8. Januar 2008 - 3:21 / Walter Gasperi / Filmriss
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Vor dem Hintergrund des Baus des gewaltigen Drei-Schluchten-Damms erzählt der Chinese Jia Zhang-ke von einem Mann und einer Frau, die unabhängig voneinander ihre Partner suchen. – Dokumentarisches mischt sich mit der fiktiven Geschichte zu einem großen Panorama eines Landes im Umbruch, der Umwelt- und Kulturzerstörung und der Auflösung gesellschaftlicher und familiärer Strukturen.

In einer langen Fahrt gleitet die Kamera über die Passagiere einer überfüllten Fähre, die sich der Stadt Fengjie nähert. Unter den Reisenden befindet sich auch der mittellose Bergarbeiter San-ming Han, der in der Provinzstadt die Frau, die ihn vor 16 Jahren verlassen hat, und seine inzwischen fast erwachsene Tochter suchen will. Schon bei der Überfahrt wird er von Gauklern reingelegt, die leeres Papier in Geld verwandeln. Als diese aber erkennen, dass San-ming nichts besitzt, lassen sie ihn ungeschoren laufen.

Zwei Motive werden in dieser Eröffnungsszene eingeführt, die sich durch den Film ziehen: Zum einen ist dies der Stellenwert, der dem Geld beigemessen wird, das als einzige Richtschnur für das Handeln erscheint, zum anderen das Motiv der Überfahrt und der Veränderung. Ersteres wird später wieder aufgenommen bei jungen Fahrern von Motorrad-Taxis und, wenn Geldscheine präsentiert werden, auf denen Naturschönheiten abgebildet sind. Keinen Eigenwert, sondern nur noch einen ökonomischen haben Wasserfälle und die drei Schluchten des Yangtzekiang im Reich der Mitte offensichtlich. Dieser Warencharakter der Welt und des Lebens wird aber auch durch die Inserts "Zigaretten", "Schnaps", "Tee", und "Bonbons" signalisiert.

Andererseits findet sich das Motiv der Veränderung und der Kluft zwischen Alt und Neu, des Grabens und der Verbindung wieder in mehrfach ins Bild gerückten monumentalen Brücken über die Schlucht oder in einem Seiltänzer, der im surrealen Schlussbild hoch über zwei zum Abbruch bestimmten Häusern balanciert.

Trotz des rasanten Umbruchs und der brutalen Zerstörung einer alten Natur- und Kulturlandschaft ist "Still Life" ein stiller und langsamer, ja teilweise fast melancholischer Film – ganz im Sinne des Titels ein "Stillleben". In langen Schwenks tastet Jia Zhang-ke die hoch über dem Fluss liegenden Villen der Reichen ab und taucht dann in die teils schon in den Fluten des aufgestauten Yangtze versunkenen Häuser der Armen ein.

Die Stadt Fenjie, die über 2000 Jahre bestand und ein Symbol der klassischen chinesischen Kultur war, wird nun innerhalb von zwei Jahren dem Erdboden gleich gemacht. In Bildern von hämmernden Männern, einstürzenden Mauern, gesprengten Hochhäusern zeigt Zhang-ke eindringlich wie brutal dieser Wandel, der als Fortschritt propagiert wird, ist. Und was noch steht, wird bald auch der Zerstörung anheim fallen. Auf Hauswände schreiben Arbeiter "156,5 Meter – Dritte Staustufe" und machen so deutlich, wie hoch das Wasser noch steigen wird.

Umgesiedelt wird so – wie insgesamt rund 500 Städte und Dörfer mit 1,2 bis 1,9 Millionen Menschen – auch der alte Mann, in dessen schäbiger Herberge San-ming Unterschlupf findet. Mit mühsamen Nachforschungen macht der einfache Bergarbeiter die Verwandten seiner Frau ausfindig, doch ihre Rückkehr lässt fast bis zum Filmende auf sich warten.

Parallel zu dieser Geschichte wird von einer besser gestellten Krankenschwester erzählt, die ihren Mann sucht, der sie vor zwei Jahren verlassen hat. Einst ging er als Verkaufsleiter nach Fengjie, nun arbeitet er in der Abrissbehörde. Vor dem gewaltigen Staudamm begegnen sie sich, doch zu sagen haben sie sich im Grunde nichts mehr.

Dokumentarisch wirkt "Still Life" nicht nur in der Situierung vor dem Bau des Drei-Schluchten-Damms, sondern auch in der Schilderung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der einfachen Leute. Während diese mit zerlumpter Kleidung und einfachem Werkzeug ungeschützt am Abbruch arbeiten, desinfizieren höher Gestellte in Schutzanzügen den gleichen Platz. Surreal wirkt diese Szene und mehrfach bricht Zhang-ke durch solche Einschübe den Realismus und hebt "Still Life" weit über die Abbildebene hinaus: Da hebt ein Haus wie ein Raumschiff ab, eine neue Brücke wird festlich illuminiert und im Schlussbild prägt sich nachdrücklich der schon erwähnte Seiltänzer ins Gedächtnis ein.

So entwickelt sich dieser Film, der trotz aller Tristesse, die durch den stets grauen Himmel und die schmutzigen, weitgehend auf fahle Grau-, Blau- und Grüntöne reduzierten Farben evoziert wird, aufgrund der grandios komponieren Tableaus schön ist, zum vielschichtigem Panorama eines Lands im Umbruch.

Unmissverständlich deutlich wird dabei, dass der Turbokapitalismus auch schwerwiegende gesellschaftliche Folgen nach sich zieht: Das soziale Gefälle ist groß. Ausbeutung, Korruption und Geldgier machen sich überall breit und auf der persönlichen Ebene werden Menschen durch Umsiedlung entwurzeln, zerbrechen Familien durch die rasante Entwicklung – ist es wirklich Fortschritt? -, mit der sie nicht mithalten können und die auch zu innerer Entfremdung führt.

Und dennoch – und das ist wohl die zweite Lesart des Titels – geht das Leben weiter, ist es "still life". Und so ist Zhang-kes in Venedig 2006 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Film auch eine Liebeserklärung an diese einfachen Menschen, die unter den Umwälzungen am meisten zu leiden haben. - Vielleicht leicht ironisch auf Brecht anspielend, aber durchaus liebevoll lautet die Übersetzung des chinesischen Originaltitels "Sanxia Haoren" "Die guten Menschen von den Drei Schluchten".

Läuft bis 30.3. im Kino Xenix in Zürich

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

Kino Xenix
Kanzleistrasse 52 (am Helvetiaplatz)
CH - 8004 Zürich

W: http://www.xenix.ch/

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