28. April 2021 - 10:01 / Ausstellung / Geschichte 

Die Albertina präsentiert in einer großen Überblicksausstellung über die Geschichte der Landschaftsdarstellung bekannte Werke neben einzigartigen Arbeiten, die jahrzehntelang nicht gezeigt worden sind.

Von den Anfängen des autonomen Landschaftsbildes und seiner Bahnbrecher, allen voran Albrecht Dürer, spannt sich der Bogen über Bruegel, Rembrandt und das holländische Goldene Zeitalter, von Stadtpanoramen der Renaissance zu nahsichtigen Veduten, von utopischen Entwürfen arkadischer Landschaften bis zum illusionslosen, realistischen Naturbild im Zeitalter der Industrialisierung, von den Bildern der Erhabenheit und des Sublimen bei Caspar David Friedrich über die Schreckensvisionen und Dystopien bei Alfred Kubin bis zu den Kinderträumen verspielter Natur bei Paul Klee. Schlüsselwerke der romantischen Landschaft und österreichische Aquarellkunst des 19. Jahrhunderts wie Jakob und Rudolf von Alts Wien-Ansichten runden die Ausstellung ab.

Der Blick auf die letzten fünf Jahrhunderte der Landschaftsmalerei führt uns den Wandel menschlicher Identität vor Augen. Mit eigenen Augen sehend, spüren wir, wie sich das Selbstbild des Menschen im Laufe der Generationen verändert hat. Durch die Darstellung der Natur, gibt der Mensch ebenso viel von sich selbst preis. Es ist ein faszinierender Weg der Selbstfindung, eine Suche nach Orientierung, ein wortloser Dialog mit unserer Herkunft und unser aller Geschichte.

Ein neuer Blick auf die Welt

Die ersten Landschaftsbilder der westlichen Kunst entstehen zwar bereits in der Antike: Über Jahrhunderte bis zum Ende des Mittelalters dominiert jedoch der goldene Hintergrund, wie wir ihn von Heiligenbildern kennen. Mit der einsetzenden Renaissance rücken Mensch und Natur in den Mittelpunkt. Bahnbrecher des autonomen Landschaftsbildes und eines neuen Naturalismus ist Albrecht Dürer.

In keinem anderen Land der Welt hat die Landschaftsdarstellung qualitativ und quantitativ einen derart hohen Stellenwert wie in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, deren einzigartige Kunstblüte nicht umsonst als "Goldenes Zeitalter" bezeichnet wird. Die protestantische, niederländische Bürgerschicht verlangt nach Bildern für den privaten Gebrauch. Um die immense Nachfrage zu erfüllen, spezialisieren sich Künstler auf unterschiedlichste Themen wie die Darstellung der sich schier unermesslich bis zum Horizont erstreckenden Flachlandschaft, Stadtansichten, Seestücke oder Winterszenen.

Blütezeit in Frankreich

In Frankreich erlebt die Landschaftszeichnung im 17. und 18. Jahrhundert eine besondere Blüte. Doch nicht Paris, sondern Rom mit seiner südlichen Atmosphäre und den pittoresken antiken Ruinen wird zu einem zentralen Thema der französischen Kunst und zur zweiten Heimat vieler Künstler. Dabei geht es allerdings nicht um Naturtreue, sondern um das Einfangen der atmosphärischen Stimmung; Lichteffekte werden durch Lavierungen unterschiedlicher Dichte erzeugt. Die französische Kunst des 18. Jahrhunderts, die als Rokoko bekannt ist, zelebriert wie keine andere eine übersteigerte Künstlichkeit, die sich auch in den Landschaftsdarstellungen spiegelt. François Boucher, der gefragteste Künstler seiner Zeit, arrangiert topografische Gegebenheiten zu idealisierten Ansichten, die den idyllischen Naturvorstellungen des Städters entsprechen.

Der Mensch im Spiegel der Natur

Die einsetzende Aufklärung, Naturwissenschaft, Technik und Entdeckungsreisen bringen so gegensätzliche Strömungen wie Klassizismus, Romantik und Realismus hervor. Als Gegenbewegung zum vorangegangenen üppig-verspielten Rokoko prägen klassizistische Ideallandschaften eine puristische Formensprache. Caspar David Friedrich, der Hauptvertreter der Romantik, projiziert in die erhabene Natur melancholische Sehnsucht nach Unendlichkeit. Gleichzeitig spiegeln Vogelschauansichten und Stadtpanoramen das rasche Wachsen der europäischen Metropolen wider; anstelle repräsentativer Veduten treten realistische Landschaftsporträts, die bahnbrechend für die Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts sind.

Am Vorband zur Moderne

Um die Jahrhundertwende schwankt das geistige Klima zwischen Fortschrittsglaube und Untergangsstimmung. Die schnell voranschreitende Industrialisierung und Urbanisierung wecken die Sehnsucht nach Romantik ebenso wie einen aufkommenden Kulturpessimismus: Pole, die sich in Ludwig Röschs verträumten Kohlezeichnungen oder der dystopischen Welt Alfred Kubins wiederfinden. Es kommt auch zu einer Revolution der Kunstgeschichte und einer Neuerschaffung des Landschaftsbildes: Kunst wird erstmals vom Prinzip der Naturnachahmung befreit und unabhängig von dem, was das Auge sieht. Emil Nolde, August Macke und Paul Klee malen durchaus an konkreten Orten, sind aber nicht mehr an deren topografischer oder pittoresker Wiedergabe interessiert, sondern an der Erscheinung des Bildes, an Formen und Farben, welche sich vom Naturvorbild gelöst haben und unvermischt nebeneinandergesetzt zu höchster Leuchtkraft steigern. Nicht die sichtbare Landschaft steht im Zentrum, sondern deren expressionistische Interpretation und Neuerfindung in der Abstraktion.

Stadt und Land - Zwischen Traum und Realität
Ab Wiedereröffnung bis 22. August 2021

Albertina
Albertinaplatz 1
A - 1010 Wien

W: http://www.albertina.at/

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Albrecht Altdorfer, Die große Fichte, um 1517-1520 Radierung, aquarelliert © Albertina, Wien
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August Macke, Frau mit Krug unter Bäumen, 1912 Aquarell © Albertina, Wien. Sammlung Forberg
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Claude Lorrain, Baumgruppe mit ruhendem Hirten, späte 1630er-Jahre Feder, Pinsel, schwarz und braun laviert © Albertina, Wien
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Emil Nolde, Die Wintersonne, 1908, Tempera und Aquarell auf Bütten © Albertina, Wien
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Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die ehemalige Kupfermühle auf der Weesperzijde, späte 1640er-Jahre, Feder und Pinsel in Braun © Albertina, Wien
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Paul Klee, Landgut bei Fryburg, 1915, Aquarell und Goldfarbe auf Papier auf Karton © Albertina, Wien. Sammlung Forberg
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