6. März 2020 - 1:15 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
6. März 2020 26. Oktober 2020

Tod und Leben, Empathie und Grausamkeit, Sex und Intimität, aber eben auch das unbehagliche Verhältnis des Autors zu seinem Werk sind Themen, die Reinke in seiner Arbeit beschäftigen. In bester nietzscheanischer Manier betrachtet er den Menschen allerdings nicht als politisches oder moralisches Wesen, sondern als Spielball mikrobiotischer Agenden: Anstelle eines freudianischen Ich oder Es bestimmen in seinen jüngeren Videos Bakterien, Plazenta und Plankton den Lauf der Welt, und "Kultur" beschreibt nicht humanistische Exzellenz, sondern Leben aus der Petrischale.

Butter, die erste museale Einzelpräsentation des Künstlers überhaupt, zeigt Reinkes neueste Videoarbeit "An Arrow Pointing to a Hole" sowie eine Auswahl seiner sinistren Textbilder und gedankenverlorenen Stickereien, die auf paradox präzise Weise von Kontrollverlust, Formlosigkeit und Selbstvergessenheit erzählen.

Als Künstler und Autor ist Reinke vor allem für seine monologbasierten Videoarbeiten bekannt, darunter die Serie "The Hundred Videos" (1989–1996), die er programmatisch als "Frühwerk" anlegte. In diesen insgesamt fünf Stunden Filmmaterial verwischt Reinke die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion, indem er gefundene, gefilmte und animierte Bilder mit bekennerhaften Kommentaren versieht und so die narzisstische Struktur unserer heutigen sozialen Medienlandschaft vorwegnimmt.

2006 beginnt Reinke einen neuen Zyklus mit dem Titel "Final Thoughts", zu dem auch die im mumok präsentierte Arbeit zählt und der erst mit dem Tod des Künstlers abgeschlossen sein wird. Geht es zuvor oft um Fragen der Libido und des Eros, also um das Leben fortschreibende Prinzipien, stehen in "Final Thoughts" ihre Gegenspieler im Mittelpunkt. Reinke widmet sich dem Ende von Dingen – von Sprache, Bewusstsein und Erfahrung – und damit auch der eigenen Person. In der nächtlichen Monologszene von An Arrow Pointing to a Hole ist der Künstler zwar physisch omnipräsent – als Gesicht, als sonore Stimme und als tätowierter Körper –, ein Jenseits der nackten Manifestation wird jedoch kategorisch infrage gestellt. Bereits als Junge, so will uns der Erzähler glauben machen, hat er sein Unterbewusstsein verloren; seither spricht aus ihm der Chor seines Mikrobioms: "Meine Eingeweide ... Meine Eingeweide summten. Sie summen immer noch, und ich mache meist das, was sie mir sagen." Hat sich die Prophezeiung erfüllt? Ist das Subjekt Reinke tot? Schwer zu sagen. Definitiv am Leben ist seine Suche nach einer Auflösung der grammatikalischen Fiktion des "Ich" – nach Formen ohne Struktur, ohne Gesicht und ohne Perspektive.

Sowohl Reinkes Textbilder als auch seine Stickereien konkretisieren ein solches Begehren nach Formverlust. In der Praxis des Notierens und Kritzelns gründend, stellen sie Bilder dar, die keine Bilder sein wollen, seltsame Hybride zwischen akkurater Ausführung und nebulöser Inhaltlichkeit. Die Zeichnungen von Wörtern und Phrasen beispielsweise, auf denen die Siebdruckserien "Portfolio A, B, C, D" (2016–2019) basieren, trägt Reinke mit aus einer Pipette tropfender Tinte auf. Die schwer zu kontrollierende Farbspur – mehr Malerei denn Schrift – verleiht Formulierungen wie "Amoeba Navigates Labyrinth" oder "Strong Corpse Weak Ghost" eine erratische Ausdruckshaftigkeit. Die seit etwa zehn Jahren entstehenden Stickereien sind ähnlich widersprüchliche Objekte: "wirklich langsame, arbeitsintensive Kritzeleien", wie der Künstler es formuliert. Reinke fertigt sie ohne Plan oder Absicht an, eine Farbe folgt auf die andere, Muster entstehen und werden wieder aufgegeben. Das Resultat sind seltsam unschuldige, quasiabstrakte Objekte, deren Rückseiten nicht weniger wichtig sind als ihre Vorderseiten und die keine Funktion haben, außer getötete Zeit anzuzeigen.

Steve Reinke - Butter
6. März bis 26. Oktober 2020
Kuratiert von Manuela Ammer

Mumok
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52500
E: info@mumok.at
W: http://www.mumok.at/

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  •  6. März 2020 26. Oktober 2020 /
Steve Reinke, Ohne Titel (Stickerei), 2017, Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, © mumok
Steve Reinke, Ohne Titel (Stickerei), 2017, Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, © mumok
Steve Reinke, Ohne Titel (Stickerei), 2017, Garn auf Kunststoffträger, 11,7 x 14,9 cm, Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, © mumok
Steve Reinke, Ohne Titel (Stickerei), 2017, Garn auf Kunststoffträger, 11,7 x 14,9 cm, Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, © mumok
Steve Reinke, I Wanted the Placebo, 2019 Siebdruck, 76,2 × 55,9 cm Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin und Western Exhibitions, Chicago, © James Prinz
Steve Reinke, I Wanted the Placebo, 2019 Siebdruck, 76,2 × 55,9 cm Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin und Western Exhibitions, Chicago, © James Prinz
Steve Reinke, Videostill aus Steve Reinke "An Arrow Pointing to a Hole", 2019, Video, Farbe, 27:08 Min, Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin Foto: © the artist
Steve Reinke, Videostill aus Steve Reinke "An Arrow Pointing to a Hole", 2019, Video, Farbe, 27:08 Min, Courtesy der Künstler und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin Foto: © the artist
Ausstellungsansicht Steve Reinke. Butter 6. März bis 21. Juni 2020, Courtesy of the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin Photo: Stephan Wyckoff, ©mumok
Ausstellungsansicht Steve Reinke. Butter 6. März bis 21. Juni 2020, Courtesy of the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin Photo: Stephan Wyckoff, ©mumok
Ausstellungsansicht Steve Reinke. Butter 6. März bis 21. Juni 2020, Courtesy of the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin Photo: Stephan Wyckoff, ©mumok
Ausstellungsansicht Steve Reinke. Butter 6. März bis 21. Juni 2020, Courtesy of the artist and Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin Photo: Stephan Wyckoff, ©mumok
Portrait, Steve Reinke, Foto: Stephan Wyckoff, ©mumok
Portrait, Steve Reinke, Foto: Stephan Wyckoff, ©mumok