun und Gelb getauchten großartigen Bildern der Wüstenlandschaft und der Lehmbauten der Stadt (Kamera: Sofiane El Fani) entwickelt sich "Timbuktu" zur entschiedenen Absage an Gewalt und Terror und zum Plädoyer für Menschlichkeit und Vergebung. – Wie das in aller Sanftheit ein kämpferischer Film ist, wie hier einer poetisch von harter Realität erzählt, das ist ein seltenes Meisterstück nicht nur des afrikanischen Kinos.

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 25.2., 18 Uhr + Do 26.2., 19.30 Uhr
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 5.3., 20 Uhr + Sa 7.3., 22 Uhr
(jeweils franz.-arab. O.m.U.)

Trailer zu "Timbuktu"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

Filmkulturclub Dornbirn
Edlach 4
A - 6850 Dornbirn

W: http://www.fkc.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



28674-28674timbuktuposter.jpg
Filmkulturclub Dornbirn
Edlach 4
A - 6850 Dornbirn

W: http://www.fkc.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse