29. Oktober 2009 - 5:50 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Zwischen 1933 und 1939 drehten Fred Astaire und Ginger Rogers neun Filme für die RKO, die die beiden Tänzer als Filmpaar unsterblich machten. Neben "Top Hat" ist "Swing Time", der bei Kinowelt als DVD erschienen ist, wohl die perfekteste dieser federleichten und ungemein eleganten Musikkomödien, die nichts von ihrem Charme und ihrem Unterhaltungswert verloren haben.

Der Einstieg ist direkt mit einer kurzen Tanzszene. Doch dann gibt es zunächst für rund 25 Minuten keine Musik und keinen Tanz mehr. Denn durch Intrigen seiner Freunde platzt die Hochzeit des Tänzers und Spielers John Garnett (Fred Astaire), den alle nur Lucky nennen, mit der Tochter eines angesehenen Bürgers einer Kleinstadt. Prägnant, aber mehr spielerisch leicht als ernst und kritisch stellt George Stevens die beiden Milieus einander gegenüber: das biedere Bürgertum, bei dem das Wirtschaftsdenken, Ordnung und Pünktlichkeit im Mittelpunkt steht, auf der einen Seite, und auf der anderen die eher chaotischen, in den Tag hinein lebenden und den Augenblick genießenden Tänzer.

Weil Lucky nur dann eine zweite Chance auf Heirat mit der Verlobten erhält, wenn er beweist, dass er Geld erdienen kann, bricht er mit seinem Kumpel nach New York auf – aus Geldmangel ohne Fahrkarte per Güterzug, aber selbstverständlich mit schwarzem Anzug und Zylinder. Im Big Apple trifft er durch Zufall die Tanzlehrerin Penny (Ginger Rogers), die ihn zunächst zurückweist. Als sie aber gemeinsam als Tänzer Erfolg haben, wächst bei Penny die Liebe, während Lucky reserviert bleibt, da er an seine Verlobte denkt. Dass sich am Ende freilich alles in Wohlgefallen auflöst und alle lachen können, versteht sich von selbst.

Mehr elegante Musikkomödie als Musical ist "Swing Time". Mit schneller Szenenfolge, geschliffenen Dialogen und zwei Sidekicks, die Astaire und Rogers zur Seite gestellt sind, wird die Handlung zügig vorangetrieben. Für die Höhepunkte des Films sorgen freilich sechs glanzvolle Tanznummern, die perfekt in die Handlung integriert sind.

Hier zeigt sich in der Zurückhaltung die ganze Meisterschaft des Regisseurs George Stevens – und natürlich von Astaire und Rogers. Denn während heute bei solchen Szenen mit Close-Ups und schnellen Schnitten potentielle Fehler und Schwachstellen kaschiert werden, überlassen Stevens und sein Kameramann David Abel den ganzen Raum dem Tanzpaar. Nicht bei der Montage, sondern direkt vor der Kamera entsteht hier die Szene. Statt den Tanz durch wechselnde Kameraperspektiven und schnelle Schnittfolgen zu zerhacken, steht die Kamera weitgehend fix an einem Punkt, von dem aus sie in der Halbtotalen in einer teilweise mehrminütigen Einstellung die Tanznummer quasidokumentarisch festhält. Flunkern können Astaire und Rogers hier nicht, sondern sie müssen vor der Kamera brillieren.

Großartig ist ihr erster Auftritt (siehe Anhang) mit "Pick Yourself Up", bei dem der tänzerisch vermeintlich völlig unbegabte Astaire dem Leiter einer Tanzschule seines und Rogers´ wahres Können zeigt. Nach zwei Zwischenschnitten auf den verblüfften Mann, der als Stellvertreter des Zuschauers fungiert, zieht sich die Kamera ganz in die Halbtotale zurück und lässt Astaire und Rogers groß auftanzen. Hinreißend ist auch das in romantischer Schneelandschaft spielende Pas de deux "A fine romance", bei dem die Rollen zwischen Astaire und Rogers wechseln, oder Astaires Hommage an den afroamerikanischen Steptänzer Bill Robinson mit der Nummer "Bojangles of Harlem".

Mit der Realität hat dieser Film freilich nichts zu tun, denn, obwohl Lucky notorisch unter Geldnot leidet, ist Armut "Swing Time" kein Thema, sondern erzählt stattdessen nur von nobler Gesellschaft und edlen Clubs, von großen Bühnen, schwarzen Anzügen und schicken Abendkleidern.

Auch nach über 70 Jahren wirkt und schmeckt dieser Film immer noch wie ein superbes Dessert, von dem man nicht so schnell genug bekommen kann. Allein die Extras, die die von Kinowelt herausgegebene DVD bieten, sind äußerst dürftig: Außer einem Trailer finden sich nur noch Trailer für weitere von Kinowelt auf DVD vertriebene Filme, aber kein Material zu "Swing Time" oder beispielsweise dem Paar Astaire/Rogers oder dem amerikanischen Musikfilm im Allgemeinen.

Ausschnitt aus "Swing Time" (Tanznummer "Pick Yourself Up")



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Swing Time (George Stevens, 1936)
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