2. November 2019 - 10:16 / Ausstellung 

Afrikanisch-niederösterreichische Begegnungen. Die Ausstellung begibt sich auf Spurensuche nach künstlerischen Positionen, die im Wechselverhältnis zweier Örtlichkeiten stehen. Im Sinne einer Glokalisierung steht die Rezeption der afrikanisch-niederösterreichischen Begegnungen in der bildenden Kunst im Fokus. Die Rezeptionsgeschichte entwickelt sich entlang des schmalen Pfades einer kontroversen Geschichte, die auch in gegenwärtigen künstlerischen Äußerungen aufgespürt wird. Thematische, historische und persönliche Zugänge werden aufgezeigt. Der Begriff des Ortes und seine kulturelle Zuordnung, Mittelpunkt der Ausstellung, werden dabei kritisch reflektiert und ironisiert.

In ihrem Film Somewhere in the World aus dem Jahr 2009 beschäftigt sich Pélagie Gbaguidi mit der Definition kultureller Codes und ihrer soziografischen Zuordnung. Sie zeigt eine Musikkapelle, die durch Masken, Gesten und Musikstile die Kennzeichen unterschiedlicher Kulturkreise in sich verbindet und zum Träger einer ironisch inszenierten Dekonstruktion von Klischees und Stereotypen wird. „Who defined boundaries? What are their limits?“, fragt sie in dieser humorvollen Arbeit. Das Werk der im Senegal geborenen und in Brüssel lebenden Künstlerin, die 2007 im Rahmen des Programms Air – Artist in residence Niederösterreich in Krems arbeitete, bildet den gedanklichen Ausgangspunkt der Ausstellung und entwickelt sich rund um die Konfrontation von Regionalem und Globalem und spielt mit der Denkfigur der Verflechtung im Begegnungsraum Niederösterreich.

Die Begegnung mit Afrika nimmt die zentrale Rolle im Leben und Werk Susanne Wengers ein. Sie lebte über 60 Jahre in Nigeria, wo sie ihre künstlerische Arbeit in Beziehung zur Yoruba-Religion entwickelte. In Oshoba setzte sie sich für den Erhalt eines skulpturalen Heiligtums ein, das sie künstlerisch erweiterte. Ihre Batik, Skulptur und Malerei stehen stark in Zusammenhang mit den örtlichen Riten und Ritualen, gleichzeitig bleiben ihre europäischen Wurzeln im Surrealismus spürbar. Wengers Ansatz wirkte impulsgebend für eine neue Sicht der Beziehung zwischen afrikanischer und europäischer Kunst. Sie gilt heute als Vorreiterin der „Glokalisierung“, ein postkolonialer Begriff, der 2002 bei der Documenta 11 eingeführt wurde und eine Verbindung lokaler und globaler Einflüsse bezeichnet.

In den Werken von Oswald Stimm und Peter Weihs ist der Austausch mit der afrikanischen Formenwelt ein wichtiger Impuls. Beide führte ihr Lebensweg an die Académie des Beaux-Arts de Kinshasa. Oswald Stimm unterrichtete dort nach seinen Aufenthalten in Argentinien von 1973 bis 1983 Bildhauerei zeitgleich mit dem gebürtigen Mödlinger Peter Weihs, der bis 1993 blieb und sich neben Keramik auch mit Malerei und Skulptur beschäftigte. In ihren Werken ist eine Symbiose von lokalen Impressionen und europäischer Kunstgeschichte spürbar, etwa bei Oswald Stimms Hommage an Tehedl, die 1976 in Kinshasa entstand, eine Hommage an den niederösterreichischen Maler Heinrich Tahedl, oder Peter Weihs Objekt Kahogo aus 2018, bei der eine afrikanische Holzskulptur als tragendes Element des eigenen Objekts neu interpretiert wird.

Cheikh Niass, gebürtig in Pikine (Senegal), studierte von 1986 bis 1991 an der Daker fine art / National School of Fine Arts, Dakar und von 2005 bis 2010 an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Er lebt und arbeitet heute in Tulln. Als Teilnehmer der documenta 11 (2002) und der Exhibition at the Biennal Dak’Art 2012 sowie internationaler Einzel und Gruppenausstellungen ist sein Werk in Österreich bis dato nicht in adäquater Weise bekannt. In der Ausstellung im Forum Frohner ist eine zentrale Werkreihe zu sehen, die zwischen 1996 und 1999 in Dakar entstand. Dabei beschäftigt sich Cheikh Niass mit der Ästhetik von gefundenem Material, dessen Geschichte er als integralen Teil der Arbeit begreift. Holz, Seile und Drähte werden in Kombination mit einer impulsiven gestischen Malerei zu einer persönlichen Erzählung, die die Erlebniswelt des Äußeren und Inneren spiegelt.

Die lokale Geschichte des Kolonialismus und der afrikanischen Diaspora bilden einen weiteren Blickpunkt der Schau. Lisl Pongers fotografisches Werk gilt als paradigmatisch in diesem Zusammenhang. Bei der Arbeit u. a. Angelo Soliman i. R. setzt sie sich mit der Person Angelo Solimans auseinander, dessen im Badener Rolettmuseum befindliche Büste sie in einer SchwarzWeiß-Fotografie inszeniert.

Neben der Beschäftigung mit der Historie spielt auch die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragestellungen der Diaspora eine wichtige Rolle im aktuellen künstlerischen Diskurs. Dies zeigt sich in den fotografischen Arbeiten der in London geborenen und in Wien lebenden Künstlerin Helena Eribenne, die mit fotografischen Szenen aus Traismauer tagespolitische Realitäten vor Augen führt.

„Achtung; Sie betreten afrikanischen Boden!“ – Mit diesem Hinweis erinnert der Weinviertler Künstler Wolfgang Krebs in seinem Land Art-Projekt mit einem Quadratmeter Erde aus Uganda an eine Begebenheit. Im Jahr 1985 veranstaltete die Führung des National Resistance Movement aus Uganda eine Sitzung im Gasthof Zum grünen Jäger in Unterolberndorf, einem kleinen Dorf im Weinviertel. Wenige Monate später wurde das „10 Point programm of Unterolberndorf“ für die kommende Regierungslinie tragend, die von einem der Besucher, dem späteren Staatspräsidenten Museveni, vertreten wurde. 1994 kam es zu einem Besuch der Präsidentschaft in Unterolberndorf und einer Gegeneinladung der Wirtin nach Uganda.

Neben malerischen, skulpturalen und grafischen Werken widmet sich die Schau besonders dem Medium Film und zeigt fünf Videoarbeiten. So setzt sich die in Wien lebende Künstlerin, kunstbasierte Forscherin, Filmschaffende und Autorin Belinda Kazeem-Kamiński in ihrer Arbeit Unearthing. In Conversation (2017) mit im 20. Jahrhundert entstandenen Fotografien des österreichischtschechischen Missionars, Autors und Ethnologen Paul Schebesta (1887–1967 Mödling) auseinander. Tim Sharp zeigt in seinem Kurzfilm Mo’s Birthday, anhand einer Straßenszene aus Dakar, das Ineinanderfließen musikalischer Wurzeln und lässt Trommelmusik, die zu Mo’s Birthday erklingt, mit einem Stück Mozarts verschmelzen.

Künstler/innen der Ausstellung: Wolfgang Denk, Helena Eribenne, Magdalena Frey, Adolf Frohner, Pélagie Gbaguidi, Belinda Kazeem-Kamiński, Moussa Kone, Wolfgang Krebs, Cheikh Niass, Lisl Ponger, Verena Andrea Prenner, Yusimi Moya Rodriguez und Christian Martinek, Tim Sharp, Oswald Stimm, Peter Weihs, Susanne Wenger

Somewhere in the World. Afrikanisch-niederösterreichische Begegnungen
20. Oktober 2019 bis 5. April 2020
Kurator/innen: Dieter Ronte, Elisabeth Voggeneder

Forum Frohner
Minoritenplatz 4
A - 3504 Krems-Stein

T: 0043 (0)2732 908010-177
F: 0043 (0)2732 908011
E: office@forum-frohner.at
W: http://www.forum-frohner.at/

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