Bis zum 21. Februar 2027 rückt die Sonderausstellung „Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“ im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek das Werk von Thomas Bernhard in den Mittelpunkt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Echo, das Thomas Bernhard (1931–1989) in der internationalen Gegenwartsliteratur auslöste.
Längst hat seine Literatur die Grenzen des unerbittlich attackierten Staates Österreich überwunden. Seit 2023 befindet sich Bernhards Nachlass in der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Ausstellung präsentiert Manuskripte, Briefe und Fotografien aus allen Lebensphasen sowie nie zuvor gezeigte Fundstücke. Thomas Bernhard befreite sich aus schwierigen familiären Konstellationen und überlebte in jungen Jahren eine Lungenkrankheit nur knapp. In den ausgestellten Objekten werden die Verletzungen und euphorischen Momente eines Schriftstellers deutlich, der sich im Schreiben immer wieder neu erfand.
Die Ausstellung zeichnet Bernhards Entwicklung zum Schriftsteller nach. Unter dem Einfluss seines Großvaters, des Schriftstellers Johannes Freumbichler, entstanden erste Gedichte, in denen er Österreich und Salzburg lyrisch besang, darunter eine Hymne auf Salzburg mit dem Titel „Die Königin der Städte“. Zu seiner charakteristischen Sprache und seinen apodiktischen, keinen Widerspruch duldenden Urteilen fand Bernhard erst viele Jahre später. Ein Vergleich von Früh- und Spätwerk zeigt die Spannung, die Bernhards Verhältnis zu seinem Herkunftsland und den Orten seiner Kindheit und Jugend bestimmte.
Kaum ein anderer österreichischer Schriftsteller hat auch international einen so großen Einfluss wie Thomas Bernhard. Das zeigen nicht nur die zahlreichen Theaterinszenierungen und die rund 800 Erstübersetzungen seiner Werke in über vierzig Sprachen. Auch in zahlreichen Büchern zeitgenössischer Autor:innen finden sich Spuren: Mehr als 250 Einträge von Argentinien bis Vietnam verzeichnet das Forschungsprojekt Global-Bernhard. Im Eingangskapitel „Welträume” fügen sich zahlreiche literarische Stimmen zu einem globalen Chor zusammen, von Finnland bis Sri Lanka. Der Untertitel der Ausstellung „Thomas Bernhard heute“ zielt auf die überregionale und übernationale Bedeutung eines Autors ab, der im eigenen Land als „Nestbeschmutzer“ zur Zielscheibe tiefgreifender Ressentiments wurde. Der norwegische Literaturnobelpreisträger Jon Fosse fand in Bernhard früh einen Seelenverwandten, und für den montenegrinischen Autor Andrej Nikolaidis, einen vehementen Kritiker der Verhältnisse in seinem Land, ist Bernhard als Impulsgeber für alles verantwortlich, was er je geschrieben hat. Die Australierin Jen Craig lehrte ihn, wann man dem eigenen Misstrauen am besten traut, und die US-Amerikanerin Emily Hall, wie ein Leben im Widerspruch möglich ist.
Übersetzer:innen bezeichnen den Effekt, den Bernhards Sätze auf sie ausüben, als rauschhaft, tranceartig oder auch als überfordernd. Wer seine Werke liest oder die tragikomischen Theaterstücke sieht, gerät in den Sog einer musikalischen Sprache voller Wiederholungen. Ist Thomas Bernhards Stil tatsächlich so leicht imitierbar, wie manchmal behauptet wird? Worin besteht die Unvergleichlichkeit dieses Autors? Dies sind Fragen, die ins Heute führen und zu Überlegungen, was Literatur überhaupt ausmacht. Ein für die Ausstellung konzipierter Thomas-Bernhard-Chatbot thematisiert auf spielerische Weise die Frage nach der Produktion von Literatur durch KI. Was unterscheidet „künstliche Intelligenz” von menschlicher Kunstfertigkeit, Kreativität und Kommunikation?
Für Thomas Bernhard war das Schreiben mit seinen rhythmischen Strukturen ein durch und durch musikalischer Vorgang. Die Auseinandersetzung mit Musik zieht sich durch sein gesamtes Werk. Bereits während seiner Kaufmannslehre in der Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung nahm er Gesangsstunden – die Musik wurde für ihn zum Mittel der Existenzrettung. Welche Musiktitel für sie zwingend zu Bernhard gehören, verraten internationale Autor:innen in einer für die Ausstellung kompilierten Playlist. Bernhard studierte am Salzburger Mozarteum zunächst Gesang, später Dramaturgie und Schauspielkunst. Ein erstmals öffentlich gezeigtes Regiebuch aus dieser Zeit ist seine Bearbeitung des Stücks „Herrenhaus” des amerikanischen Autors Thomas Wolfe. Er verlegte die Handlung des Südstaatendramas in die Zeit des Koreakriegs.
Erfahrungen wie eine lebensbedrohliche Krankheit, Armut und Krieg, aber auch die Musik und das Theater verbinden Bernhards Leben mit seinem Werk. Dabei kommt der Familie eine zentrale Bedeutung zu. In seinem 1982 erschienenen autobiografischen Band „Ein Kind“ beschreibt Thomas Bernhard die mit ihm lebenden Verwandten als „seiltanzende Zirkusfamilie“. Neben seiner Mutter Hertha Bernhard war die bestimmende Person in diesem Gefüge für den Heranwachsenden der Großvater mütterlicherseits, der Schriftsteller Johannes Freumbichler. Dass der Autor, „im Alleinsein geschult“, Distanz auch in Nähe zu verwandeln vermag, zeigt sich, wenn er mit Gästen Karten spielt oder sich mit Freund:innen trifft.
Gesäumt von Zufällen, Chancen und zerschlagenen Hoffnungen führen Bernhards Lebensbahnen auch an beruflichen Abwegen vorbei: Er dachte darüber nach, Lastwagenfahrer in Afrika oder Bibliothekar in London zu werden, und überlegte, wie es wäre, Direktor des Wiener Burgtheaters zu sein. Der Schriftsteller, der mit dem Roman „Frost“ (1963) endgültig berühmt wurde, richtete seine gesamte Existenz auf sein Lebenswerk aus.
Neben den Stationen seines Aufwachsens beleuchtet die Ausstellung Bernhards Verhältnis zur Welt. „Wenn ich das Wort London las“, heißt es ebenfalls in „Ein Kind“, „war ich begeistert […]. Ich verbrachte halbe Nächte über Europa, das ich in meinem Atlas aufgeschlagen hatte, über Asien, über Amerika.“ Zu sehen sind unter anderem Fotografien von Auslandsaufenthalten, etwa von einer Lesereise in den Iran oder von Reisen in den Süden, ein erstmals öffentlich präsentierter Super-8-Film von einem New-York-Aufenthalt Bernhards im Oktober 1979 sowie Postkarten des Autors an sich selbst.
Neben dem Thomas-Bernhard-Chatbot und der Möglichkeit, nach dem Modell Bernhard’scher Wortzusammensetzungen eigene Komposita zu bilden, gibt es eine weitere interaktive Station: ein für die Ausstellung zusammengestelltes Städtebeschimpfungsquiz – auch eine Hommage an den „Übertreibungskünstler“.
Thomas Bernhard verfasste viele seiner Texte in Hotelzimmern im Süden, vor allem aber in den spartanisch eingerichteten Räumen seiner Häuser in Ohlsdorf und Ottnang in Oberösterreich. Drei alte Häuser erwarb und renovierte Bernhard im Laufe der Zeit. Sie waren auch mit selbst entworfenen Möbeln eingerichtet, einige davon sind in der Ausstellung zu sehen.
Im Mittelpunkt eines Kapitels stehen jene Räume, in denen die unzähligen Musik-, Schreib- und Wissenschaftsprojekte Bernhard’scher Geistesmenschen unabgeschlossen bleiben.
Es ergeben sich unerwartete Berührungspunkte zwischen gedachter und gebauter Welt. Der bekannte portugiesische Architekt Eduardo Souto de Moura stellt seine architektonische Formensprache ausdrücklich in Bezug zu Bernhards Literatur und dessen Vorstellung vom Haus als existenziellen Rückzugsort.
Gebilde wie der Turm in der Erzählung „Amras” (1964) oder der Kegel im Roman „Korrektur” (1975) beeinflussen die narrativen Strukturen und Bildungswege der Figuren maßgeblich. In „Korrektur” wird die Geschichte des Wissenschaftlers Roithamer erzählt, der für seine Schwester ein vermeintlich ideales kegelförmiges Wohnhaus mitten im Wald entwirft. Wie dieser Kegel ausgesehen haben könnte, zeigen drei Modelle, die nach Bernhards detaillierten Angaben im Roman von Architekt:innen gebaut wurden.
In Thomas Bernhards Büchern bedroht und vernichtet eine feindliche, kalte, unheimliche Natur den Menschen. Mag der Protagonist Murau im Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986) auch konstatieren mag: „Alles ist künstlich, alles ist Kunst. Es gibt keine Natur mehr“, vor der Natur ist letztlich kein Entkommen. Ein Sinnbild für Bernhards komplexes Kunst-Natur-Verständnis ist das Ausstopfen getöteter Tiere. Im Roman „Korrektur” (1975) macht der Tierpräparator Höller aus „Naturgeschöpfen” „Kunstgeschöpfe”. Wie Bernhard neu und gegen den Strich gelesen werden kann, damit beschäftigt sich ein Projekt mit Studierenden des Instituts für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien. Die Beiträge beschäftigen sich mit dem „unheimlichen“ Roman „Verstörung“ (1967) und seinen Themen wie Landschaftsschrecken, Gewalt und Entfremdung.
Neben der Beschreibung der Geistesmenschen im Werk ist heute die Seite der Körperlichkeit virulenter denn je: Die Präsenz kreatürlicher Prozesse irritiert und reizt nicht selten zum Lachen. Sie weist den Autor als wachen Beobachter aus, in dessen Texten zentrale Aspekte der menschlichen Existenz zur Sprache kommen: unser Verhältnis zur Natur, die Auseinandersetzung mit Krankheit und Versehrtheit, mit Alter und Einsamkeit, mit Sexualität und Erotik – und als Klammer all dessen die Lebensnotwendigkeit von Beziehungen.
Fotografien in den unterschiedlichsten Posen und Lebenslagen sowie Filmaufnahmen sind wichtige Komponenten der „Marke“ Bernhard. Der Autor ist ein souveräner Darsteller seiner selbst, dessen mediale Strategien auch im Zeitalter permanenter Selbstvermarktung durchaus zeitgemäß erscheinen – sei es als elegant gekleideter Stadtmensch oder in ländlicher Tracht. Unter den ausgestellten Originalkleidungsstücken befindet sich Bernhards „Wetterfleck“, der zusammen mit der Entwurfsfassung der gleichnamigen Erzählung inszeniert wurde.
Über die Jahre ließ er sich von verschiedenen Fotograf:innen ablichten, besonders unverstellt von der ihm langjährig freundschaftlich verbundenen Fotografin Erika Schmied (* 1935). Ihre Fotografien werden in einem Hör- und Schauraum präsentiert. In dem ursprünglich von Schmied konzipierten Raum sind seltene und frühe Originalaufnahmen Bernhards zu sehen. Der dort stehende Ohrensessel wurde von Bernhard für seinen Bauernhof in Ohlsdorf in Oberösterreich entworfen.
Bernhard besaß schon als Kind ein Gespür für die Theatralik alltäglicher Rituale. In einer fragmentarischen Notiz im Nachlass situiert der Autor sein frühestes Theatererlebnis vor einem sogenannten „Leichenausstattungsgeschäft“ im bayerischen Traunstein, wo er zwischen 1938 und 1944 wohnte.
Auf einer Zuckerkiste stehend, beobachtete er beinahe täglich durch ein Fenster die Geschäftsszene: „Mein Theater hatte ich da zum ersten Mal!!!“
„Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“
Thomas Bernhard heute
bis 21. Februar 2027