Thomas Hoor - Malerei als gelebte Emotion

Die Galerie Quadrart in Dornbirn widmet dem aus Altach in Vorarlberg stammenden Maler und Zeichner Thomas Hoor (1968–2025) eine umfassende Retrospektive.

Mehr als 35 Jahre lang widmete Thomas Hoor sich mit großer Konsequenz und ungebrochener Leidenschaft der Malerei und der Zeichnung. Sein Werk war geprägt von einer unverwechselbaren Bildsprache, in der Farbe, Material und Emotion zu einer eindrucksvollen Einheit verschmolzen. Jedes Gemälde, jede Zeichnung war Ausdruck einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Menschen, seinen Empfindungen und den Spannungsfeldern des Lebens.
Im Zentrum der Ausstellung im Quadrart Dornbirn steht jedoch ausschließlich das malerische Œuvre des 2025 verstorbenen Künstlers. Um dieser Kernphase gerecht zu werden, klammert die Ausstellung sein breit gefächertes zeichnerisches Werk bewusst und vollständig aus.
Für Thomas Hoor war Farbe weit mehr als ein Mittel zur Gestaltung. Sie wurde zum eigenständigen Material, das den Bildraum formte und ihm eine außergewöhnliche körperliche Präsenz verlieh. In seiner charakteristischen Nass-in-Nass-Technik trug der Künstler die Ölfarbe in meist pastosen Schichten auf. Reliefartige Strukturen und bewusst sichtbare Spuren des Malprozesses verleihen seinen Werken eine haptische Qualität, die über die reine Zweidimensionalität hinausgeht. Die Oberfläche wird so selbst zum Ausdrucksträger – lebendig, kraftvoll und von einer beinahe skulpturalen Wirkung. Diese ausgeprägte Materialität ist eines der markantesten Merkmale seiner Malerei. Die Farbe bleibt nicht bloß Träger eines Motivs, sondern entwickelt eine eigene physische Präsenz. Licht und Schatten verändern sich mit dem Blickwinkel, wodurch die Werke immer wieder neue Facetten offenbaren. So entsteht eine intensive Wechselwirkung zwischen Bild und Betrachter, die weit über das rein Visuelle hinausgeht.

Thomas Hoor arbeitete konsequent an seinen großen, aber sehr verschiedenen Themenfeldern gleichzeitig. Tiere, Schauspieler, politische Statements oder Frauenakte bildeten diese separaten Werkgruppen, denen er sich parallel widmete.
Dekorative oder gefällige Motive interessierten ihn nicht. Vielmehr suchte er nach Bildern, die Fragen aufwarfen, Emotionen auslösen und gesellschaftliche wie persönliche Erfahrungen sichtbar machen.
Charakteristisch für seine Arbeiten sind ungewöhnliche Bildausschnitte und die Konzentration auf das Wesentliche. Der Blick wird bewusst gelenkt, Details werden hervorgehoben, während andere Informationen ausgespart bleiben. Gerade diese Reduktion eröffnet den Betrachterinnen und Betrachtern einen großen Interpretationsspielraum.
Seine Werke erzählen keine eindeutigen Geschichten, sondern entwickeln sich zu vielschichtigen Bildwelten, deren Bedeutung sich erst im längeren Betrachten erschließt.
Thomas Hoors Gemälde besitzen wohl gerade deshalb eine außergewöhnlich erzählerische Kraft. Sie wirken wie Momentaufnahmen, die Erinnerungen, Gedanken und Assoziationen hervorrufen. Oft bewegen sie sich zwischen Realität und Imagination und laden dazu ein, eigene Erfahrungen und Gefühle in das Gesehene einzubringen. Dadurch entstanden Bilder, die nie abgeschlossen wirken, sondern sich in der Wahrnehmung jedes Einzelnen immer wieder neu entfalten.
Die emotionale Bandbreite seines Schaffens ist ebenso vielfältig wie seine Themen. Sehnsucht, Einsamkeit, Melancholie und Verletzlichkeit stehen dabei Lebensfreude, Leichtigkeit, Humor und Zuversicht gegenüber.
Zwischen diesen Gegensätzen entwickelt sich eine eindringliche Bildsprache von großer Authentizität.
Seine Werke fordern Aufmerksamkeit und Zeit. Sie laden dazu ein, innezuhalten und sich auf ihre vielschichtigen Ebenen einzulassen.
Gerade in einer Zeit zunehmender visueller Schnelllebigkeit entfaltet Hoors Malerei ihre besondere Stärke: Sie entschleunigt den Blick und eröffnet Räume für persönliche Interpretation und Reflexion, vielleicht sogar für das Essenzielle.
Thomas Hoor hat über Jahrzehnte hinweg eine eigenständige künstlerische Position entwickelt, die sich bewusst gängigen Trends entzieht. Seine Malerei lebt von der Verbindung aus handwerklicher Virtuosität, kraftvoller Materialität und emotionaler Tiefe. Sie ist unmittelbar, sinnlich und zugleich vieldeutig. Jedes Werk erzählt eine Geschichte, jedoch nicht als festgelegte Erzählung, sondern als Einladung zum Dialog zwischen Bild und Betrachter.

Mit seinem künstlerischen Nachlass hinterlässt Thomas Hoor ein beeindruckendes Œuvre, das durch seine unverwechselbare Handschrift, seine konsequente Auseinandersetzung mit existenziellen Themen und seine außergewöhnliche malerische Kraft Bestand haben wird. Seine Werke berühren, fordern heraus und eröffnen immer wieder neue Perspektiven – Qualitäten, die sein Schaffen weit über seine Lebenszeit hinaus lebendig halten werden.
Aus der Überzeugung heraus, dass das außergewöhnliche künstlerische Vermächtnis von Thomas Hoor einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, haben sich die Kunstsammler Markus Grabher, Karl Heinz Pichler, Rosmarie und Gernot Riedmann, Erhard Witzel und Albrecht Zauner zusammengeschlossen.

Mit der Ausstellung und Hommage im Quadrart Dornbirn würdigen sie einen Künstler, dessen Werk über Jahrzehnte hinweg eine eigenständige und unverwechselbare Position innerhalb der zeitgenössischen Malerei in Vorarlberg einnahm.
Zugleich bietet die Präsentation die Gelegenheit, eine Vielzahl bedeutender Arbeiten der letzten 30 Jahre aus privaten Sammlungen gemeinsam zu erleben und die beeindruckende Bandbreite seines Schaffens sowie seine außergewöhnliche künstlerische Handschrift in ihrer Gesamtheit zu entdecken.

Begleitend zur Ausstellung ist ein vom Quadrart Dornbirn herausgegebener Katalog erhältlich. Obwohl dieser bereits 2017 anlässlich seiner Einzelausstellung im Bildraum Bodensee in Bregenz erschienen ist, bildet er einen Großteil der gezeigten Exponate ab und bietet somit einen repräsentativen Einblick in das Gesamtschaffen von Thomas Hoor. (Erhard Witzel)

Thomas Hoor – Malerei als gelebte Emotion
03.10.–15.11.2026

Vernissage: Samstag, 3. Oktober 2026, 17:00 bis 19:00 Uhr
Erhard Witzel im Dialog mit Karlheinz Pichler

Finissage: Sonntag, 15. November 2026, 11:00 Uhr
Karlheinz Pichler – „Schräge Geschichten aus der Kunstszene”

Öffnungszeiten: geöffnet bis 30.10.2026, Oktober: Do und Fr, 16–18 Uhr, danach bis 14.11.2026, jederzeit nach telefonischer Vereinbarung