Für die Ausstellung im MAK verknüpft der in Berlin lebende Konzeptkünstler und Fotograf Thomas Demand die Bildkraft des Theaters und der Oper mit seiner künstlerischen Praxis. Ausgehend von historischen Entwürfen für Kulissen – von illusionistischen Szenerien des Barock bis hin zu den atmosphärisch dichten Bildwelten der Jahrhundertwende – hat Demand eigens für das MAK einen Werkzyklus entwickelt, der die suggestive Bildwelt der darstellenden Kunst in das Medium der Fotografie überträgt.
Die Werke kreisen um die von Demand konsequent verhandelte Frage nach der Konstruktion von Wirklichkeit durch die Mittel der Fotografie. Aus Papier und Karton gefertigte Modelle von Bühnenräumen überführt der Künstler im Verlauf des Fotografierens und der Bildbearbeitung in eine neue Dimension und lässt die Besucher:innen in eine Bildwelt eintauchen, die nicht nur Wirklichkeit abbildet, sondern eigene Räume der Wahrnehmung eröffnet.
Demand ist dafür bekannt, Gegenstände, Alltagsobjekte, Innenräume, Architekturmodelle und ikonische Medienbilder als Modelle aus industriellen Materialien wie Papier und Karton in seinem Studio nachzubauen. Diese Prototypen werden fotografiert und anschließend zerstört. Die Fotografie, die aus diesem Reproduktionsprozess hervorgeht, ist das Kunstwerk. Gleichzeitig verleiht Demand seinen Fotografien – den Reproduktionen – eine Aura, die laut Walter Benjamin durch die Vervielfältigung ursprünglich verloren gegangen war.
Durch Verschiebungen, Ausschnitte, Schichtungen, Vergrößerungen und eine poetische Farbgebung verbindet Demand in der MAK-Ausstellung Fotografie, Malerei und angewandte Kunst. Ausgewählte Modelle aus dem Theatermuseum Wien, dem Nouveau Musée National de Monaco und dem Deutschen Theatermuseum München überführt er in sein primäres Medium, die Fotografie.
Die für diese Ausstellung entstandenen rund 25 Fotografien, die mithilfe eines Periskops aufgenommen wurden, sind das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit Miniaturen der Theatergeschichte. In ihnen verdichten sich Raum, Dramaturgie und Atmosphäre. Zugleich führen sie mit einer subtilen, bisweilen beinahe abstrakten Formensprache in die Traumräume der Bühne. Vorder- und Hintergrund treten in ein vielschichtiges Wechselspiel, Modell und Idylle, Kulturgeschichte und Gegenwart verbinden sich zu einer Inszenierung von eigentümlicher Schwebe.
Diese Bildwelt bleibt bewusst offen. Berge, Landschaften, Bäume, Blüten, Architekturen und Schiffe erscheinen als Motive einer Erzählung, die sich nicht schließt, sondern fortwährend weitergetragen wird. Das Modell als ideelle und materielle Form steht im Zentrum von Demands künstlerischer Praxis: Es ist Vorstufe, Abbild, Abstraktion und Kulturtechnik zugleich – ein Träger von Erinnerung, ein Wissensspeicher und ein Werkzeug der Imagination. Ein raumgreifendes Panorama ruft in der Ausstellung die monumentale Gestalt einer Felswand auf. Es erinnert einerseits an den theatralischen Topos der Grotte und andererseits an jene unterirdischen Salzstöcke, in denen wertvolle Fotoarchive gelagert werden. Eigens vom Künstler entworfene Lichtquellen, die wiederum nach einem handgefertigten Modell aus Pappe produziert wurden, pointieren den Raum und verstärken den Eindruck einer Inszenierung, die sich atmosphärisch um die neuen Bilder legt.
Demand fängt die romantische Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg von Richard Wagner in einer Silhouette ein, die an eine Landschaft von Caspar David Friedrich erinnert und die Natur als Spiegel charakterisiert. Das sich auftürmende Bühnenbild der letzten Oper von Gioachino Rossini, Guillaume Tell, zeigt eine fiktive Gebirgskette. In der Reggia d’Apollo von Lorenzo Sacchetti kommt eine facettenreiche Bühnenarchitektur zum Einsatz, während das Komische Zauber-Ballett von Peter Ludwig Hertel einen Einblick in die artifizielle Mystik eines Königreichs gewährt.
Szenografien, die einst für den flüchtigen Augenblick einer Aufführung entworfen wurden, erscheinen hier in bewegter, beinah entrückter Form. Die Bühnenräume von Peter Ludwig Hertel, Gioachino Rossini, Lorenzo Sacchetti oder Richard Wagner lösen sich aus ihrem historischen Zusammenhang und öffnen sich als fragile Palimpseste, als schwebende Architekturen zwischen Realität und Fiktion.
Thomas Demand zählt zu den international bedeutendsten Künstler:innen; seine Werke sind in zahlreichen Sammlungen vertreten. Er vertrat Deutschland auf der 26. Biennale von São Paulo und nahm mehrmals an der Biennale von Venedig teil (2003, 2007, 2010, 2011, 2012, 2017). Seit 2011 ist Demand Professor an der HFBK Hamburg.
Thomas Demand
Räume, die von gestern träumen
bis 24.1.2027