Skurril und überaus treffend: Janáčeks Opernsatire bei den Bregenzer Festspielen

Große Oper im (Festspiel)Haus, Massen anziehendes Spektakel auf dem See, beides hochkarätig. Diesmal fiel die Wahl auf Leoš Janáčeks originelle Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“. Auf den Mond und ins Prag des 15. Jahrhunderts führt die von Yuval Sharon fulminant inszenierte Reise in höchst fantasievollen Bildwelten von Jon Bausor. Die musikalische Leitung obliegt dem tschechischen Dirigent Robert Jindra, der als ausgewiesener Janáček-Interpret gilt.

Auch zeitlich in großem Abstand hat Janáček die bisher selten aufgeführte satirische Oper in zwei Teilen komponiert. Die Geschichte des selbstzufriedenen Hausbesitzers Matěj Brouček, der sich in den eigenen vier Wänden mit Bier und Würsten am wohlsten fühlt, beruht auf den Fortsetzungsromanen des Schriftstellers Svatopluk Čech (1888). Am Libretto arbeitete der Komponist selbst wesentlich mit – umso wichtiger, dass die Oper in tschechischer Sprache aufgeführt wird und sich die Sprachmelodie entfalten kann.

Das erste Bild, eine monochrome Häuserzeile, in einfachen Strichen wie eine Kinderzeichnung. Dreidimensional tritt das tapezierte (Originaltapetenmuster aus der DDR) traute Heim des Herrn Brouček hervor. Ständig öffnen sich die Türen rundherum, jeder will was vom Vermieter, er braucht jedoch nur ein Bier vom Würfl, den Wirt, und sehnt sich auf den Mond. Und plötzlich hebt sein spitzgiebeliges Häuschen ab und bohrt sich mit Bruchlandung ebendort auf Grund.

Auf dem Mond begegnet Brouček einer Welt, die von Künstlern, Dichtern und Idealisten bewohnt wird, die sich ausschließlich vom Duft der Blumen ernähren. Die Mondwesen, in abstrakten geometrischen Körpern, sprechen und Etherea findet tatsächlich Gefallen am Eindringling, sie erinnert ihn gar an Málinka, seine Mieterin. Ein witziges, kubistisches Ballett, wenn sich die tänzelnden Mondbewohnenden versammeln, dann entrüsten, weil sich der Besucher mit seinen Würsten als fleischfressendes Monster entpuppt. Unvermittelt landet Brouček unbeeindruckt wieder in seinen sicheren vier Wänden, und denkt er habe wohl zu viel Bier getrunken.

Doch es geht weiter ins Mittelalter. Im zweiten Teil klettert Brouček über geheime Gänge in die fremde Welt, die sich unter seinem Haus auftut. Die Geister der Vergangenheit regen sich, mit denen der Kleinbürger nichts zu tun hat und auch nichts zu tun haben will. Brouček begegnet einem Mann, der Würfl verblüffend ähnlichsieht. Aber er ist im Jahr 1420 angekommen und soll sich am Kampf der Hussiten gegen das Heilige Römische Reich beteiligen – „Glaub ja nicht, dass ich mich wie ein Beefsteak zerhacken lasse!“ sagt er und versteckt sich.

Es ist, als ob ein Historiengemälde des 15. Jahrhunderts plötzlich lebendig wird. „Dieser architektonische Querschnittsraum wurde entworfen, um Broučeks tiefe psychologische Entfremdung und seine Loslösung von der eigenen Kultur und Geschichte sichtbar zu machen. Im verdichteten Schlamm liegen die Gebeine seiner Prager Vorfahren – Hussiten und Taboriten Seite an Seite –, die sich nun im riesigen Spiegel über ihnen reflektieren, als blicke man auf eine archäologische Ausgrabung“, erläutert Jon Bausor, der Bühne und Kostüme kreiert hat.

Großes Vergnügen bereitet es, sich mit dem britischen Tenor Peter Hoare* auf die Reise des Matěj Brouček zu begeben. Er hat die Rolle bereits viermal gesungen – souverän, als wäre es seine Muttersprache. Er weiß, dass Sprache Teil der Musik ist. Herausragend, mit komödiantischem Talent und sängerisch fantastisch, gibt er den sich selbst genügenden Spießbürger. Ihm zur Seite stehen zehn weitere Sängerinnen und Sänger mit sprühendem Enthusiasmus und großer Bühnenpräsenz.

Dirigent Robert Jindra bestätigt, dass diese Janáček Oper sowohl musikalisch wie auch szenisch Außerordentliches verlangt. Die Partitur sei sehr dicht und komplex, voller schneller Wechsel. „Man sollte dieses Werk wie einen Film erleben, bei dem das Orchester die eigentliche Geschichte erzählt: Es malt Farben, Atmosphären und Stimmungen, während die Stimmen die Sprachmelodien des Tschechischen nahezu natürlich nachzeichnen“. Wie gut trifft es sich, dass der exzellente Prager Philharmonische Chor seit Jahren bei den Bregenzer Festspielen gebucht ist, genauso wie die Wiener Symphoniker.

Der Regisseur Yuval Sharon* vermittelt diese satirische Geschichte mit ihren skurrilen Figuren gar nicht zynisch, aber durchaus humorvoll und mit Menschlichkeit wie Mitgefühl. Doch wer das Fabulieren des Kleinbürgers für Nonsens hält, sollte sich gleich auf die Spur des eigenen inneren Brouček begeben. Überbordender Applaus für eine großartige Opernaufführung!

 

* John Bausor, der vielfach preisgekrönte Bühnen- und Kostümbildner, lebt und arbeitet in London und studierte auch Gesang und Cello. Er stattete Produktionen an zahlreichen internationalen Opernhäusern aus, zuletzt an der Metropolitan Opera in New York.
* Der britische Sänger Peter Hoare gastierte an Häusern wie der Metropolitan Opera in New York und dem Royal Opera House in London und ist besonders für seine eindringlichen Interpretationen von Opern des 20. Jahrhunderts sowie zeitgenössischen Werken bekannt.
* Yuval Sharon war der erste US-amerikanische Regisseur bei den Bayreuther Festspielen, ist bis Ende der Saison 2025/26 Künstlerischer Leiter der Detroit Opera und inszeniert gerade Wagners „Tristan und Isolde“ an der Metropolitan Opera in New York.

Die Ausflüge des Herrn Brouček | Leoš Janáček
Oper in zwei Teilen (1920, 1926)
nach den Romanen „Die wahre Fahrt des Herrn Brouček zum Mond“
und „Die neue epochale Fahrt des Herrn Brouček“ von Svatopluk Čech

Musikalische Leitung: Robert Jindra
Inszenierung : Yuval Sharon
Bühne, Kostüme: Jon Bausor
Licht: Yi Zhao; Video: Hannah Wasileski
Bewegungschoreografie: Crispin Lord
Dramaturgie: Anke Rauthmann

Matěj Brouček: Peter Hoare
Mazal, Blankytný, Petřík: Mihails Culpajevs
Sakristan, Lunobor (Mondkristan), Domšík: Károly Szemerédy
Málinka, Etherea, Kunka: Tatev Baroyan
Würfl, Čaroskvoucí (Zauberlicht), Schöffe: Jan Stava
Číšníček, Wunderkind, Student: Gaja Napast
Kedruta: Jana Kurucová
Svatopluk Čech, I. Táborita: Svatopluk Sem
Komponist, Harfoboj (Harfenklang), Miroslav Zlatník: Linard Vrielink
Maler, Duhoslav (Farbenspiel), Stimme Professor, Vojta od Pávů, II. Táborita: Paul Curievici
Dichter, anderer Dichter, Oblačný (Wolkengrau), Vacek Bradatý: Lukáš Bařák
Prager Philharmonischer Chor. Leitung: Lukáš Vasilek 
Wiener Symphoniker