Das Museum der Moderne Salzburg und die Sammlung Generali Foundation zeigen mit "Stano Filko. 12 Chakras of Becoming" die bislang umfassendste Retrospektive des slowakischen Künstlers. Rund 350 Arbeiten machen Filkos Gesamtwerk auf beeindruckende Weise erfahrbar.
Stano Filko (1937–2015) gilt als einer der wichtigsten osteuropäischen Künstler:innen, die nach 1945 den Kunstbegriff radikal erweitert und neu definiert haben. Er schuf ein Werk, das sich jeder festen Gattungsgrenze entzog und Kunst als offenes System verstand. Filko wurde 1937 in Veľká Hradná unweit von Trenčín geboren, jener slowakischen Stadt, die 2026 gemeinsam mit Oulu in Finnland Kulturhauptstadt Europas ist.
Seit den 1960er-Jahren entwickelte der Künstler eine experimentelle Arbeitsweise, die Malerei, Skulptur, Environment, Sprache und andere Medien miteinander verband. Unter den Bedingungen des Eisernen Vorhangs entstand ein Werk, das heute zu den eigenständigsten und visionärsten Positionen der mitteleuropäischen Neo-Avantgarde zählt. Filkos Gesamtwerk ist von einer durchgehenden Verbindung von Spiritualität, Kosmologie, Wissenschaft, Gesellschaftskritik und eigener Biografie geprägt. Es lässt sich als Möglichkeit des Ausbruchs aus politischen und gesellschaftlichen Zwängen verstehen.
Mit ihrer außergewöhnlichen Fülle – von frühen Skulpturen bis zu den letzten Werkgruppen – eröffnet die Ausstellung eine neue, vertiefte Auseinandersetzung mit Filkos Schaffen. Sie folgt einer zeitlichen Ordnung, die jedoch nicht geradlinig verläuft, da Filko sein Werk ab den 1990er Jahren durch sein „System SF” („Systém farieb”/„Farbsystem”) neu ordnete. Darin führt er zwölf Chakren, Farben und Sinnhorizonte zu einem umfassenden Modell zusammen. Rückblicke und Vorgriffe sind daher ein wesentlicher Teil der Ausstellung, die sich in insgesamt 13 Kapitel gliedert, welche sowohl Filkos künstlerische Entwicklung als auch die zentralen Denkmodelle seines Werks aufzeigen.
Ausgangspunkt sind seine Studienjahre von Mitte der 1950er- bis Mitte der 1960er-Jahre in Bratislava. In dieser Phase löste sich Filko von der Vorstellung akademischer Meisterschaft und gab Ideen sowie dem künstlerischen Prozess den Vorrang. Seine Malerei verwandelte er zunehmend in räumliche Objekte. So verband er etwa in den „Altären der Gegenwart” erotische, konsumbezogene und sakrale Bildwelten mit Spiegelstücken, Kreuzen und Alltagsmaterialien. Die Arbeiten thematisieren, was moderne Gesellschaften verehren, beziehen die Betrachter unmittelbar ein und entwickeln sich zu Environments, in denen Handlung und Aktivierung eine wichtige Rolle spielen.
Filkos Werk umfasst von Anfang an weit mehr als Malerei oder Objektkunst. Es reicht von Ideen, Konzepten und Projekten über Happenings und Performances bis hin zu raumgroßen Environments und Installationen. Begriffe wie „Idee“, „Prospect“, „Konzept“ und „Conspect“ beschreiben dabei unterschiedliche Stadien der Umsetzung – jeder Schritt des Denkens und Entwerfens wird bei Filko selbst zur künstlerischen Form.
Zugleich ist sein Werk von der Begeisterung für die Raumfahrt der 1960er-Jahre geprägt. Der Kosmos erscheint ihm als Möglichkeit, die Grenzen einer „Welt, die nicht genug ist“, zu überschreiten. Er denkt ihn sowohl wissenschaftlich als auch spirituell – als dynamisches System und als Spiegel einer grundlegenden Ordnung. Deutlich wird dies auch in seinen „Associations“-Blättern. Dabei verbindet der Künstler unterschiedliche Bild- und Wissensräume in einer offenen Struktur und montiert darin unter anderem Elemente aus Raumfahrtprogrammen, Zeitungen und eigenen Werken zu assoziativen Zusammenhängen. Filko verstand diese Blätter nicht als abgeschlossene Werke, sondern als offenes Reservoir von Motiven, Denkfiguren und Möglichkeiten.
Diese Auseinandersetzung setzte sich in seinen raumgreifenden Medienumgebungen fort. Auch darin wird das Publikum aktiv einbezogen. Alltagsgegenstände wie Bücher oder Lampen werden mit Rastern, Gerüsten und weiteren strukturellen Elementen kombiniert und in ein erweitertes Raumdenken überführt. Verspiegelte Böden öffnen den Raum ins Unendliche und schärfen zugleich das Bewusstsein für die eigene Anwesenheit.
Auch Licht, Zeit und Sprache wurden für Filko zu zentralen Bestandteilen seiner künstlerischen Praxis. Diese drei Elemente sind für ihn mit der physischen Welt, mit Fragen der Existenz sowie mit kosmischen Dimensionen verknüpft. In Filkos Denken bilden sie ein komplexes System, das auf Ordnung, Struktur und Beziehung beruht. Dabei ist kein Element abgeschlossen, sondern jedes bleibt offen für neue Zusammenhänge und kann Teil einer sich fortwährend weiterentwickelnden Ordnung werden.
Die Werkreihe „White Space in White Space” entstand aus einer Zusammenarbeit mit Miloš Laky und Ján Zavarský. Gemeinsam entwickelten sie Objekte, Räume und Manifeste. Mit Farbrollern und industriellen Emulsionen setzten sie eine unpersönliche, mechanische Technik ein, bei der jede individuelle Handschrift zurücktrat. Das alles dominierende Weiß wurde dabei als Ausdruck von Transzendenz, von reiner Emotion und Empfindsamkeit eingesetzt. Nach Lakys Tod führte Filko die Werkreihe allein weiter und wurde in diesem Zusammenhang – auch auf Empfehlung von Joseph Beuys – 1982 zur documenta 7 eingeladen. Er reiste in einem weiß bemalten Škoda an, der zum Kern des Environments „Liebe zur Ontologie” wurde – einer raumfüllenden Arbeit, in der er sich der gestischen Malerei zuwandte. Der Aufenthalt in Deutschland markierte für den Künstler nicht nur den Übergang zu seiner späteren Emigration in die USA, sondern auch den Wandel vom reinen Weiß hin zu einer erweiterten Farbpalette.
Während seines knapp zehnjährigen Exils in New York entwickelte er eine neue Form räumlicher Assemblage und neoexpressiver Malerei. Dies war kein Bruch zu seinem bisherigen Schaffen, sondern knüpfte an seine frühesten Arbeitsweisen an. Die ausdrucksstarken Arbeiten waren eine Reaktion auf die marktorientierte Kunstwelt des Westens und den Konsumismus, den er in den USA erlebte.
Nach der Öffnung der Grenzen zwischen Ost- und Westeuropa kehrte Filko im Jahr 1990 nach Bratislava zurück. Von nun an widmete er sich der systematischen Reorganisation seines gesamten Werks. Er führte Farben, Zeichen, Begriffe, biografische Bezüge und zwölf Chakren zu einem dichten Ordnungsgefüge zusammen, das er als „System SF” (abgeleitet von „Systém farieb”, zu Deutsch „Farbsystem”) bezeichnete. Diagramme, Annotationen und ihre räumlichen Erweiterungen wurden dabei selbst zu künstlerischen Formen. Sein Atelier in der Snežienková-Straße in Bratislava wurde zu einem Gesamtkunstwerk dieser Selbstmusealisierung.
Die Ausstellung macht deutlich, dass Filkos Werk nicht nur historisch neu zu bewerten ist, sondern bis in die Gegenwart ausstrahlt. Seine Verbindung von Spiritualität, Wissenschaft, Gesellschaftskritik, Biografie und Systemdenken sowie seine radikale Erweiterung des Kunstbegriffs machen ihn zu einer Schlüsselfigur, deren Werk sich linearen kunsthistorischen Einordnungen entzieht. Filko erscheint in dieser Retrospektive nicht nur als bedeutender Künstler seiner Zeit, sondern auch als Künstler, dessen Werk auf eine Form des Denkens und Wahrnehmens jenseits fester Zeitordnungen abzielt.
Stano Filko. 12 Chakras of Becoming
Bis 07.02.2027