16. Juli 2015 - 4:30 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Los Angeles in den Tagen vor der Jahrtausendwende: Ex-Cop Lenny, der sich seinen Lebensunterhalt mit illegalen Videos verdient, die die Erfahrungen anderer Menschen als absolut real erfahren lassen, gerät plötzlich in einen Mordfall. Zum 20-jährigen Jubiläum ist Kathryn Bigelows visuell brillanter und actionreicher Mix aus Science-Fiction und Neo Noir bei Koch Media auf DVD und Blu-ray erschienen.

Vermummte Männer bereiten in einem Wagen einen Überfall vor. Durch unruhige Handkamera und hektischen Schnitt ist der Zuschauer bei Vorbereitung und Durchführung des Coups hautnah dran – doch abrupt bricht die Handlung ab, entpuppt sich als Video, das sich Ex-Cop Lenny (Ralph Fiennes) über ein Headset direkt ins Gehirn hineinzieht und so die Ereignisse absolut real miterlebt.

Ein Insert datiert die Handlung auf den 30. Dezember 1999, Schauplatz ist Los Angeles. Vor dem Hintergrund der sich langsam steigernden Partys anlässlich des Jahrtausendwechsels, aber auch von Unruhen auf den Straßen und massivem Polizeieinsatz spielt Kathryn Bigelows Thriller. Fast nur Nachtszenen gibt es und visuell brillant evoziert die Oscarpreisträgerin im Spiel mit Licht, Farben und Musik eine dichte Atmosphäre und verleiht "Strange Days", der nur auf einer großen Leinwand seine Stärke wirklich entfalten kann, Drive.

Viel Zeit lässt sich Bigelow für die Schilderung dieses Hintergrunds. Nicht ganz so düster wie in Ridley Scotts "Blade Runner" erscheint hier Los Angeles, doch unübersehbar stand dieser Klassiker Pate für die Beschwörung der Großstadtatmosphäre. Eine stringente Handlung entwickelt sich erst, als Lenny ein Video von der Ermordung einer Bekannten erhält, selbst um sein Leben fürchten muss und mit der Leibwächterin Mace (Angela Bassett) zu recherchieren versucht.

Die toughe Kämpferin ist zweifellos die interessantere Figur als der Looser Lenny, der immer noch seiner verlorenen Liebe Faith (Juliette Lewis) nachtrauert, die er glaubt aus den Händen eines schmierigen Produzenten befreien zu müssen. In klassischer Hollywoodmanier erzählt "Strange Days" so auch eine doppelte Liebesgeschichte, denn Lenny merkt andererseits nicht, dass ihn Mace heimlich liebt.

Scheint es zunächst um eine Auseinandersetzung mit Bildproduktion und den Kick, den Videos auslösen, und die Droge, zu der sie werden können, zu gehen, so tritt dieses Thema mit Einsetzen der Krimihandlung völlig in den Hintergrund, dient nur einer ungewöhnlichen Arbeit mit Rückblenden.

Thematisiert werden dafür – beeinflusst vom Fall Rodney King, der 1991 Opfer unverhältnismäßiger Polizeigewalt wurde - die Spannungen zwischen Weißen und Afroamerikaner und auch an der Kritik an einer rassistischen Polizei fehlt es nicht, doch letztlich dienen die gesellschaftskritischen Aspekte doch nur dazu die Handlung in Schwung zu halten und werden nicht ausgelotet. Auch die immer wieder diskutierte Paranoia der Figuren und das Verschwörungsszenario kann angesichts des beruhigenden Endes des Films nicht verunsichern.

Was somit bleibt ist ein ausgesprochen stylischer, ästhetisch an Walter Hills "Straßen in Flammen" erinnernder, in schwarzweißen TV-Ausschnitten auch immer wieder auf den klassischen Film noir verweisender und sichtlich aufwändig produzierter futuristischer Actionfilm, der 140 Minuten packend und gewürzt mit schwarzem Humor unterhält, dem aber letztlich doch die eindrucksvolle Oberfläche wichtiger ist als Tiefgang.

An Sprachversionen bieten die bei Koch Media erschienene Doppel-DVD und Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. An Extras gibt es diverse Featurettes, ein Making of und Interviews sowie nicht verwendete Szenen und den Kinotrailer.


Trailer zu "Strange Days"



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