14. Mai 2019 - 8:17 / Ausstellung 
18. Mai 2019 11. August 2019

Das Aargauer Kunsthaus widmet Stefan Gritsch (*1951) eine umfassende Einzelausstellung mit dem Titel «Bones n' Roses» - 25 Jahre nach seiner letzten Soloschau in unserer Institution. Das Schaffen des national viel beachteten in Lenzburg lebenden Künstlers ist im weitesten Sinn in der Malerei verankert. Nebst der wiederkehrenden Auseinandersetzung mit der Farbe als Material zeigt die Ausstellung vor allem aktuelle und speziell für die Ausstellung konzipierte Werke.

Die Auseinandersetzung mit dem Sichtbaren und dem Sichtbarmachen ist der Motor in Stefan Gritschs Werk. Die Malerei bildet dabei eine konzeptionelle Klammer, von der ausgehend Gritsch die Arbeit in andere Genre – Zeichnung, Skulptur, Fotografie, Druckgrafik – ausdehnt und für diese räumliche, installative und auch performative Formulierungen sucht. Es ist ein ausgesprochenes Anliegen der Aarauer Ausstellung, dieser grossen Spannweite von Gritschs Schaffen gerecht zu werden und dem Publikum auch weniger bekannte Werkgruppen näher zu bringen. Entsprechend mag die Schau den einen oder anderen Gritsch-Kenner überraschen. Sie ist als installativer Parcours angelegt. Zudem wird sie Gegenstand punktueller Eingriffe durch den Künstler selbst. Gritsch schafft damit eine Ausstellung, die in Bewegung ist.

Gleich im ersten Ausstellungssaal lässt uns Stefan Gritsch tief in seine Arbeit eintauchen. Für die Rauminstallation mit dem Titel Inversion (2019) kehrt der Künstler das Aussen einer seiner charakteristischen Acrylblöcke in ein Innen um, indem er die Farbstruktur vielfach vergrössert auf die Museumswand tapeziert. Das Resultat ist eindrucksvoll. Gritsch treibt das Prinzip der Umkehrung weiter, durch die Vergrösserung erhält das Werk eine zusätzliche, körperlich erfahrbare Dimension. Zugleich generiert er eine intime Nähe zu seinem Hauptmaterial, der Acrylfarbe.

Die Auseinandersetzung mit der Farbe als Material fand in Gritschs Schaffen bereits Anfang der 1990er-Jahre ihre heute noch aktuelle Ausformulierung. Seitdem bildet eine in immer neue Zustände gebrachte Masse an Acrylfarbe die Basis der meisten dreidimensionalen Arbeiten. Im Zeichen von Wiederholung und Übertragung bearbeitet der Künstler dieses Farbvolumen, schneidet es, zerteilt es, übermalt es mit neuen Schichten von Farbe und setzt es zu wechselnden Konglomeraten in der Gestalt von Kugeln, Blöcken, Platten und anderen Formen zusammen. Farbe ist nicht darstellendes Mittel der Malerei, sondern das Werkmaterial an sich, ihr eigener Träger und als Plastik autonom. Diese Haltung spiegelt sich direkt in der mehrteiligen Bodeninstallation Still Now (1990/2019), die vom Innenraum in den Hof des Museums greift.

Neben Installationen und Objekten auf der Basis von Acrylfarbe werden in der Ausstellung auch weniger bekannte Werkgruppen gezeigt, beispielsweise die sogenannten, als Impacts bezeichneten «Schlagzeichnungen». Für diese Arbeiten auf weichem Büttenpapier verwendet Gritsch einen zum Schlagobjekt umgeformten Farbklumpen als Malmittel und schlägt damit in einer gezielten Umkehrung von Werk und Werkzeug auf das Papier ein. Zurück bleiben bunte gestische Zeichnungen, Spuren der kraftvollen Bearbeitung des Papiers. Für den Werkstrang der War Flowers (Kriegsblumen) und Carpets (Kriegsteppiche) bilden Karten diverser globaler Konfliktherde, wie sie uns die Tagespresse präsentiert, den Ausgangspunkt. Diese Landkarten sammelt Stefan Gritsch seit vielen Jahren und bearbeitet sie digital weiter. Er legt sie mehrfach übereinander und spiegelt sie zu einem ornamentalen Teppichmuster oder, mit einer zusätzlichen Drehung versehen, zu einer abstrahierten Blume. Erstere lässt er als Teppiche grossformatig produzieren, während die Blumen auf Leinwand gemalt werden. In den Gemälden und Teppichen erscheinen die Schauplätze von Schreckensereignissen befremdlich verführerisch und hinterfragen damit den Umgang mit Krieg und Zerstörung in den Medien.

Das konzeptuelle Zentrum und somit Kopf und Herz der Ausstellung bildet ein Raum, der eine Arbeitssituation suggeriert. Gritsch transferiert darin ein intimes von intuitiven Schaffensprozessen geprägtes Umfeld in den Ausstellungsraum. Er selbst ist regelmässig zugegen, während sich auf Tischen, auf denen die Atelierarbeit zahlreiche Spuren hinterlassen hat, Zeichnungen, Drucke, Objekte und Werkzeuge stapeln. Sie führen die Verbindungen zwischen den Werken wie auch die Unmittelbarkeit und Bewegtheit von Gritschs Arbeitsweise vor Augen. Der Künstler überarbeitet die Auslegeordnungen im Laufe der Ausstellung und kombiniert Objekte zu ausgewählten, stets aber temporären Konstellationen. Nicht nur unterläuft er damit das Verständnis einer Ausstellung als etwas in sich Abgeschlossenes, er betont mit seinen Interventionen auch den provisorischen Charakter seines Schaffens. Häufig haben Gritschs Bildobjekte lediglich für eine bestimmte Zeit Bestand. Nach Ablauf einer Ausstellung werden sie im Atelier weiterbearbeitet, die Farbvolumina mit neuer Farbe überzogen, zerteilt und zu neuen Konglomeraten zusammengesetzt. Für den Künstler bietet diese Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit und ebenso die ihnen zugrundeliegende Auseinandersetzung mit dem Phänomen Zeit die «Möglichkeit, der objektiven Suche nach dem Bild Aufschub zu gewähren.»

Stefan Gritsch. Bones n' Roses
18. Mai bis 11. August 2019

Aargauer Kunsthaus
Aargauerplatz
CH - 5001 Aarau

T: 0041 (0)62 83523-30
F: 0041 (0)62 83523-29
W: http://www.aargauerkunsthaus.ch/

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  •  18. Mai 2019 11. August 2019 /
Stefan Gritsch, War Flower (Pakistan Rose), 2018 Acrylfarbe auf Leinwand, 37 x 37 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, War Flower (Pakistan Rose), 2018 Acrylfarbe auf Leinwand, 37 x 37 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Translation (Lybia), 2018 Acrylfarbe, Gaze, Karton auf Holzrahmen, 37 x 37 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Translation (Lybia), 2018 Acrylfarbe, Gaze, Karton auf Holzrahmen, 37 x 37 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Carpet Iraq, 2018 Handgetufteter Teppich, Schurwolle, 340 x 212 cm Aargauer Kunsthaus, Aarau © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Carpet Iraq, 2018 Handgetufteter Teppich, Schurwolle, 340 x 212 cm Aargauer Kunsthaus, Aarau © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Tearing (Nicolas Poussin, L'ADORATION DU VEAU D'OR, 1633-1637, HUILE SUR TOILE, 154 x 214 CM), 2018 Acrylfarbe, Grundierung auf Leinwand, 154 x 214 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
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Stefan Gritsch, Tearing (Animal Skin), 2018 Acrylfarbe, Grundierung auf Leinwand, 166 x 128 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Tearing (Animal Skin), 2018 Acrylfarbe, Grundierung auf Leinwand, 166 x 128 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Still life (4 Tierherzen), 1990/2019 Acrylfarbe, 27 x 78 x 18 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Still life (4 Tierherzen), 1990/2019 Acrylfarbe, 27 x 78 x 18 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Skin, 2018/2019 Acrylfarbe auf Leinwand, 270 x 150 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Skin, 2018/2019 Acrylfarbe auf Leinwand, 270 x 150 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, You (Selbstporträt), 2018 Acrylfarbe auf Aluminiumplatte, 24 x 16 x 1 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, You (Selbstporträt), 2018 Acrylfarbe auf Aluminiumplatte, 24 x 16 x 1 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Blue cat (Selbstporträt), 2018/2019 Acrylfarbe auf Aluminiumplatte, 24 x 16 x 1 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
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Stefan Gritsch, Rose, 1990/2019 Acrylfarbe, Aluminium (Teil der Installation Horizon, 1990/2019) 17-teilig, je Ø 6.5 cm x 2.5 cm Edition des Aargauischen Kunstvereins © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Rose, 1990/2019 Acrylfarbe, Aluminium (Teil der Installation Horizon, 1990/2019) 17-teilig, je Ø 6.5 cm x 2.5 cm Edition des Aargauischen Kunstvereins © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Rose, 1990/2019 Acrylfarbe, Aluminium (Teil der Installation Horizon, 1990/2019) 17-teilig, je Ø 6.5 cm x 2.5 cm Edition des Aargauischen Kunstvereins © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
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Stefan Gritsch, Bifaces, 1990/2014 Acrylfarbe, Draht, 38 x 9 x 11 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Bifaces, 1990/2014 Acrylfarbe, Draht, 38 x 9 x 11 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Inversion, 2018 (Ausschnitt) Tapete auf Wand, 455 x 3492 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Stefan Gritsch, Inversion, 2018 (Ausschnitt) Tapete auf Wand, 455 x 3492 cm Courtesy der Künstler © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Atelieransicht Stefan Gritsch Lenzburg, 2019 © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Atelieransicht Stefan Gritsch Lenzburg, 2019 © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Porträt Stefan Gritsch im Atelier in Lenzburg, 2019 © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography
Porträt Stefan Gritsch im Atelier in Lenzburg, 2019 © 2018, ProLitteris, Zürich Foto: ullmann.photography