Storytelling von Albrecht Altdorfer bis Peter Paul Rubens

Die neue Sammlungspräsentation in der Alten Pinakothek stellt nach Themen geordnet Werke aus den Bereichen der altdeutschen, altniederländischen und flämischen Malerei des 16. und frühen 17. Jahrhunderts aus dem eigenen Bestand in einen neuen Kontext. Dabei werden unterschiedliche Facetten des Erzählens beleuchtet, das zu den Kernaufgaben der Malerei schlechthin gehört. Wie, was und durch wen wird erzählt? Welchen Zweck verfolgen Künstler:innen und Auftraggeber:innen damit zu unterschiedlichen Zeiten und an welches Publikum richten sie sich dabei? Ist dies überhaupt immer eindeutig, oder werden die Betrachter:innen sogar manchmal bewusst in die Irre geführt? Diese und andere Fragen wirft die Sammlungspräsentation auf, in der nicht immer alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Den glanzvollen Auftakt bilden die flämischen Gemälde des 16. und 17. Jahrhunderts. Zu sehen ist unter anderem ein Porträt aus dem 16. Jahrhundert, das von Rubens gemalt wurde. Jan Brueghels „Johannispredigt”, aber den Täufer muss man suchen. Ist es eine vielfigurige Genreszene oder doch ein Historienbild mit der Berufung des späteren Evangelisten Matthäus? Die reichen Bestände der flämischen Gemälde aus dem 16. und 17. Jahrhundert spiegeln eine Vielzahl von Themen wider. Hier lässt sich auf höchstem Niveau die zunehmende Ausdifferenzierung der Gattungen Historie, Genre und Landschaft nachvollziehen, wobei Überraschungen nicht ausbleiben. Ähnlich Wirkendes erweist sich bei näherer Betrachtung als verschieden und inhaltliche Überschneidungen sowie Ambivalenzen werden erkennbar. Das Publikum empfängt der „Große Blumenstrauß“, der sich erst auf den zweiten Blick als Werk aus der Werkstatt von Jan Brueghel d. Ä. zu erkennen gibt. David Vinckboons „Weg nach Golgatha“ zeigt den kreuztragenden Christus inmitten einer Menschenmenge, der jedoch so klein dargestellt ist, dass man ihn buchstäblich suchen muss. Die Nachtstücke, die im anschließenden Kabinett präsentiert werden, galten damals als Ausweis der Kunstfertigkeit, da die Erzählung erst durch gezielt gesetzte Lichtquellen aus dem Dunkel hervortritt. Ein weiteres Kabinett ist der Brueghel-Dynastie gewidmet. Pieter Bruegel d. Ä., von dem die Alte Pinakothek das „Schlaraffenland“ besitzt, war für seine Söhne prägend: Pieter Brueghel d. J. schuf noch im 17. Jahrhundert Kopien nach Werken seines Vaters und entsprach damit der hohen Nachfrage des damaligen Publikums. Jan Brueghel d. Ä., sein Bruder, suchte hingegen nach Eigenständigkeit und wurde für seine detailreichen Landschaftsbilder und Stillleben berühmt. Den Abschluss bilden die Werke der niederländischen „Romanisten“, die mit halbfigurigen Genre- und Historienszenen das dargestellte Geschehen den Betrachtenden unmittelbar nahebringen.

Ein anschließender Blick auf die Werke der altdeutschen und altniederländischen Malerei offenbart die Ursprünge vieler Bilderzählungen und zeigt, wie die Maler im Verlauf der Jahrhunderte mit den historisch überlieferten, häufig biblischen Texten umgegangen sind.

Den Anfang macht eine Gruppe von Gemälden, die in und um München um 1450 entstanden sind. An ihnen lassen sich die wegweisenden Innovationen in der Malerei dieser Zeit ablesen. Die realistische Wiedergabe der sichtbaren Welt rückt ins Zentrum des malerischen Interesses, wodurch sich neue Möglichkeiten für das Erzählen von Geschichten eröffnen.

In einem eigenen Raum sind überwiegend großformatige Altargemälde vom Spätmittelalter bis zum Beginn der Reformation versammelt. Sie stammen von Künstlern wie Hans Pleydenwurff, Hans Holbein dem Älteren, Joos van Cleve und Martin Schaffner. In meist vielteiligen und szenisch aufeinander bezogenen Bilderserien illustrieren sie zentrale Inhalte des christlichen Glaubens. Worauf wird fokussiert, was passiert im Hintergrund, welche Rolle spielen Architektur und Landschaft und welche Bedeutung kommt scheinbar nebensächlichen Details zu? Die eingesetzten Erzählstrategien unterscheiden sich je nach Entstehungszeit, Größe, Konstruktion und Umfang der Flügelaltäre deutlich voneinander.

Den am längsten nachweisbaren Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen markiert ein Großauftrag von Herzog Wilhelm IV. von Bayern und seiner Frau Jakobäa von Baden. Ihm verdanken wir einige Glanzstücke der frühneuzeitlichen Historienmalerei, darunter die „Alexanderschlacht“ von Albrecht Altdorfer. Im Zeitraum von 1528 bis 1540 entstand eine umfangreiche Serie großformatiger Historienbilder, die heroische und tugendhafte Taten berühmter Heldinnen und Helden der Vergangenheit erzählen und damit zugleich die herrscherlichen Tugenden des bayerischen Herzogspaares vorführen. Erstmals seit längerer Zeit sind zehn der elf in München verbliebenen Gemälde in einem Raum ausgestellt.

Eine Reihe von Madonnendarstellungen des Spätmittelalters und der Renaissance demonstriert, wie unterschiedlich ein auf wenige Figuren beschränktes Thema im kleinen Format erzählt werden kann. Sie führen die ganze Bandbreite von der entrückten Himmelskönigin bis zum innigen Verhältnis von Mutter und Kind vor Augen. Im Zentrum steht die spektakuläre Neuerwerbung „Maria als Himmelskönigin“ von Hans Baldung Grien, die dem Münchner Publikum bei dieser Gelegenheit erstmals vorgestellt wird.

Am Ende der Präsentation stehen Werke aus beiden beteiligten Sammlungsbereichen. Sie zeigen beispielhaft, wie unterschiedlich Bildräume, die Darstellung des menschlichen Körpers und deren perspektivische Verkürzung für die Dramatisierung und Zuspitzung bildnerischer Erzählungen genutzt werden können.

Wie Bilder erzählen:
Storytelling von Albrecht Altdorfer bis Peter Paul Rubens
bis 5. Juli 2026