Skulpturengruppe – Picknick am Wegesrand

In ihrem Science-Fiction-Roman „Picknick am Wegesrand“ entwerfen die Brüder Strugatzki eine nächtliche Szene im Wald, in der junge Leute um ein Feuer sitzen, Körbe voller Essen und Flaschen vor sich haben und Musik aus Transistorradios hören. Nachdem die Feiernden aufgebrochen sind, kehren Wald- und Wiesentiere aus ihren Verstecken zurück und nehmen das, was übriggeblieben ist, in Augenschein.

Dieses Bild zitierend, schuf die Bildhauerin Michèle Pagel für den Hof des Gemeindebaus an der Ljuba-Welitsch-Promenade in Wien eine verträumte Situation: Insekten wie Marienkäfer, Libellen oder Heuschrecken stoßen in ihrem raumgreifenden Stillleben aus farbigem Beton und Bronze auf für sie unerklärliche Dinge, die Menschen dort – am Wegesrand – zurückgelassen haben könnten. Mit diesem Entwurf überzeugte Michèle Pagel in dem von KÖR Wien 2025 in Kooperation mit dem Bauträger Wigeba ausgeschriebenen Wettbewerb für das Gebäude im Village im Dritten Wiener Gemeindebezirk (Architekt:innen: Hawlik Gerginski Architekten ZT GmbH), dem neuen Stadtteil östlich des Fasanviertels. Pagels im Sommer 2026 fertiggestellte Skulpturengruppe knüpft an die Tradition der Kunst am Bau an und erinnert an die zahlreichen Tierskulpturen in den Höfen der Wiener Gemeindebauten. „Picknick am Wegesrand” lässt an die Alltäglichkeit eines „objet trouvé”, an eine dem Zufall geschuldete Komposition denken. Doch jedes Element ist symbolisch aufgeladen und verweist beispielsweise auf die Bewohner:innen oder erinnert an die Vergangenheit des Areals als artenreiche, innerstädtische Wildnis.

Lesbar wird das Kunstwerk auch vor dem Hintergrund von Michèle Pagels Beschäftigung mit gesellschaftspolitischen Fragen des Konsums und ihrer Kritik an hegemonialen Strukturen. Die Arbeit erhält ihre Spannung aus dem Schwingen zwischen der verspielten, taktilen Ästhetik und ihrer narrativen Qualität. Picknick am Wegesrand erzählt von „Relikten einer vermuteten menschlichen Zivilisation“, so Olga Wukounig, „die uns in Erinnerung rufen, dass wir auf dieser Erde vorübergehende Besucher:innen sind.“

Michèle Pagel, 1985 in Werdau (D) geboren, lebt in Wien. Seit 2025 ist sie Lektorin an der Universität für angewandte Kunst Wien (Skulptur und Raum). Die Künstlerin, die bevorzugt mit Materialien wie Ziegeln, Keramik, Beton, Glas und Stein arbeitet, wurde unter anderem 2021 mit dem Kardinal-König-Preis ausgezeichnet und erhielt 2023 das Österreichische Staatsstipendium für Bildende Kunst.

Michèle Pagel
Picknick am Wegesrand, 2026
Skulpturengruppe
Im Hof des neuen Gemeindebaus, Ljuba-Welitsch-Promenade 18, 1030 Wien