Sa, 20.08.2005 / Bernhard Sandbichler / Erratum
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Die Ausserferner Gemeinde Namlos legt sich kein neues Promo- oder Promi-Festival zu (und hat auch kein altes). Was steckt dahinter? Die Ausserferner Gemeinde Namlos, 1286 erstmals urkundlich erwähnt und weltweit der einzige Ort ohne Namen, beschließt jetzt im Sommer, mitten in der Festspielzeit also, sich in Sachen Festspiele und Festivals fernab der üblicherweise befahrenen Schienen zu bewegen.

Der Festival-Zug nämlich, der sämtliche Orte von Affenhausen bis Zirl anfährt, sei längst abgefahren — und im Übrigen in die falsche Richtung. Es solle hier als Spezifikum weder einen Namloser Sommer oder Herbst noch Strauss-, Ganghofer- oder sonstige namhafte Tage geben. Selbst der Vorschlag, bloß alle vier Jahre am 29. Feber eine Art Nam-Lostag einzurichten, wurde von der Gemeinde abgelehnt. Hier solle es nichts geben, absolut nichts davon. Und überhaupt: Die Tage von Namlos seien gezählt.

Welche Strategie steckt dahinter? Die Folgende: Namlos möchte gänzlich von der Landkarte verschwinden, untertauchen, ein weißer Fleck werden. Zugegeben, das ist eine seltsame Art auf sich aufmerksam zu machen; aber als Strategie mindestens so originell wie der Name der Gemeinde selbst. Man erinnere sich auch daran, dass Odysseus mit ähnlichen Mitteln gegenüber seinem Widersacher Polyphem gut gefahren ist. »Freunde! Niemand erschlägt mich mit List und nicht mit Gewalt!« Aha, dachten sich damals seine klobigen Zyklopen-Kumpane, dann ist ja alles gut.

Die Sache mit Odysseus ist verbrieft, und mit Namlos wird es wohl nicht anders sein. Die Ostschweizer Marktgemeinde Fraglos und das norddeutsche Sinnlos kündigten vergangene Woche übrigens ähnliche Schritte an.

Oder irre ich? Und wenn schon! »Errare humanum est«, sagt Vater Hieronymus (Epistulae 27,12), und wir sind schließlich alle bloß Menschen.

Quelle: Homer, Odyssee 9, 403—440



namlos
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