31. Oktober 2022 - 11:26 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
4. November 2022 14. Januar 2023

Die Ausstellung "Welcome my deer" versammelt ein paar markante, österreichische Positionen, in denen das Tier die Präparation durch die Kunst erfährt. Das Bestiarium künstlerischer Idiome rücken hier neben das Pericularium, in welchem die Gefährlichkeit mit der Gefährdung den Platz tauscht. Und die manchmal ironische, manchmal tagträumerische Beschwörung animalischer Gefährtenschaft kontrastiert letztlich mit der dauerhaften Unnahbarkeit des verlorenen Paradieses.

Herbert Brandl malt statt dynamisch-abstrakten Farbflächen nun Hyänen und Tiger; das Mumok in Wien zeigt aktuell eine große Schau mit dem Titel "Das Tier in Dir". Das Tier als Thema der Kunst scheint gerade wiederentdeckt zu werden – aber war es jemals verschwunden?

Die eine oder andere Arbeit zum Tier hat fast jede:r Künstler:in im Portfolio. Als zentrales oder prägendes Motiv eines Œuvre tritt es in der Kunstgeschichte seltener auf. Künstler wie Théodore Géricault, Ludwig Heinrich Jungnickel, Marino Marini, Ewald Mataré und dessen Schüler Josef Beuys, oder der Fotograf William Wegman stehen für solche Positionen. Auch die für die Ausstellung "Welcome my deer" kuratierten Künstler:innen arbeiten kontinuierlich mit Tierdarstellungen, Tiere bevölkern ihr Œuvre konsequent.

Es mag dem Wirklichkeitsempfinden und dem Abstraktionsmangel der prähistorischen Menschen geschuldet sein, dass die frühesten Artefakte skulpturale Darstellungen waren – von Tieren. Das Tier ist seit 35 000 Jahren ein Motiv in der Kunst und verknüpft auch heute noch einen Rest jener magischen Lebensempfindung der Steinzeit mit dem rationalen Weltbild der Gegenwart. Als Verkörperung einer instinktiven, teils gefährlichen, aber per se schuldlosen Gegenwelt dient es den Künstler:innen nicht nur als Formstudie, sondern auch als Projektionsfläche für Ängste und Träume und für die hybride Überhöhung des Anthropomorphen. In der Ausstellung "Welcome my deer" tritt es als Beauty und Beast auf, als Fabelwesen und Krafttier, als Vielgestalt und visuelle Verballhornung menschlicher Attribute.

Das Tier dieser zeitgenössischen Bilder und Skulpturen erinnert auch an die lange Menschheitserzählung der Wechselseitigkeit zwischen Tier und Mensch, in der die Sehnsucht nach symbiotischer Verschwisterung und die Schutzstrategien vor dem Raubtier nebeneinander stehen. Die Erfolgsgeschichte der Domestizierung fußt auf dem doppelten Boden der latenten Bedrohlichkeit des Unzähmbaren. Eine weitere Doppelbödigkeit findet sich auch in der Überspitzung der Korrelationen zwischen animalischer und menschlicher Sphäre.

Das Tier setzt nicht nur Phantasieimpulse für die Kreation imaginärer Zwitterwesen, sondern übernimmt als Kunsttier auch eine Stellvertreterfunktion für die menschliche Identität, um auf diese Weise das Rollenspiel der Imitation umzukehren und damit den Humanoiden auf die Bildfläche zu rufen.

Mit Tone Fink, Karin Frank, Julia Hanzl, Ina Hsu, Lisa Huber, Bardh-I ( rafet ) Jonuzi-T, Guido Katol, Alexandra Kontriner, Alois Mosbacher, Ramona Schnekenburger, Deborah Sengl, Charlotte Simon und Anna Stangl.

Welcome my deer
Tierkunst : Kunsttier
5. November 2022 bis 14. Jänner 2023
Kuratiert von Michael Kos, Künstler und Präsident des Verein Bildrecht

Eröffnung: Freitag, 4. November, 19 Uhr
Zur Ausstellung: Michael Kos, Kurator der Ausstellung
Artist Talk: Samstag, 14. Jänner 2023, 19 Uhr
Öffnungszeiten: Di, Do 13–18 Uhr | Fr, Sa 11–16 Uhr

Bildraum Bodensee
Seestraße 5
A - 6900 Bregenz

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  •  4. November 2022 14. Januar 2023 /
Bardh-I ( rafet ) Jonuzi-T, Apocalyptic Genetics VIII, 1998, Feder auf Papier, 53 x 64 cm © Bildrecht, Wien 2022
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Anna Stangl, Reise durch die Sommernacht, 2022, 54 x 72 cm, Schwarzkreide, Ölpastell, Wachs, Tusche auf Karton © Bildrecht, Wien 2022
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Charlotte Simon, Zebra, 2012, Eitempera auf Holz, 170 x 105 cm | Foto: Peter Simon © Bildrecht, Wien 2022
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Ina Hsu, Dikdiks, 2022, Öl auf Holz, 80 x 80 cm © Bildrecht, Wien 2022
Ina Hsu, Dikdiks, 2022, Öl auf Holz, 80 x 80 cm © Bildrecht, Wien 2022
Ramona Schnekenburger, Pottwal, 2021, Öl, Bleistift, Asche auf Leinwand, 120 x 140 cm © Bildrecht, Wien 2022
Ramona Schnekenburger, Pottwal, 2021, Öl, Bleistift, Asche auf Leinwand, 120 x 140 cm © Bildrecht, Wien 2022