8. Oktober 2019 - 5:29 / Ausstellung / Theater / Film 
9. Oktober 2019 5. Januar 2020

Die Ausstellung «Tadeusz Kantor: Où sont les neiges d’antan» des Museum Tinguely präsentiert einen der wichtigsten Theaterschaffenden und bildenden Künstler Polens des 20. Jahrhunderts mit einem seiner grossen Bühnenwerke.

Mit kritischem Blick auf die verdrängte Geschichte Polens widmet sich Tadeusz Kantors (1915-1990) unabhängiges Untergrundtheater der Alltagsrealität und prägt bis heute eine junge Generation in der Welt des Theaters. Sein Werk gilt als Modell fur radikale, disziplintübergreifende Theaterexperimente und steht für die Aufhebung der Differenz zwischen Bühnen- und Zuschauerraum. Als Regisseur, der sich auf der Bühne unter seine Schauspieler_innen mischte, Anweisungen gab, eingriff und so zum Fremdkörper im Ensemble wurde, durchbrach Kantor vor allem mit seiner eigenen Anwesenheit die Grenzen des klassischen Theaters. Zu seiner künstlerischen Praxis gehörte die Wiederverwendung von Objekten. Alte und beschädigte Dinge waren sein (natüliches) Medium und das Motiv des Todes ist ein zentrales Themain seinem Werk.

Begleitend zur Ausstellung kann das Museumspublikum bis zum 20. Oktober das Virtual Reality-Programm Cricoterie (2019), von Tale of Tales, inspiriert von Kantors Theater des Todes erleben.

Die Cricotage (Kantors Begriff für diese Kurzform einer Auführung leitet sich vom Namen seines Theaters ab) Où sont les neiges d'antan ist die erste Produktion des Kunstlers, die ohne einen bereits vorhandenen Text entwickelt wurde. Der literarische Verweis ist lediglich durch den Titel gegeben. Es handelt sich hierbei um ein Zitat aus der Ballade des dames du temps jadis aus Le Grand Testament (1461) von Francois Villon, einem französischen <poéte maudit> des Mittelalters. Die Performance basiert auf der Verwendung dreier Farben: Schwarz — die Farbe des Instruments und der Kostüme der Rabbiner; Rot - die Farbe der Kardinale und des Feuers; und Weiß - die Farbe des Schnees, des großen Schleiers und der Kostüme der anderen Charaktere aus reissfestem Papier.

The Trumpet of the Last Judgement (1979) entstand Ende der 1970er Jahre als zentrales Objekt in der Kurzperformance Où sont les neiges d'antan des Cricot 2 Theaters im Palazzo delle Esposizioni in Rom. Die Produktion wurde in den 1980er Jahren wiederaufgenommen und in Städten wie Paris, London, Genf und Warschau gezeigt. Im Laufe der Jahre arbeitete Kantor stetig an der Weiterentwicklung des Objektes. Die erste Version von 1979 bestand aus einer mit schwarzem Stoff bezogenen Posaune auf einem beweglichen Stativ. In den Jahren 1982-83 modifizierte Kantor das Ensemble, indem er das Instrument an einem knapp 3,5 Meter hohen Metallgertüst aufhängte, das mit einem System aus Kurbeln, Riemenscheiben, Zahnradern und Stahldrahten vertikal bewegt werden konnte. «Die Maschine ähnelt einem Gerüst oder Galgen und ist ein bisschen wie eine Belagerungsmaschine aus biblischer Zeit / Viele Räder, Zahnräder, Gurte, Seile und Kurbeln bringen die Posaune in Bewegung / in einer schwarzen, sepulkralen Hülle. Die Posaune erhebt sich und sinkt langsam hinab», so der Künstler.

Die Ausstellung im Museum Tinguely zeigt Objekte und Kostüme aus Où sont les neiges d'antan. Begleitet werden sie von der Filmvorführung einer Probe, die 1984 am Vorabend der polnischen Premiere im Studentenclub Stodota in Warschau von Andrzej Sapija aufgenommen wurde. Zeichnungen und Skizzen von Tadeusz Kantor werden der fotografischen Dokumentation gegenübergestellt: Romano Martinis’ Fotografien der ersten Version der Performance 1979 in Rom, sowie Jacquie Bablets und Caroline Roses Aufnahmen der zweiten Version 1982 in Paris. Archivplakate der Aufführungen in Paris und London (1982), Genf (1983) und Warschau (1984) veranschaulichen die darauffolgende Tournee der Cricotage.

Mit einem jüdischen Lied eröffnet The Trumpet of the Last Judgement, das Objekt aus Tadeusz Kantors Performance, einen Dialog um das Motiv des Totentanzes mit Jean Tinguelys Installation Mengele-Totentanz (1986). Aus dem nächsten Raum, in dem Tinguelys Werk ausgestellt ist, erklingen die Geräusche einer vergangenen Tragödie und scheinen die Aktivierung von Kantors Maschine vorwegzunehmen — eine Posaune, die das bevorstehende Ende ankündigt. Tinguelys Werk setzt sich hauptsächlich aus den Überresten eines niedergebrannten Bauernhofes zusammen. Eine der Szenen in Kantors Performance trägt den Titel Our Town Is Burning. Eine Posaunenversion dieser 1936 von Mordechai Gebirtig geschriebenen Hymne des jüdischen Ghettos erklingt im Raum, während Kantors Performance auf die Wand projiziert wird. Der polnische Regisseur beschwört auf diese Weise den Geist der tragischen Ereignisse des Ersten und Zweiten Weltkrieges herauf. Der Klang der Posaune signalisiert das Ende, ist aber zugleich Symbol der kommenden Rettung, da die Eimer zur Löschung des Feuers durch die Vorrichtung in Bewegung gesetzt werden. Während der Aufführung wird das Instrument vom Rabbiner und seinem Assistenten, dem kleinen Rabbiner, bedient. Diese Figuren evozieren die jüdische Gemeinschaft der kleinen Schtetl, die der Künstler aus seiner Kindheit und Jugend kannte.

Virtual Reality-Animation
Im Museum Tinguely wird die Schau durch eine Virtual Reality-Animation begleitet, der Cricoterie (2019) von Auriea Harvey & Michaél Samyn. Die Besucher_innen sind vom 9. bis 20. Oktober eingeladen eine virtuelle Bühne zu bespielen, die inspiriert von Kantors Theater des Todes mit ungewöhnlichen Charakteren und Requisiten ausgestattet ist, wahrend das Publikum zusehen kann, wie die Dinge ausser Kontrolle geraten.

Tinguely und Kantor
Jean Tinguely und Tadeusz Kantor lernten sich um 1960 durch den schwedischen Sammler Theodor Ahrenberg kennen, der sich in Chexbres in der Schweiz niedergelassen hatte. Beide Künstler vermischen in ihren Werken ihre persönlichen Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Erinnerungskultur. Ihr gemeinsames Interesse an prozessualer Kunst und hybriden Medien animierte sie dazu, die Grenzen zwischen Kunst und Realität aufzubrechen. Ideologisch sind ihre Werke jedoch weit voneinander entfernt. Damals noch dem Informel verpflichtet, wandte sich Kantor von diesem Trend ab und widmete sich verstärkt dem Objekt; in der Schweiz schuf er seine ersten Emballagen. Er erinnerte sich an eine Rückkehr zum Objekt in vielen Bereichen, in der sich auch ein Protest gegen das Informel zeigte. So gründeten Tinguely, Daniel Spoerri, Yves Klein und andere 1960 die Gruppe der Nouveaux Réalistes. Kantor hatte eine andere Sicht auf seine Objekte und Maschinen, die in erster Linie in seinen Performances agieren sollten. In den 1980er Jahren begann der Künstler damit, sie für Ausstellungszwecke zu und schuf somit eine außergewöhnliche Sammlung von Objekten fur sein Museum, die Cricoteka, aus dem die meisten hier ausgestellten Werke stammen.

Cricoteka und Culturescapes Polen 2019
Die von der Cricoteka in Krakau gastkuratierte Schau lauft bis zum 5. Januar 2020 und ist Kantors erste Einzelausstellung in der Schweiz seit uber zehn Jahren. Das Projekt entstand in Kooperation mit Culturescapes Polen, ein Kulturfestival, in dem die Kulturlandschaft eines anderen Landes oder einer Region vorgestellt wird.

Tadeusz Kantor: Où sont les neiges d’antan
9. Oktober 2019 bis 5. Januar 2020

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1
CH - 4002 Basel

T: 0041 (0)61 68193-20
F: 0041 (0)61 68193-21
E: infos@tinguely.ch
W: http://www.tinguely.ch/

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  •  9. Oktober 2019 5. Januar 2020 /
Daniel Simpson, Tadeusz Kantor im Cricot 2 Zentrum in Krakau, 1987, Fotografie, Cricoteka (c) 2019 Centre for the Documentation of the Art of Tadeusz Kantor Cricoteka
Daniel Simpson, Tadeusz Kantor im Cricot 2 Zentrum in Krakau, 1987, Fotografie, Cricoteka (c) 2019 Centre for the Documentation of the Art of Tadeusz Kantor Cricoteka
(c) 2019 Centre for the Documentation of the Art of Tadeusz Kantor Cricoteka
(c) 2019 Centre for the Documentation of the Art of Tadeusz Kantor Cricoteka
Tadeusz Kantor, Ohne Titel (Die Posaune des Jüngsten Gerichts), 1979, Pastellzeichnung, Filzstift, Acrylfarbe auf Papier, 40 x 28 cm, Privatsammlung (c) Maria Kantor & Dorota Krakowska / Tadeusz Kantor Foundation
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Tadeusz Kantor (li.), Aufführung von Où sont les neiges d´antan in Paris, 1982, Cricoteka (c) Maria Kantor & Dorota Krakowska / Tadeus Kantor Foundation, Foto: Jacquie Bablet
Tadeusz Kantor (li.), Aufführung von Où sont les neiges d´antan in Paris, 1982, Cricoteka (c) Maria Kantor & Dorota Krakowska / Tadeus Kantor Foundation, Foto: Jacquie Bablet
Andrzej Sapija, Gdzie sa niegdysiejsze śniegi ( Where are Last Year´s Snows), Filmstill, 1984 (c) WFO
Andrzej Sapija, Gdzie sa niegdysiejsze śniegi ( Where are Last Year´s Snows), Filmstill, 1984 (c) WFO
Auriea Harvey & Michael Samyn, Cricoterie, 2019 (Filmstill)
Auriea Harvey & Michael Samyn, Cricoterie, 2019 (Filmstill)
Auriea Harvey & Michael Samyn, Cricoterie, 2019 (Installationsansicht)
Auriea Harvey & Michael Samyn, Cricoterie, 2019 (Installationsansicht)