13. Juni 2020 - 4:41 / Ausstellung / Fotografie 
19. Februar 2020 13. September 2020

Erstmals widmet sich eine Ausstellung in Düsseldorf der Fotografie seit ihren Anfängen bis heute und fächert die große Vielfalt des Mediums auf. Möglich wird dies dank des Ankaufs von über 3000 Fotografien aus der Bestandssammlung der Galerie Kicken im Dezember 2018.

In der rund 200 Werke umfassenden Ausstellung treten Ikonen der Avantgarden von Man Ray (1890–1976) bis Bernd (1931–2007) und Hilla Becher (1934–2015) neben überraschende, weniger bekannte fotografische Positionen, das Einzelbild neben die Serie.

"Sichtweisen" verfolgt keine chronologische Ordnung, sondern erschließt die Sammlung über inhaltliche Themen. Die Schau versammelt mehr als 100 Fotografinnen und Fotografen und intergriert auch Werke aus dem bisherigen Fotobestand des Kunstpalastes.

Die Präsentation der ausgewählten Werke legt die Vielfalt der Fotografie anhand von acht Kapiteln offen: Licht, Neugier, Mensch, Dinge, Ordnung, Alltag, Zeugnis, Raum. Sie alle sind und waren sowohl Motive der Fotorgafie als auch ihre Inspirationsquelle. Innerhalb der acht Ausstellungskapitel wird es möglich, spielerisch Werke unterschiedlicher Epochen einander gegenüberzustellen, Verbindungslinien und Differenzen aufzuzeigen und das Ordnen von Sammlungen an sich zu reflektieren.

In ihren Kapiteln zeigt die Ausstellung Beispiele der sogenannten "Orientfotografie" des 19. Jahrhunderts ebenso wie die Nachahmung der Malerei durch die Fotografie im Piktorialismus, das Neue Sehen und die Neue Sachlichkeit der 1920er und 1930er Jahre. Auch die Lichtexperimente der Subjektiven Fotografie in den 1950er Jahren, das Dokumentarische und die Autorenfotografie der 1970er und 1980er Jahre sowie die amerikanische Farbfotografie sind exemplarisch vertreten.

"Sichtweisen" präsentiert unter anderen Eadweard Muybridge (1830–1904), Karl Blossfeldt (1865–1932), August Sander (1876–1964), Edward Weston (1886-1958) sowie Candida Höfer (*1944) oder Andreas Gursky (geboren 1955), die zu den festen Größen im kunsthistorischen Kanon gehören. Einige sind – wie Aenne Biermann (1898–1933) oder Ludwig Windstosser (1921-1983) – mit ihren fotografischen Werken erst in jüngerer Zeit wieder entdeckt worden. Die früheste Arbeit in der Ausstellung aus dem Jahr 1844 stammt von Henry Fox Talbot (1800–1877), die jüngste Aufnahme ist von Jesco Denzel (geboren 1972), entstanden während des G7-Gipfels im Jahr 2018. Das Spektrum der Ausstellung umfasst neben diesen namhaften ebenso Aufnahmen von anonym gebliebenen Bildautorinnen und Bildautoren.

Die Korrespondenzen zwischen den Werken spiegelt der Ausstellungsrundgang wider. Das Licht, Namensgeber und wichtigstes Element der Fotografie, ist Thema des ersten Ausstellungskapitels. Anhand der hier gezeigten Aufnahmen wird deutlich, dass Licht unterschiedliche Rollen in der Bildwerdung einnehmen kann: als Bilmotiv, als Stimmungselement, als Untersuchungsgegenstand. Das folgende Kapitel widmet sich der Neugier als treibender Kraft hinter der Fotografie. Von Beginn an war die Fotografie Teil komplexer Versuchsanordnungen: Der neugierige Fotografenblick richtete sich ins Weltall wie auch ins Innere des menschlichen Körpers oder auf das Gegenüber. Das dritte Kapitel der Ausstellung handelt von dem fotografischen Blick auf den Menschen. Das Porträt steht hier im Mittelpunkt, das nie nur Abbild eines Menschen ist, sondern immer auch eine Absicht, ein Begehren, ein Verhältnis transportiert. Das Fotografieren von Dingen ist Thema des folgenden Ausstellungskapitels. Es erzählt von Gegenständen als stummen und doch zentralen Motiven der Fotografie sowie von der ästhetischen Eigendynamik, die Objekte im Bild entfalten können. Dem ordnenden Charakter der Fotografie widmet sich das anschließende Kapitel. Es geht sowohl um die Anziehungskraft von Mustern und Konstellationen, die sich im Bild finden lassen, als auch um den Beitrag, den Fotografie aktiv zu politischer wie sozialer Ordnung leistet, zum Beispiel im Kontext von Propaganda, oder in anderen Zusammenhängen wie der Aufstellung zum Gruppenporträt. Der Alltag als eine Inspirationsquelle der Fotokunst steht im Mittelpunkt des sechsten Teils der Ausstellung. Die Beispiele reichen von dem wortwörtlich naheliegenden Bildmotiv im 19. Jahrhundert, in dem aufgrund komplizierter Technik Fotografinnen und Fotografen auf ihre direkte Umgebung zurückgeworfen waren, bis zum konzeptuellen und dokumentarischen Interesse der Fotografie der 1970er und 1980er Jahre an alltäglichen Lebenswelten. Das darauf folgende Kapitel zum Thema Zeugnis erzählt von den Erwartungen, die sich seit Erfindung des Mediums an die Fotografie richteten – im öffentlichen wie im privaten Bereich. Die Ausstellung schließt mit dem Verhältnis von Fotografie und Raum. Architekturen, Interieurs, die Fremde und das Eigene werden hier verhandelt wie auch die Frage des Bildraums, der dem wirklichen Raum nie ganz entspricht.

Dass es je Bild unzählige Möglichkeiten der Zuordnung zu den gewählten thematischen Kategorien gegeben hätte, gehört zum Programm der in der Ausstellung gewählten Anordnung. Bei einem Großteil der ausgestellten Werke kreuzen sich mehrere Themen. Die Möglichkeitsvielfalt der fotografischen Sichtweisen auf ein Thema oder einen Gegenstand wird deutlich, zum anderen aber auch der Lesarten von Fotografie.

Museum Kunst Palast
Ehrenhof 4-5
D - 40479 Düsseldorf

W: https://www.kunstpalast.de/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  19. Februar 2020 13. September 2020 /
Eadweard Muybridge (1830–1904), "Animal Locomotion", Männer (Akt), Platte 395, An einer Kurbel drehend; aus: "Animal Locomotion, an Electro-Photographic Investigation of Consecutive Phases of Animal Movements", 1872-1885 Collotypie, 22,5 x 31,5 cm, Kunstpalast, Düsseldorf
Eadweard Muybridge (1830–1904), "Animal Locomotion", Männer (Akt), Platte 395, An einer Kurbel drehend; aus: "Animal Locomotion, an Electro-Photographic Investigation of Consecutive Phases of Animal Movements", 1872-1885 Collotypie, 22,5 x 31,5 cm, Kunstpalast, Düsseldorf
Helga Paris, "Ohne Titel", aus der Serie "Häuser und Gesichter", Halle, 1983-1985 (Abzug 1983-1985), Silbergelatineabzug, 22,9 x 15,7 cm, Kunstpalast, Düsseldorf © Helga Paris
Helga Paris, "Ohne Titel", aus der Serie "Häuser und Gesichter", Halle, 1983-1985 (Abzug 1983-1985), Silbergelatineabzug, 22,9 x 15,7 cm, Kunstpalast, Düsseldorf © Helga Paris
Joe Rosenthal (1911–2006), "Hissen der Flagge auf Iwo Jima", 1945 (Abzug ca. 1955) Silbergelatineabzug, 21,1 x 16,5 cm, Kunstpalast, Düsseldorf
Joe Rosenthal (1911–2006), "Hissen der Flagge auf Iwo Jima", 1945 (Abzug ca. 1955) Silbergelatineabzug, 21,1 x 16,5 cm, Kunstpalast, Düsseldorf
Ludwig Windstosser (1921–1983), Düsseldorf (Fußgängerbrücke), 1950er Jahre Silbergelatineabzug, 29,6 x 23,4 cm, Kunstpalast, Düsseldorf
Ludwig Windstosser (1921–1983), Düsseldorf (Fußgängerbrücke), 1950er Jahre Silbergelatineabzug, 29,6 x 23,4 cm, Kunstpalast, Düsseldorf
Heinrich Riebesehl, "Uwe", 13.6.1967 (aus der Serie "Gesichter", 1967-1969), Aus dem Portfolio "10 Photographien 1967-1982", hg. von der Galerie Kicken 2005, Silbergelatineabzug, 34 x 30,5 cm, Kunstpalast Düsseldorf, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020
Heinrich Riebesehl, "Uwe", 13.6.1967 (aus der Serie "Gesichter", 1967-1969), Aus dem Portfolio "10 Photographien 1967-1982", hg. von der Galerie Kicken 2005, Silbergelatineabzug, 34 x 30,5 cm, Kunstpalast Düsseldorf, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020