26. Februar 2008 - 3:25 / Walter Gasperi / Filmriss
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Vom Goldsucher zum Ölmagnat und weiter in tiefste Einsamkeit folgt Paul Thomas Anderson dem Weg von Daniel Plainview. – Jede einzelne Szene strebt in diesem monumentalen, grandios gespielten und visuell und akustisch atemberaubenden Epos über grenzenlose Gier, Zivilisation und Barbarei sowie Kapitalismus und religiösen Fanatismus auf einen Höhepunkt zu. – Ein Film, der im Kino der Gegenwart in einer eigenen Liga spielt.

Ohne Vorspann folgt auf den Titel eine Totale der in grelles Sonnenlicht getauchten Halbwüste von Südkalifornien. Mit einem Jump-Cut springt die Kamera in die Enge eines dunklen Schachtes, in dem Daniel Plainview nach Gold sucht. Nur der Funkenschlag des Pickels erhellt die Dunkelheit. Statt Musik liegt nur ein Sirren in der Luft und rund 15 Minuten fällt kein Wort. In dieser Viertelstunde werden aber nicht nur vier Jahre von 1892 bis 1902 verstreichen, sondern Plainview wird auch in seinen Schacht stürzen und die folgenden 150 Minuten hinken, wird aber auch nicht nur Gold, sondern vor allem Öl finden. – Wie der ganze Film so ist schon diese Exposition von elementarer Wucht und Plainview wird von Daniel Day-Lewis mit einer Inbrunst gespielt, die dessen fieberhafte Besessenheit und rücksichtslose Gier von Beginn an aufs Eindringlichste vermittelt.

"Ladies and Gentleman. Wenn ich sage "Ich bin ein Ölmann", werden Sie mir zustimmen" – Mit in etwa dieser Rede Plainviews – sein Name verweist schon auf Weitsicht – fallen die ersten Worte in "There Will Be Blood". Hocharbeiten wird sich der Ölmann, indem er Land aufkauft. Alle Mittel der Rhetorik setzt er dabei ein, schmeichelt den Farmern einmal und tritt dann wieder hart auf und nimmt immer seinen Sohn zu den Verhandlungen mit um als Familienmensch die Sympathien zu gewinnen. Mit der Religion hat es Plainview nicht so, gibt aber jedem Recht, wenn es nur der Durchsetzung seiner Interessen dient.

Ein Angebot von Standard-Oil wird dieser Selfmademan ausschlagen und selbst eine Pipeline zum Meer bauen, um Transportkosten zu senken. Wie der Begriff "Schwarzes Gold" im leuchtenden Schwarz des Öls konkret Gestalt gewinnt, so spiegelt sich im ölverschmierten schwarzen Gesicht Plainviews förmlich sein Charakter. Denn grenzenlos ist seine Gier und nur gegenüber seinem vermeintlichen Bruder wird er offenbaren, wie groß sein Menschenhass ist.

Den Prediger Eli Sunday (Paul Dano) freilich macht sich Plainview zum erbitterten Gegner, als er ihm verwehrt einen neuen Ölturm zu segnen und ihn auf offenem Feld verprügelt. Der religiöse Fanatiker aber wird sich rächen, wird Plainview zwingen, sich selbst zu demütigen, bis sich in einer rund 10 bis 15 Jahre später spielenden Schlussszene die Positionen nochmals umdrehen, Kegelschläge den Pickel vom Beginn aufnehmen und der Titel "There Will Be Blood", der sich auf die Ankündigung der ersten Plage im zweiten Buch Mose bezieht ("Es wird Blut sein im ganzen Land Ägypten"), in die Tat umgesetzt wird.

In jeder Beziehung gewaltig ist dieser Film, atemberaubend durch die Kameraarbeit von Robert Elswit, die durch die Settings bewusst Assoziationen an den Western weckt, und die variantenreiche, höchst ungewöhnliche Musik von "Radiohead"-Gitarrist Jonny Greenwood. Wie das Sirren vom Beginn mehrfach aufgenommen wird, wenn Plainviews Entwicklung – zweimal mit Hacken und Schlagen verbunden – einen Entwicklungsschub nimmt, wie ein Klopfen eingesetzt wird, wenn die Handlung vorwärts drängt, trägt wesentlich zur Stärke von "There Will Be Blood" bei. Aber diese sehr freie Adaption von Upton Sinclairs 1927 erschienenem Roman "Öl!" ist naturlich auch ein großer Schauspielerfilm. Nicht nur bei Daniel Day-Lewis spürt man, wie sehr er sich in seine Rolle hineinversetzt und sich mit ihr identifiziert hat, auch Paul Dano spielt den nach außen hin sanften, im Innern aber von einem religiösen Wahn besessenen Eli Sunday mit einer mitreißenden Leidenschaft. – Das Aufeinandertreffen dieser Figuren ist so dramatisch wie in manchen Szenen grotesk und von bösem schwarzem Witz.

Fünf Jahre hat sich Paul Thomas Anderson nach der Komödie "Punch Drunk Love" Zeit für "There Will Be Blood" genommen und man spürt in jeder Szene, dass dieser Film nach Größe strebt, dass Anderson es um nichts weniger als ein großes und fundamentales Epos über die USA geht. In der zeitlichen Ansiedlung um 1900 und in der geographischen in der vegetationsarmen Landschaft Südkaliforniens schreibt Anderson den Western fort. An die Stelle des Verschiebens der Frontier nach Westen und des Eisenbahnbaus tritt in "There Will Be Blood" die Ölsuche, mit der sich der Kapitalismus endgültig durchsetzt und sein brutales Gesicht zeigt. Plainview – eine Figur, die in der Tradition von Orson Welles´ "Citizen Kane" ebenso steht wie in der von realen Milliardären wie Howard Hughes - verspricht zwar Schulen und Straßen und gibt sich als Familienmensch, doch in Wahrheit ist Gier die einzige Triebfeder seines Handelns und es geht ihm nur darum Konkurrenten auszustechen. – Am Beginn wird die Erde ausgebeutet und auf sie eingeschlagen und je weiter der Film fortschreitet, desto mehr richtet sich diese Gewalt gegen Menschen.

So weitet sich dieses monumentale Epos zu einer Reflexion über Zivilisation und Barbarei und bringt mit dem fanatischen Prediger eine zweite entscheidende Komponente der amerikanischen Geschichte ins Spiel. Wie Plainview nach materiellem Reichtum giert, so versucht Eli Sunday mit seinem Charisma die Seelen der Menschen für sich zu gewinnen. – Wahnwitzig die Schlusssequenz, wenn es keine äußere Bewegung mehr gibt, der Film in der Bowlingbahn von Plainviews Villa zur Ruhe kommt und sich die innerlich verwandten Gegenspieler ein letztes ebenso absurdes wie grandioses Duell liefern.

Wird vom Freitag, 27.6. bis Donnerstag, 3.7. vom TaSKino im Feldkircher Kino Namenlos gezeigt (O.m.U.)

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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