Der legendäre deutsche Theatermacher Claus Peymann, der dreizehn Jahre lang das Wiener Burgtheater leitete und später Direktor des Berliner Ensembles wurde, ist am Mittwoch im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben. ,
Wie kein anderer hat es Claus Peymann verstanden, dass es als regieführender Intendant nicht nur darum geht, Stücke zu inszenieren, sondern vor allem auch darum, ein ganzes Haus in Szene zu setzen. Und er wusste, dass man dafür eine gute Geschichte braucht. Was das Wiener Burgtheater betrifft, lautete diese Geschichte: Unbequemer Deutscher übernimmt verstaubte Ösi-Institution und macht ein zeitgemäßes, aufregendes Theater daraus. Das war zwar ziemlich dick aufgetragen und stimmte nur teilweise – das Burgtheater war vor Peymann keineswegs so hinterwäldlerisch, wie er das darstellte –, aber es wirkte. Für viele, auch junge, Menschen war das Burgtheater auf einmal ein spannender Ort. Auch das neue Wahlabonnement oder die günstigen Studentenkarten bauten Schwellenangst ab.
Die Laufbahn des Regisseurs Claus Peymann war auch eng mit dem Schriftsteller Thomas Bernhard verbunden: Zwölf seiner Stücke hat er zur Uraufführung gebracht, von "Ein Fest für Boris" (1970) bis "Heldenplatz" (1988). "Heldenplatz", der Beitrag des Wiener Burgtheaters zum Gedenken an 50 Jahre "Anschluss", wurde zu einem der größten Skandale in der Geschichte des Hauses; vor dem Theater wurde eine Fuhre Mist abgeladen, unter den Störern auf dem Rang war auch der junge Heinz-Christian Strache.
Peymann wurde 1937 als Klaus Eberhard Peymann in Bremen geboren (zum Claus wurde er erst in der Schulzeit). Seine ersten Inszenierungen realisierte er beim Studententheater in Hamburg, die erste Leitungsfunktion übernahm er 1965 als Oberspielleiter im Frankfurter Theater am Turm, wo er u. a. Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung“ zur Uraufführung brachte (sechs weitere Handke-Uraufführungen sollten folgen).
Als er in Stuttgart Intendant war (1974–1979), machte die "Zahnspendenaffäre" Schlagzeilen – Peymann hatte am schwarzen Brett einen Brief aufgehängt, in dem die Mutter von Gudrun Ensslin um Spenden für die Zahnbehandlung der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen bat. Danach machte er das Schauspielhaus Bochum (1979–1986) zur ersten Adresse des deutschen Theaters.
19 Mal wurden Peymann-Inszenierungen für das Berliner Theatertreffen nominiert (nur Peter Zadek gelang das öfter), darunter sein Stuttgarter "Faust" oder, aus Bochum, "Nathan der Weise" und "Die Hermannsschlacht" – gedankenklare, bildstarke Aufführungen.
André Heller beschrieb Peymann folgendermassen: "Wer Peymann näher kennt, weiß, dass er eine Art Wohngemeinschaft ist. In ihm sind ein eleganter Herr gemeldet, ein trotziger. wunderbar verspielter Kindskopf, ein Grantscherm mit Tobsuchtsneigung, ein brillanter politischer Analytiker, unfähig zum Opportunismus.“ Daneben finde sich ein „harmoniesüchtiger Zauderer, ein harscher Kolonialist – und ein behutsamer Entwicklungshelfer“, so Heller. Jeden Morgen, so Heller, werde per Ziehung entschieden, welcher Peymann Ausgang erhalte.