13. Juli 2010 - 4:00 / Walter Gasperi / Filmriss
logo filmriss

Der Modedesigner Tom Ford folgt in seiner Verfilmung von Christopher Isherwoods 1964 erschienenem Roman einem homosexuellen College-Professor durch den Tag, an dem er nach dem Verlust seines Geliebten verzweifelt Selbstmord begehen will. In berückend schönen Bildern evoziert der Regiedebütant eindringlich eine melancholische Atmosphäre der Einsamkeit und grenzenloser Trauer.

Unwirklich, ganz und gar künstlich wirken das im Schnee auf dem Dach liegende Auto und der Tote daneben, zu dem sich ein Mann legt. – Ein Schnitt macht klar, dass es sich hier um einen Alptraum des in Los Angeles lebenden britischen College-Professors George Falconer (Colin Firth) handelt. Im Voice-Over spricht er über die Qual des Aufwachens. Doch gleichzeitig ist das Geträumte auch real, denn Georges Geliebter Jim (Matthew Goode), mit dem er 16 Jahre zusammen war, ist vor wenigen Monaten bei einem Unfall ums Leben gekommen. Die Erinnerung an die Benachrichtigung über Jims Tod steigt wieder in George auf, die Erinnerung, dass er zur Beerdigung reisen wollte, dies aber von Jims Familie abgelehnt wurde.

Datiert auf den 30 November 1962 ist der Film. Die Kubakrise und die Angst vor dem atomaren Holocaust spielt immer wieder herein, doch die weltpolitischen Ereignisse lassen George unberührt. Er hat nämlich beschlossen an diesem Tag sein Leben zu beenden. Penibel bereitet er alles für die Tat vor, verfasst Abschiedsbriefe, legt einige 100 Dollar-Scheine für die Putzfrau beiseite, leert seinen Banksafe und legt den Revolver für die Tat bereit.

Doch den Tag wird er ganz normal verbringen, wird versuchen sich nach außen nichts anmerken zu lassen, während im Innern doch seine Verzweiflung lodert. Wie gewohnt geht er tadellos gekleidet zum College, schweift nur bei seiner Vorlesung ab, wird von einem seiner Studenten in ein Gespräch verwickelt. Dass er freilich, wie in Trance durch die Welt zu gehen scheint, vermitteln eindringlich mehrfach Zeitlupe und die Tonspur, die deutlich macht, dass George nicht alles wahrnimmt.

Später kauft er Patronen für seine Waffe, eine Flasche Gin für den Abend, wobei er einen jungen Spanier kennen lernt, der Interesse an einer Affäre mit ihm hätte. Zuhause will er schon zur Tat schreiten, ehe ihn ein Anruf seiner alten Freundin Charley (Julianne Moore) zumindest kurz davon abbringt. Auch diese, die selbst ihren Kummer im Alkohol zu ertränken versucht, kann ihn aber nicht aus seiner Depression reißen. Noch einmal geht er aber zu der Bar, vor der er einst Jim traf …

Was äußerlich passiert, ist nur eine Ebene von "A Single Man", die andere sind die Gedanken und Erinnerungen von George. Um Einblick in die Psyche des Protagonisten zu vermitteln verwendet Tom Ford, der in den 90er Jahren als Designer von Gucci Karriere macht und mit diesem meisterhaft inszenierten Drama sein Spielfilmdebüt vorlegt, aber nur am Beginn Voice-Over, vertraut sonst ganz auf die Bildsprache. Mit Detailaufnahmen von Mundpartien oder nackten muskulösen Männerkörpern beim Tennis macht er ebenso eindringlich das Begehren Georges erfahrbar, wie in teils schwarzweiß, teils farbig gehaltenen Rückblenden die von Verzweiflung geprägte Erinnerung an den verstorbenen Geliebten.

Erfahrbar wird dabei besonders in der College-Stunde, in der George über die Angst, im Speziellen über die Angst der Mehrheit vor Minderheiten, die in Repressionen umschlägt, auch – wie schon in "Brokeback Mountain" oder Todd Haynes "Far From Heaven" – die Situation des Homosexuellen in den 60er Jahren: Nur im Geheimen kann er seine Sehnsucht ausleben, will er Repressalien und gesellschaftlicher Ächtung entgehen.

Großartig vermittelt Colin Firth diese Diskrepanz zwischen äußerem Schein und inneren Empfindungen seiner Hauptfigur. Dazu kommt Fords Stilwillen und auch an die Eleganz der Filme Antonionis erinnert. Werbeästhetisch stylisch wirkt das immer wieder, ist aber nie selbstzweckhaft, sondern korrespondiert mit dem Inhalt. Perfekt ist die Ausstattung, die den schönen Schein zelebriert, hinter dem sich das emotionale Chaos verbindet, und bestechend die Farbdramaturgie.

Ist der Film nämlich weitgehend in fast monochromes Braun getaucht, das mit Georges Gefühl der Einsamkeit und Verzweiflung korrespondiert, so werden die Farben immer dann satter, wenn ein Fünkchen Hoffnung aufkommt, wenn er der kleinen Tochter der Nachbarin in der Bank, dem Spanier mit James Dean-Frisur oder seinem Studenten begegnet. Perfekt zusammen spielt diese visuelle Ebene mit der symphonischen Musik von Abel Korzeniowski, sodass eine dichte, von tiefer Melancholie durchzogene Atmosphäre und ein vielschichtiger Teppich emotionaler Stimmungen aufgebaut wird, in dem das Gefühl der Einsamkeit, des untröstlichen Schmerzes angesichts des Verlusts eines geliebten Menschen und der Verzweiflung nicht mehr behauptet, sondern erfahrbar wird.

Wird am Samstag, den 16.7. um 22 Uhr am Spielboden Dornbirn im Rahmen der Reihe "Sommerfrische" gezeigt (Deutsche Fassung)

Trailer zu "A Single Man"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

Spielboden Dornbirn
Färbergasse 15
A - 6850 Dornbirn

T: 0043 (0)5572 21933
E: spielboden@spielboden.at
W: http://www.spielboden.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



12694-12694asinglemanposter.jpg
Spielboden Dornbirn
Färbergasse 15
A - 6850 Dornbirn

T: 0043 (0)5572 21933
E: spielboden@spielboden.at
W: http://www.spielboden.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse