Es ist üblich, vom Ganzen aufs Einzelne zu schliessen. Und umgekehrt. Eine Einzelerscheinung steht für das Ganze. Oder wird durch das Ganze erklärt. "Das ist typisch amerikanisch!" Oder jüdisch. Oder polnisch. Oder österreichisch. Was ist typisch? Solche Pauschalierungen bzw. Vereinfachungen reduzieren auf Wesentliches. Meint man oder will man glauben machen. Die dabei produzierten oder tradierten Stereotypen sind meist nicht weit vom sich festsetzenden oder bereits unverrückbaren Vorurteil.
Es gibt zwei diametral entgegengesetzte Arten der Vereinfachung: eine aus Dummheit, sie überwiegt, eine aus dem Gegenteil, dem hochtiefen Denken. Sie ist selten, aber nicht nichtexistent. ("Er ist ein Denker: das heisst, er versteht sich darauf, die Dinge einfacher zu nehmen, als sie sind." Nietzsche) Goethe wusste das auch und bemerkte souverän (1827) "Ich sage immer und wiederhole es, die Welt könnte nicht bestehen, wenn sie nicht so einfach wäre." Unsere heutigen Koryfäen und Experten behaupten lieber das Gegenteil, schliesslich leben sie vom Geschäft der Komplexitätsminderung als Experten in einem florierenden Markt der erweiterten Unübersichtlichkeit.
Es mag einem helfen, Verbrechenstaten mit der herrschenden Gesellschaftsstruktur zu erklären. Man hat einen Schlüssel, man hat einen Schuldigen. Man will eine schlüssige Erklärung. Das ist man sich schuldig. Deshalb beschuldet man so gern und fleissig - und simpel. Der Fall Kampusch hat sich nur in Österreich ereignen können. Natürlich. Wenn die Erklärung nicht ganz taugt, greift man auf die jüngere oder ältere Vergangenheit zurück: reaktionäre Gesellschaftsstruktur, Nazizeit. Oder Habsburger. Der Fall Fritzl lässt Halbgebildete brillieren mit den unterlegenden Gleichungen: Nur im Land der Psychoanalyse, wo das Dunkle, Böse, Perverse schlummert kann so ein typisch österreichischer Fall Fritzl sich ereignen. Wehe uns! Es werden sicher noch hunderte Verliese und Opfer gefunden werden... Österreich erklärt. Wem hilft solches Einfachpseudodenken? Den Einfachen. In diesen Fällen sind es auch die Dummen.
Und andere Dumme auf der Gegenseite zeigen sich besorgt um die "öffentliche Meinung" und das Image und den Ruf und bemühen Werbestrategen und Volkspsychologen und Tourismusmanager, um das Bild von Österreich rein zu waschen.
Kultürlich gibt es wahrnehmbare Eigenheiten oder zuschreibbare Eigenschaften von Kollektiven. Typisierungen machen auch Sinn. Aber man muss ihre Bedingt- und Begrenztheit kennen und beachten. Allzuleicht fällt man sonst zurück in primitive Zerrbilder, die sich nahtlos an die verheerend dummen Kurzsichten der Vergangenheit anfügen. Die EU ist keine Mafia, auch wenn die Korruption in die Milliarden geht. Es wäre zu einfach und falsch, sie damit zu qualifizieren. Österreich ist nicht nur dumm oder böse, auch wenn es ausgezeichneten, gepriesenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern für ihr Lebenswerk Material liefert. Die Rumänen sind nicht nur Diebe und Verschieber, auch wenn ihr Anteil in diesem Gewerbe manchmal hoch ist. Die Amerikaner sind nicht nur kriegsgeile Profiteure, auch wenn ihre Regierung die meisten Kriege führt. Und so weiter und so fort.
Manchmal hilft Gegenfragen und Nachfragen. "Die österreichische Literatur..." Welche, übers Etikett hinaus? Wer ist gemeint mit "Die Amerikaner!"? Die Regierung, die Hochfinanz, die Banken, die Bevölkerung? Etiketten können sinnvoll als Metonyme wirken, wenn man sie so verwendet, verstanden wissen will und so versteht. Das Metnoym wird gedanklich sofort erweitert, die Kurzform projiziert das komplexe Gebilde, ähnlich der geschriebenen Abkürzung "usw." sofort "und so weiter" anzeigt und, wenn man die Abkürzung kennt, auch so verstanden wird. Bleibt das Kurzdenken aber am Äusseren, an der Formel, am Etikett hängen, wird das Zeichen nicht mehr "verstanden" und als Klischee nur noch nebulos, vermeintlich korrekt gedeutet. Dann kann alles und nichts damit gemeint sein. Wer weiss, was er sagt und meint, wenn er von den "Maastricht-Kritierien" redet, vom "Lissabon-Vertrag", von der Hilfsaktion im Tschad etc. Wer wundert sich noch über das Akronym "NATO" und das gegenwärtige Selbstverständnis dieser Organisation und ihrer Aktionen?
Vor allem Journalisten, aber auch blödschwätzende Experten reden in den Medien von Prozentpunkten, meist sogar ohne Vergleichswert. Nie vergleicht jemand Prozentstriche, weil sie nur eine Punktskala im engen Kopf haben, begrenzt von Eckpunkten, die punktgenau beachtet und bewertet werden. Diese Punktlerei müsste doch auffallen als instrumentalisierte Blödheit!
Die Vereinfachungen wirken fänomenal: Globalisierte Wirtschaft, Arbeitsplatzverlust, Lohndrückerei, neue Armut, riesige Konzernprofite, unübersehbare Korruptionsfälle, alles wird punktgenau verpunktet: Washington verlautbart, London reagiert, Paris sekundiert, Berlin nickt und die EU setzt Konferenzen an. Wer macht wo wann was weshalb? Für wen, wie und womit? Schon die Beachtung der Berühmten W-Fragen würde die Tyrannei der falschen Simplifikationen brechen.