Sinnliche Erlebbarmachung des Vergehens der Zeit

Ein Jahr ist die Zeit, in der die Erde die Sonne umrundet. Es ist die Einheit, in der wir über das Alter sprechen oder das Vorübergehen der Zeit messen. Tehching Hsieh (*1950) unterwarf sich ein Jahr lang der schwindelerregenden Disziplin, pünktlich zu jeder vollen Stunde die Zeitkarte einer Stechuhr zu stempeln und parallel ein Selbstporträt aufzunehmen. Seine legendäre Arbeit „One Year Performance“ (Time Clock Piece) aus den Jahren 1980–1981 ist eine der kompromisslosesten Meditationen über Zeit und wird zum zweiten Mal in Deutschland gezeigt. Mit dem „Time Clock Piece” nimmt der taiwanesisch-amerikanische Künstler eine Welt vorweg, die niemals schläft.

Technologische Entwicklungen ermöglichen nicht nur eine immer effizientere Organisation unseres Lebens, sondern führen auch dazu, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen. Viele Menschen haben den Eindruck, immer weniger Zeit zu haben und immer seltener im Einklang mit der Zeit zu sein. Vor diesem Hintergrund konzentriert sich die Ausstellung „It's All About Time“ auf sechs raumgreifende Arbeiten internationaler Künstler:innen, die das Vergehen von Zeit sinnlich erlebbar machen, unterschiedliche Dimensionen der Zeiterfahrung ins Bewusstsein rücken und die standardisierte Zeitmessung hinterfragen.

In Tehching Hsiehs Langzeit-Performance und in Jill Baroffs (* 1954) Zeichnungsserie „Tide Drawings: Hurricane” (2022/2023) trifft der Takt des Spätkapitalismus auf biologische Rhythmen und natürliche Kreisläufe. Hans-Peter Feldmanns (1941–2023) Porträtserie „100 Jahre“ (1998–2000) zeigt Menschen jeden Lebensalters von null bis hundert Jahren und rückt das Fortschreiten der Lebenszeit in den Mittelpunkt. Im Kontrast dazu nimmt die Filminstallation „The Longest Sleep“ (2024) von Rafik Greiss (* 1997) Gebetsrituale, die an Trance und Raves erinnern, in den Blick. Diese setzen das gewohnte lineare Zeitempfinden außer Kraft und ermöglichen eine intensive Gegenwartserfahrung. Die begehbare Installation „Durchbruch durch Schwäche“ (2009/2016) von Alicja Kwade (*1979), die aus verschiedenen Uhrengewichten besteht, erzeugt den Eindruck, als bewegten sich die Besucher:innen durch den Fluss der Zeit. David Horvitz (*1972) lädt mit seinen textbasierten Vorschlägen alternativer Uhren – etwa mit Sekunden, die dem Herzschlag folgen, oder einer einschlafenden Uhr – dazu ein, gängige Konventionen, die unser Verständnis von Zeit prägen, zu hinterfragen. Wie das „Time Clock Piece” von Tehching Hsieh verweisen sie darauf, dass Zeit mehr ist als eine messbare Größe und sich nicht in Taktung und Effizienz erschöpft, sondern untrennbar mit unserem individuellen Erleben verbunden ist.

It's all about time
11. April bis 19. Juli 2026