Es zieht durch die Ritzen, der Fußboden knarrt. Es ist ein idiotisches Haus. Die Sommergäste sind da. Sie reden leidenschaftlich gern und eloquent über ihre komplizierten Beziehungen und pflegen ihre Melancholie. Was sie tun, ist ihnen fremd geworden. Wie sie in Zukunft eigentlich leben wollen, haben sie vergessen. Kein Engagement. Nirgends. Der Mensch ist auf den Hund gekommen.

"Keiner hat mehr Zeit. Jeder hat einen Haufen Probleme, keiner leistet etwas." Aber langsam zieht durch die Ritzen ein heftiger Wind, der das Leben durcheinanderwirbeln wird. Gorki versammelt in "Sommergäste" die Stimmen und Stimmungen einer mediokren Gesellschaft, die ihrem Ende entgegen taumelt. Noch hält man sich für kultivierte Intellektuelle, aber das Leben ist "schäbig und brüchig, wie hastig und provisorisch zusammengezimmerte Jahrmarktsbuden". Oder wie ein Nachtasyl.

"Wie wenig braucht der Mensch zum Glück!", haut es durch die Gassen. Auch wenn man den Gürtel enger schnallen muss, zum Lumpenpack gehört man nicht! Sozialer Abstieg ist eine vorübergehende Angelegenheit. Prekär lebt man zeitweise, das wissen die Bewohner in Gorkis "Nachtasyl". Sie kennen sich aus in anderen Zonen, kennen das gute Leben und die Leichtigkeit des Geldausgebens.

Das Leben am Tiefpunkt kennen sie eigentlich eher aus der Literatur: Ein Leben, dem die Grazie fehlt, ein Leben ohne Verfeinerung der Genüsse und jeglicher Lebensfreude, ein Leben ohne System, wo nur der nackte Mensch geblieben ist, ohne die geringste Bedeutung. Während die Bewohner im Nachtasyl von einem neuen / alten Leben träumen, zurück an den Schaltstellen der Arbeitswelt in angenehmer Umgebung, löffeln sie täglich die Suppe im Kreis der anderen Gescheiterten, der Arbeits- und Obdachlosen und beginnen langsam zu vertieren.

Nachtasyl ist das bekannteste und erfolgreichste Schauspiel Maxim Gorkis. Es wurde während des Winters 1901 geschrieben und 1902 im Moskauer Künstlertheater unter der Regie von Konstantin Stanislawski uraufgeführt. Die deutsche Uraufführung erfolgte am 23. Januar 1903 im Berliner Deutschen Theater unter der Regie von Richard Vallentin.

Sommergäste / Nachtasyl von Maxim Gorki
Regie: Karin Henkel
Premiere: 30. April 2010

Weitere Vorstellungen:
5./ 14./ 20./ 26. Mai 2010
11./ 14./ 29. Juni 2010
5./ 12. Juli 2010

Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus
Maximilianstraße 26-28
D - 80539 München

W: http://www.muenchner-kammerspiele.de/

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  •  30. April 2010 12. Juli 2010 /
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