Simon Starling im Dialog

Das Kunstmuseum Winterthur präsentiert Simon Starling im Dialog mit Werken von Adolph Menzel, Caspar Wolf und anderen Künstlern aus der Stiftung Oskar Reinhart. In der Ausstellung wird gezeigt, wie Starling historische Bildwelten in zeitgenössische Reflexionen über Stadt, Natur und Wandel transformiert.

Der 1967 in Epsom (UK) geborene Starling widmet sich in seinem künstlerischen Schaffen seit Jahren Themen wie Nachhaltigkeit, Ökologie und Ökonomie. Er wandte sich bereits wiederholt Meisterwerken der Kunst- und Kulturgeschichte zu, darunter Fiat und Piaggio ebenso wie Tiepolo und Adolph Menzel.

In der „Ritterstraße 43” in Berlin wohnte der Maler Adolph Menzel in den Jahren 1847/1848. Den Blick aus dem Fenster auf den Hinterhof verewigte er in einer kleinformatigen Ölskizze: „Berliner Hinterhäuser im Schnee“ (1847/1848). Der bedeutendste Vertreter des deutschen Realismus zeigt sich darin als Meister einer protoimpressionistischen Malerei, die den unspektakulären Ausblick im Moment festhält – in seiner Alltäglichkeit von spektakulärer malerischer Qualität.

Den Blick in den Hof verstellt an der Ritterstraße 43 heute ein Wohnblock mit kastenförmigen Balkonen. Simon Starling übersetzte Menzels kleinformatiges Gemälde inklusive Rahmen in einem aufwendigen 3D-Druckverfahren in eine monumentale Installation. Er fügte sie in eine Fotografie des heutigen Ausblicks ein. So entstand ein Dialog historischer und zeitgenössischer Bildgattungen. Die Installation ist auch eine künstlerische Reflexion über die Veränderungen des urbanen Raums. Darüber hinaus ist sie ein Memento: Während Starling das Menzel-Projekt realisierte, wütete die Pandemie. Das öffentliche Leben war zum Erliegen gekommen, Ausstellungen wurden verschoben und die Menschen mussten zu Hause bleiben. Menzels Blick aus dem Fenster erhielt ungeahnte Aktualität. „Durch die Pandemie gab es plötzlich diese gesteigerte Sensibilität für die Natur. […] Man hatte das Gefühl, den Frühling auf eine viel kontemplativere Weise beobachten zu können, als man es normalerweise tut“, erzählte der Künstler, der mit „Ritterstraße 43“ thematisiert, „wie wir Bilder von der Natur machen und wie sich das verändert hat.“

Mit „The Artist, Wearing a Mask of Adolph Menzel, Holds Plaster Casts of the Ambidextrous German Painter’s Left and Right Hands” (zu Deutsch: „Der Künstler, der eine Maske von Adolph Menzel trägt, hält Gipsabdrücke der linken und rechten Hand des beidhändigen deutschen Malers in Händen”) greift Simon Starling indes nicht nur Bildmotive des deutschen Realisten auf, sondern widmet ihm auch eine plastische Figur. Diese liebevolle Hommage, ein Doppelporträt, zeigt den jüngeren Künstler mit zwei Gipsabgüssen der Hände des perfekt zweihändig arbeitenden Malers, die zu Menzels Lebzeiten angefertigt wurden: Eine Hand hält einen Pinsel, die andere einen Bleistift. Diese Starling-Menzel-Figur ist Teil eines umfangreichen Werkkomplexes mit dem Titel „Project for an Exhibition, Part 2” (2024–2026), den der britische Künstler entwickelt hat. In diesem Werkkomplex sind mehrere weitere Figuren enthalten, die in der Ausstellung gleichsam als Museumsführer wirken. In ihnen widmet Starling zahlreichen für sein Denken wichtigen, verstorbenen Designern, Literaten und Wissenschaftlern eine eigenwillige Hommage.

Eine weitere raumgreifende Installation von Simon Starling, „One Ton III” (2024), findet wie auch das Werk von Adolph Menzel ein passendes neues Zuhause im Kunst Museum Winterthur in der Nachbarschaft früher Gletscherdarstellungen von Schweizer Malern wie Felix Meyer und Caspar Wolf. Das nomadische Werk, das ursprünglich für die schweizweite Ausstellung „Watch the Glacier Disappear” geschaffen wurde, basiert auf einem Fotonegativ des Morteratschgletschers, das Jules Beck 1879 aufgenommen hat. Das Bild wurde schrittweise restauriert, neu gedruckt und anschließend mithilfe eines eigens dafür entwickelten hybriden Transport- und Ausstellungssystems an den Standort des inzwischen stark geschwundenen Gletschers im Engadin zurückgebracht.

In den letzten Jahren war das Schaffen des heute in Kopenhagen lebenden Künstlers in Museen weltweit zu sehen. Die Ausstellung im Kunst Museum Winterthur präsentiert ausgewählte Werkgruppen des Künstlers im Dialog mit Gemälden der Stiftung Oskar Reinhart – gewissermaßen von Menzel bis Starling.

Simon Starling
The Artist, Wearing a Mask of Adolph Menzel, Holds Plaster Casts of the Ambidextrous German Painter’s Left and Right Hands (and Other Interventions)
Bis 5.07.2026
Kunst Museum Winterthur, Reinhart am Stadtgarten