Thomas Feuerstein – Arbeit am Fleisch

Im Wiener Aktionismus Museum findet bis zum 27. Juli eine Ausstellung des österreichischen Künstlers Thomas Feuerstein statt. Sie lädt zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit der komplexen Wechselwirkung zwischen Körperlichkeit, Biotechnologie und Informationstechnologie ein.

Nach „Sweat and Blood” von Pussy Riot – Diana Burkot ist Arbeit am Fleisch die zweite Präsentation einer zeitgenössischen Kunstposition, die einen Einblick in die künstlerische Auseinandersetzung mit den tiefgreifenden Themen unserer Zeit gibt und dabei zugleich neue Perspektiven auf die Inhalte und Ausdrucksformen des Wiener Aktionismus ermöglicht.

Die Auswahl der präsentierten Arbeiten beginnt mit einem der ersten groß angelegten Projekte Feuersteins zu Beginn seiner künstlerischen Karriere. „Biophily” ist ein äußerst komplexer Werkzyklus, der zwischen 1994 und 1999 in fünf kulturell unterschiedlich geprägten Hauptstädten (Daressalam/Tansania, Windhuk/Namibia, Los Angeles/Kalifornien, Mumbai/Indien und Bischkek/Kirgisistan) entstand.

Die weiteren Exponate präsentieren einen Querschnitt aus Performances, Laborexperimenten und interaktiven Arbeiten und verdeutlichen vor allem das vielfältige Spektrum, aus dem Thomas Feuersteins Œuvre besteht. „Arbeit am Fleisch” thematisiert einerseits die Transformation des Körpers im digitalen Zeitalter und regt andererseits dazu an, über die ethischen und philosophischen Implikationen einer zunehmend vernetzten Welt nachzudenken und diese zu hinterfragen.

Die Betrachter:innen sind aufgefordert, bestehende Vorstellungen von Identität und Differenz infrage zu stellen und damit gleichzeitig einen Blick auf die Geschichte der Wiener Aktionisten zu werfen. Mit ähnlichen Themen wie Körperlichkeit, Identität und der Grenzüberschreitung von Kunst und Leben knüpft Feuerstein an deren provokante und transgressive Ansätze an. So heiratete er beispielsweise im Jahr 1996 für das Projekt „Biophily” in Indien einen Gummibaum, um einen transgenen Organismus zu schaffen. Mit dieser provokanten Aktion zeigt Feuerstein eine innovative Auseinandersetzung mit den Grenzen des menschlichen Körpers und der Natur sowie mit rituellen Praktiken. 31 Jahre nachdem Rudolf Schwarzkogler seine erste Aktion „Hochzeit“ (1965) durchführte, in der er wie ein Schamane oder Magier agierte, diverse symbolisch aufgeladene Objekte bearbeitete und danach eine Art „mystische“ Hochzeit mit einer Braut vollzog, folgt Feuerstein mit seiner Aktion „Biophily“ diesem Vorbild.

Durch die stetige Integration seines eigenen Körpers und seiner Zellen als künstlerisches Material – wie das Stück Haut, das er sich 1998 für die Arbeit „Onko Shirt” entnehmen ließ, mit Kollagen vermischte und weiter kultivierte – verweist er auf die politischen, ökonomischen und technologischen Kräfte, die unsere Vorstellungen von Identität und Leben prägen. Dabei spielt auch die räumlich expandierende Netzwerkinstallation „Daimon” aus dem Jahr 2007 eine wichtige Rolle. Diese Arbeit übersetzt unsichtbare, digitale Informationsprozesse in Bewegung und Klang und macht dadurch alltägliche Prozesse, die wir ohne großes Nachdenken ritualisiert durchführen, sinnlich erfahrbar.

„Arbeit am Fleisch” ist nicht nur eine Ausstellung, die historische und zeitgenössische Perspektiven miteinander verbindet, sondern wirft vor allem die Frage auf, wie Kunst als Spiegel unserer existenziellen und gesellschaftlichen Transformation dient. In einer Welt, in der die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Natur und Technik zunehmend verschwimmen, bietet Feuerstein mit seiner Arbeit eine spannende, oft kontrovers diskutierte Plattform zur Reflexion über die Zukunft unseres Daseins. Er fordert die Betrachter:innen dazu auf, die Verbindung zwischen lebendigen und unbelebten Elementen neu zu überdenken.

Thomas Feuerstein (* 1968) studierte Kunstgeschichte und Philosophie. 1995 promovierte er an der Universität Innsbruck. Er war u. a. ab 1992 Mitherausgeber der Zeitschrift Medien.Kunst.Passagen, arbeitete an Forschungsaufträgen über Kunst und Architektur sowie Kunst im elektronischen Raum. Seit 1997 ist er Lektor und Gastprofessor an Universitäten und Kunsthochschulen, zuletzt Professor für künstlerische Diskurse am Institut für experimentelle Architektur/studio3 der Universität Innsbruck. In seinen Projekten verwebt Thomas Feuerstein Kunst, Literatur und Philosophie mit Ökonomie, Politik, digitalen Medien und Biotechnologie zu künstlerischen Narrativen. Seine Arbeiten umfassen raumgreifende Installationen, prozessuale Skulpturen, Zeichnungen, Hörspiele, Bio- und Netzkunst.

Seit Anfang der 1990er Jahre bilden Digitalisierung, Vernetzung und Biotechnologie einen zentralen Schwerpunkt in Feuersteins Projekten. Algorithmische Arbeiten entstanden ab 1990, darunter Netzwerkinstallationen und Projekte mit künstlichen neuronalen Netzen (KI). Ab 1995 begann er sich intensiv mit Biotechnologie und Tissue Engineering auseinanderzusetzen, woraufhin Arbeiten mit Algen, Bakterien, Pilzen, Myxomyceten und menschlichen Zellen entstanden.

Arbeit am Fleisch
Thomas Feuerstein
Bis 27. Juli 2025
Kuratorin: Julia Moebus-Puck (Direktorin, WAM)