Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Zauberflöte” zählt zu den populärsten und weltweit meistaufgeführten Werken des Musiktheaters. Anlässlich des 270. Geburtstags des Komponisten präsentiert die Ausstellung im Rupertinum vier Künstlerpersönlichkeiten, die sich auf ganz unterschiedliche Weise von Mozarts berühmtester Oper inspirieren ließen.
So illustrierte Max Slevogt aus tiefer Bewunderung für Mozart dessen handgeschriebene Partituren mit meisterhaften Zeichnungen. Oskar Kokoschka entwarf hingegen prachtvolle Bühnenbilder und Kostüme für die Aufführung bei den Salzburger Festspielen im Jahr 1955.
Wolfgang Hutter wiederum ließ sich von „Die Zauberflöte” zu fantasievollen Ideen für das Grazer Opernhaus inspirieren, die an farbgewaltige Zauberwelten voller exotischer Pflanzen erinnern. Stephan von Huene beschritt ganz neue Wege: Seine vierteilige Klangskulptur stellt unsere Seh- und Hörgewohnheiten infrage und lädt die Betrachter:innen ein, ihre eigene Zauberflöte zu erleben.
Das Werk des international hochgeschätzten Künstlers nimmt in der Ausstellung eine zentrale Rolle ein – nicht zuletzt, weil es erst kürzlich in die Sammlung des Museums gelangte. Huene gilt als Pionier der Medienkunst mit einschlägigen Beiträgen im Bereich der kinetischen Klangkunst. Im vergangenen Jahr hat Petra Kipphoff, die verstorbene Ehefrau von Huene, die Klangskulptur als Schenkung an das Museum der Moderne Salzburg übergeben. Diese großzügige Überlassung war – gemeinsam mit Mozarts 270. Geburtstag – ein wesentlicher Anlass für die Realisierung der Ausstellung.
Die vier in der Ausstellung vertretenen Künstler zeigen mit ihren 41 Werken aus der Sammlung, wie lebendig und vielschichtig Die Zauberflöte bis heute wirkt – als visuelles, akustisches und emotionales Erlebnis.
Max Slevogts feine Illustrationen zu Mozarts handgeschriebener Partitur zeugen von großer Wertschätzung gegenüber dem Musiker. Doch wie sind diese eigentlich entstanden?
Das Original der im Jahr 1791 von Mozart verfassten Partitur befindet sich in der Berliner Staatsbibliothek. Slevogt verschaffte sich eine Kopie des handschriftlichen Notenbuches, um im Auftrag des Berliner Verlegers Paul Cassirer die Blätter mit Umrandungen, Randglossen und Arabesken zu illustrieren. In der Ausstellung sind insgesamt 17 Blätter aus der 47-teiligen Mappe zu sehen.
Bei der Gestaltung ging der Künstler von der Einheit des Notenblocks aus und behandelte ihn als Bild im Bild. Für die Rahmenformen erfand er Architekturen und Landschaften und benutzte die Notenzeilen als Standfläche für seine Gestalten. Außerdem bezog er die grafischen Eigenheiten von Mozarts Handschrift gelegentlich mit ein. Auf dem Blatt „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich” verlieh er seinem Protagonisten die Gesichtszüge Mozarts.
In der Ausstellung sind zauberhafte Arbeiten von Oskar Kokoschka zu sehen: seine Entwürfe für die Bühnen- und Kostümbilder von Die Zauberflöte, die er 1955 bei den Salzburger Festspielen inszenierte.
Zwischen Herbst 1954 und Frühjahr 1955 fertigte der Künstler 39 dieser Zeichnungen an. Alle Blätter, zum größten Teil Buntstift- und Kreidezeichnungen, die sich in Blattgröße, Papierqualität und der Sorgfalt ihrer Ausführung stark unterscheiden, befinden sich im Sammlungsbestand des Museums. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl von sechs Blättern.
Kokoschka strebte eine barocke Farbfülle an, um mit Mozarts Musik „mitzusingen” und dem Publikum „das Menschliche des Mozartischen Genius in allen Farben des Regenbogens vor Augen zu führen”. Deshalb wählte er die Farben mit besonderer Sorgfalt aus und vermerkte die exakten Farbtöne handschriftlich. Einen besonderen Stellenwert nahm für Kokoschka Papageno ein. Er beschrieb den Charakter des Vogelfängers als „einen materiell gerichteten, pfiffigen, naschhaften und trinklustigen Kasperl“. So verlieh er ihm karikierend seine eigenen Züge, was als verstecktes Selbstporträt gedeutet werden kann.
Es war der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der in seiner Funktion als künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele dafür sorgte, dass sein Freund Kokoschka als Bühnen- und Kostümbildner engagiert wurde. Dies war das erste Mal, dass Kokoschka mit seiner Doppelbegabung als Maler und Dichter ein Bühnenwerk ausstattete, das nicht aus seiner Feder stammte.
„Eine Welt zum Bukett erhoben.“ Besser als Otto Breicha, Kunsthistoriker und ehemaliger Direktor des Hauses, kann man Wolfgang Hutters artifizielle Bildwelten nicht auf den Punkt bringen.
Mit seiner Vorliebe für künstliche Gärten und märchenhafte Szenen war Hutter im Jahr 1970 die erste Wahl für die Gestaltung des Bühnenbilds an der Grazer Oper. Die Umsetzung scheiterte jedoch aus Kostengründen. Stattdessen veröffentlichte der Künstler vier Jahre später eine Grafikmappe, die nicht nur seine nicht realisierten Entwürfe, sondern auch zehn farbenprächtige Lithografien und sieben Schwarz-Weiß-Radierungen umfasst. Die gesamte Mappe mit allen 17 Blättern ist in der Ausstellung für Besucher:innen zu sehen.
Das letzte Blatt, „Kopf des Malers”, zeigt ein geätztes Selbstbildnis mit drei nackten Frauen auf dem Kopf und visualisiert Hutters Kunstauffassung: „Ich realisiere, als Maler wie als Grafiker, in ununterbrochener Variation meine Wunschvorstellung weiblicher Erotik; ich male in hundert- und tausendfacher Variation die bildhaften Entsprechungen für Wörter wie ,blütenzart‘, ,blumengleich‘, ,Fruchtstempelstaub‘.”
Einen ganz anderen Zugang zu Mozarts Oper fand Stephan von Huene: Mit seiner in der Ausstellung präsentierten vierteiligen Klangskulptur wollte er die Besucher:innen dazu einladen, ihre eigene Zauberflöte zu erleben. Die Skulptur entstand als künstlerische Antwort auf seine Zauberflöten-Aufführung in Salzburg im Jahr 1983. Die Inszenierung hinterließ keinen bleibenden Eindruck bei von Huene, weshalb er sich fragte: „Wo ist der Zauber?”
Von Huenes Skulptur besteht aus vier Klangtürmen, davon sind zwei mit Orgelpfeifen und zwei mit Xylophonen bestückt. Diese Türme geben nicht Mozarts Musik aus der Zauberflöte wieder, sondern die verborgene Melodie des Textes der Oper (Libretto). Geschrieben wurde dieses von Emanuel Schikaneder. Basierend auf einer komplexen Textanalyse selektierte der Künstler die Vokale und brachte anschließend deren charakteristische Frequenzen zum Klingen. Er griff auch jene Verben aus dem Text heraus, die Sinneswahrnehmungen ausdrücken. In seiner Klangskulptur verarbeitete er diese zu Lichtsignalen, die den Blick des Publikums lenken. Huene, der oft als Wanderer zwischen Kunst und Wissenschaft beschrieben wird, stützte sich dabei auf Erkenntnisse des Neurolinguistischen Programmierens. Ihm zufolge gibt es einen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, innerer Verarbeitung und Verhalten, insbesondere zwischen den Augenbewegungen eines Menschen und den gerade aktiven Sinnesorganen.
Die Klangskulptur wird im Stundentakt jeweils zur halben Stunde aktiviert. In der Zeit dazwischen ist auf dem Monitor ein kurzes Interview mit dem Künstler zu sehen.
Max Slevogt (1868 in Landshut, Deutschland – 1932 in Neukastel, Deutschland) zählt neben Lovis Corinth und Max Liebermann zu den wichtigsten Vertreter:innen des deutschen Impressionismus. Bühne und Musik spielten in seinem Leben und Schaffen eine große Rolle. Als begabter Sänger und Pianist pflegte er Freundschaften zu Musiker:innen und Dirigent:innen. Er porträtierte die großen Bühnenstars und gestaltete Kostüme und Bühnenbilder für das Deutsche Theater in Berlin und die Dresdner Staatsoper.
Oskar Kokoschka (1886 in Pöchlarn, Österreich – 1980 in Montreux, Schweiz) gilt gemeinsam mit Egon Schiele als Hauptvertreter des österreichischen Expressionismus. Dank seiner Freunde und Förderer sowie seiner Geliebten Alma Mahler wurde er in den Kreis der Wiener Musiker und Komponisten eingeführt. Seine Liebe zum Musiktheater bezeugen unter anderem seine Bühnenbilder und Kostümentwürfe für die Opern von Wolfgang Amadeus Mozart und Giuseppe Verdi, die in den 1950er- und 1960er Jahren entstanden.
Der österreichische Maler und Grafiker Wolfgang Hutter (1928–2014) zählt zu den Mitbegründern der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Zu seinen Arbeiten für das Theater zählen die Gobelinentwürfe für das Wiener Burgtheater (1955) und die Wandgestaltung im Großen Festspielhaus Salzburg (1960) sowie zahlreiche Bühnenbilder für das Volkstheater Wien und das Theater an der Wien.
Stephan von Huene (1932 in Los Angeles, Kalifornien, USA – 2000 in Hamburg, Deutschland) wurde als Sohn deutscher Emigranten geboren. Ab den 1960er-Jahren konstruierte er komplexe audio-kinetische Skulpturen, mit denen er Klang und Sprache sowie Ton und Raum auf unterschiedlichste Weise verband. Seit 1980 lebte er in Deutschland. In den Jahren 1983 bis 1985 sowie 1988 lehrte er an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg. Der Künstler zählt zu den Begründer:innen der zeitgenössischen Klang- und Medienkunst.
Im Bann der Zauberflöte. Slevogt – Kokoschka – Hutter – von Huene
Bis zum 14. Juni 2026