16. Oktober 2007 - 4:45 / Walter Gasperi / Filmriss
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An einer Fülle von krassen Einzelfällen zeigt Michael Moore den desolaten Zustand des amerikanischen Gesundheitswesens auf. Tiefere Einsichten vermittelt der amerikanische Polit-Film-Clown aber kaum, sondern versucht einzig mit billigen manipulativen Techniken den Zuschauer aufzurütteln und sich selbst als großen Aufdecker zu präsentieren.

Die Bedeutung der Filme Michael Moores für die Blüte des Dokumentarfilms kann kaum überschätzt werden. Jahrzehnte existierte diese Filmgattung im Kino praktisch nicht. Doch dann kam Moores "Bowling for Columbine" und Dokumentarfilme verloren schlagartig den Ruf als Kassengift. War diese Abrechnung mit der amerikanischen Waffenhysterie aber auch schon weniger ein Dokumentarfilm als vielmehr ein typischer Michael Moore-Film voll manipulativer Tricks und eitler Selbstdarstellung des beleibten Filmemachers, so bewegte sein kommerzieller Erfolg doch die Filmverleiher auch zahlreiche künstlerisch anspruchsvollere Dokumentarfilme in ihr Programm zu nehmen. Mit großem Publikumserfolg wurden in der Folge in den letzten Jahren von den Programmkinos und Filmclubs nicht nur Nicolas Philiberts "Sein und Haben", Thomas Riedelsheimers "Touch the Sound", Hubert Saupers "Darwins Nightmare" gezeigt.

Moore doppelte mit "Fahrenheit 9/11" nach, gewann mit dieser Abrechnung mit der Administration Bush und dem Irakkrieg wohl mehr aus politischen als aus künstlerischen Gründen in Cannes die Goldene Palme, verfehlte aber das erklärte Ziel die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zum Kippen zu bringen. Nun hat sich der Polemiker und eitle Selbstdarsteller das amerikanische Gesundheitssystem vorgeknöpft, ohne seinen liebsten Feind George W. Bush geht’s aber auch hier nicht. Der US-Präsident darf schon zum Einstieg in einem TV-Mitschnitt erklären: "Wir haben ein Problem in Amerika!" Zur Veranschaulichung dieses Problems lässt Moore in den nächsten Bildern einen Verunfallten, aber nicht Krankenversichten sich eine offene Wunde am Knie gleich selbst mit Nadel und Faden nähen.

Die Szene macht schon einen Teil der Problematik von Moores Methode deutlich: Direkt gefilmt wurde diese "Operation" wohl kaum - die Szene dürfte wie viele andere im Film gestellt sein. Völlige Objektivität gibt es zwar in keinem Dokumentarfilm, mit solchen Fakes bekommt "Sicko" - der Titel leitet sich von "sick", also "krank", her - aber ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Im Mittelpunkt stehen nicht die 50 Millionen nicht krankenversicherten Amerikaner, sondern Missstände trotz Versicherung. Über 20.000 Mails erhielt der "Dokumentarfilmer" auf den Aufruf ihm Fälle vom Versagen der Krankenversicherungen zu melden, besonders krasse hat er für "Sicko" ausgewählt. Moore lässt die Patienten – vorwiegend Frauen – unter Tränen ihre Krankengeschichte erzählen. Das weckt natürlich Emotionen, gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass den Regisseur das Individuum im Grunde kaum interessiert. Voyeuristisch beutet er ein Einzelschicksal für seine Zwecke aus. Hat der Interviewpartner einmal seine Arbeit getan, verschwindet er wieder aus dem Film und wird vergessen. Auch der Verdacht, dass den Interviewten die Worte teilweise in den Mund gelegt wurden, liegt nicht fern.

Moores Strategie ist einfache Schwarzweißmalerei: Hier die armen Kranken, dort die reichen Krankenversicherungen, die zwecks Gewinnmaximierung mit allen Tricks arbeiten um die Bezahlung von teuren Behandlungen und Medikamenten abzulehnen. Auch die Politiker, die sich von Pharmaindustrie und Krankenversicherungen kaufen lassen, bekommen ihr Fett ab: Mit Preisschildern versehen werden sie vorgeführt.

Was dieser Zustandsbeschreibung für den richtigen Biss aber fehlt, ist die konkrete Angriffsfläche. Auf anonyme Gebäudekomplexe beschränkt bleiben die Versicherungen. Hier kann Moore niemanden persönliche herausfordern und in die Enge treiben, wie den General Motors-Chef Roger Smith in "Roger and Me" oder Charlton Heston in "Bowling for Columbine". Auch Ursachenforschung wird kaum betrieben. Der knappe Verweis auf die Privatisierung des Gesundheitswesens durch Richard Nixon im Jahre 1971 greift entschieden zu kurz. – Für die Misere müssen sicherlich nicht nur einzelne Person, sondern auch Strukturen und Rahmenbedingungen verantwortlich gemacht werden.

Zur Schwarzweißmalerei gehört auch die Kontrastierung des amerikanischen Gesundheitssystems mit dem kanadischen, englischen und französischen. – Als paradiesisch werden die Zustände in diesen Ländern geschildert: Alles ist gratis und die Ärzte beziehen dennoch hohe Löhne, die ihnen ein Leben in Luxus sichern. Nicht erwähnt werden dabei aber Steuern und Sozialversicherungsabgaben, mit denen dieses System finanziert wird. – Mit dem simplen Plädoyer für die Einführung eines staatlichen Gesundheitssystems auch in den USA macht es sich der Regisseur doch sehr einfach.

Sukzessive versucht Moore das Bild zu komplettieren und zu steigern und wendet sich deshalb im Finale sogar den "vergessenen Helden vom 11. September" zu, die ihren Einsatz als Krankenschwestern oder Feuerwehrleute mit ihrer Gesundheit bezahlten, aber nun ihre Behandlung selbst bezahlen müssen, da sie nicht als Bedienstete der Stadt, sondern freiwillig Hilfe leisteten. In einer mit pathetischer Musik unterlegten Szene lässt der Populist Moore sie nach Guantanamo fahren, da die dort Inhaftierten angeblich medizinisch bestens versorgt werden. – Der Trupp wird zwar abgewiesen, aber in Kuba – dem amerikanischen Feindbild schlechthin – finden sie nicht nur mustergültige, sondern auch nahezu kostenlose medizinische Versorgung.

"Sicko" ist nicht nur filmisch einfach gestrickt mit Bildern, die nie über die Illustration des Off-Kommentars hinausgehen und Moore als zunächst nur verbal mit seinem Kommentar, später auch zunehmend visuell mit seiner ganzen Leibesfülle präsenetem Reiseleiter durch den Film, sondern in seiner hoffnungslosen Simplifizierung der Sachverhalte und in der offensichtlich manipulativen Machart auch wirkungslos und geradezu lächerlich. – Ein oberflächlicher filmischer Schnellschuss, einzig interessiert am großen Effekt, am "Oh" und "Ah" des Publikums und an der Präsentation seines Machers als "Der große Aufdecker, der vor keinem heißen Eisen zurückschreckt" hier allerdings doch nur vorführt, was sowieso schon jeder weiß.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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