Verborgene Arbeit, verborgene Kosten. In der Gruppenausstellung „Subterranean” erforscht der Kunstraum Niederösterreich in Wien die Tiefenschichten der modernen Arbeitswelt. Die von Sarah Johanna Theurer und Aditi Kapoor kuratierte Ausstellung ist das dritte Kapitel des Jahresprogramms „Fragile Fictions” des Kunstraums. Zu sehen sind konzeptuelle, installative sowie Sound- und Filmarbeiten.
Was geschieht im Inneren der Institutionen und Systeme, die unseren Alltag prägen? Welche Tätigkeiten dürfen sichtbar werden, welche bleiben im Dunkeln? Je komplexer moderne Gesellschaften strukturiert sind, desto undurchsichtiger sind auch die Prozesse, die sie am Laufen halten. Sichtbar ist nur das Frontend, also die Oberfläche von Konsum- und Warenwelt. Die menschliche Arbeit dahinter bleibt vielfach verborgen – mitsamt den psychischen und sozialen Spannungen, die sie verursacht.
Die Auseinandersetzung mit der Sicht- und Unsichtbarkeit von Arbeit hat in der Gegenwartskunst eine lange Tradition. Von der frühen Konzeptkunst bis zur Institutionskritik haben sich zeitgenössische Künstler:innen immer wieder intensiv mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beschäftigt, unter denen Menschen arbeiten. Die Gruppenausstellung „Subterranean” knüpft an diese Bewegung an. Fünf künstlerische Positionen machen die Arbeit sichtbar, die täglich in die (Re-)Produktion unseres sozialen Alltags fließt. Mithilfe unterschiedlicher erzählerischer Strategien bringen sie verschüttete Geschichte(n) zum Vorschein, blicken in die Blackboxes von Industrie und Finanzwelt oder erkunden vergessene Alternativen zu den Regimen von Leistung und Konkurrenz.
Marina Xenofontos beschäftigt sich in ihrer Installation „The New Faithful“ (2023) mit den sozialen und physischen „Druckverhältnissen“, die im Inneren der Arbeitswelt wirken. Die Installation besteht aus mehreren fehlerhaften Monobloc-Stühlen, die während Produktionshochphasen entstanden sind. Statt weiß oder braun zu sein, sind sie weiß-braun meliert. Xenofontos verbindet diesen „Störfall” mit einer Videoarbeit über den zypriotischen Lemon Dance. Damit die Zitrone zwischen ihren Körpern nicht zu Boden fällt, müssen sich die Tänzer:innen eng aneinanderpressen. Präzisionsarbeit unter Hochdruck ist gefragt.
Ghislaine Leung formuliert mit ihrer Arbeit „Maintenance“ (2026) eine subtile Kritik an der Institution des White Cubes, des modernen „reinweißen“ Ausstellungsraums. Die zugrunde liegende Handlungsanweisung lautet: „Tun Sie nichts, um den Ausstellungsraum wieder instand zu setzen!” Beim Aufbau von „Subterranean” sollten sämtliche Spuren der vorangegangenen Ausstellung (Löcher, Schäden am Boden etc.) – und die in sie investierte Arbeit – im Ausstellungsraum verbleiben. Dadurch wird ein Teil der Nutzungsgeschichte des Kunstraums lesbar und die Illusion der Reinheit und Neutralität des White Cubes durchkreuzt.
Thuy-Han Nguyen-Chi und Andrew Yong Hoon Lee präsentieren in ihrer Sound-Installation „The light comes in the name of the voice“ (movement II, 2026) ein Kaleidoskop weiblichen Widerstands aus unterschiedlichen Regionen und Epochen. Die Arbeit basiert auf einem Interview, das Nguyen-Chi mit einer ehemaligen politischen Gefangenen geführt hat. Das Röhrensystem, das die Installation durchzieht, verweist auf eine Schlüsselerfahrung von Nguyen-Chis Interviewpartnerin während der Einzelhaft: Nach einiger Zeit fanden sie und ihre Mitgefangenen einen Weg, über die Abwasserrohrleitungen der Haftanstalt miteinander zu kommunizieren und so ihre Isolation teilweise zu überwinden.
Joyce Joumaas „Untitled“ (2025) setzt sich mit der libanesischen Wirtschaftskrise auseinander. Nach jahrzehntelanger Misswirtschaft und Korruption brach das libanesische Bankensystem im Jahr 2019 fast völlig zusammen. Ersparnisse verloren über Nacht ihren Wert und rund 80 % der Bevölkerung rutschten unter die Armutsgrenze. Joumaas achtminütiges Video zeigt eine Hand, die Zahlenreihen in einen Taschenrechner tippt. Was zunächst wie eine einfache Rechenoperation aussieht, erweist sich bald als abgründige Sisyphusarbeit – eine Allegorie auf die Dimensionen der Krise, die längst jedes bekannte menschliche Maß gesprengt haben.
In seiner Filminstallation „Pacific Club“ (2023) spürt Valentin Noujaïm der Geschichte eines legendären Clubs im Pariser Geschäftsviertel La Défense, dem heutigen Finanzzentrum Frankreichs, nach. Der 1979 gegründete Pacific Club entwickelte sich zu einem der bedeutendsten kulturellen Treffpunkte für junge Araber:innen in der Metropole. In den 1990er Jahren setzten Rassismus, Aids-Epidemie und Gentrifizierung dieser Geschichte ein Ende. „Pacific Club“ ist Teil einer Trilogie, in der sich Noujaïm mit dem historischen Wandel von La Défense und dem Leben migrantischer Communities in Paris beschäftigt.
Nach „She, Who Dwells in the Darkness“ und „Attitude Era“ ist „Subterranean“ das dritte Kapitel des Kunstraum-Jahresprogramms „Fragile Fictions“, das sich mit den transformativen Potenzialen des Geschichtenerzählens auseinandersetzt. Begleitend zu „Subterranean” bietet der Kunstraum ein mehrteiliges Vermittlungsprogramm an. Neben einer Ausstellungsführung mit Ko-Kuratorin Sarah Johanna Theurer und zwei Terminen im Rahmen der Reihe „Through the Lens of …“ (u. a. mit Falter-Chefredakteur Florian Klenk) gehört auch ein besonderes Vermittlungsevent im Rahmen der ORF-Langen Nacht der Museen am Samstag, dem 03.10.2026, dazu. Ab 18 Uhr lädt der Kunstraum Kinder – und alle, die Lust haben – zu einer nächtlichen Rätselrallye durch „Subterranean” ein.
Subterranean
bis 7.11.2026