17. Oktober 2020 - 18:28 / Ausstellung / Geschichte 
3. Oktober 2020 24. Januar 2021

Die Ausstellung im Atrium zeigt, was das Vorarlberg Museum in der Zeit seiner Schließung von 16. März bis 4. Juni gesammelt hat. Eine Sammlung aus Kunstwerken und aus persönlichen Eindrücken sowie Stimmungsbildern, die heute schon Geschichte sind.

Der Blick zurück auf das Frühjahr fällt manchmal humorvoll aus, manchmal befremdlich. Und über allem thront in grellgelben Lettern die "Corona-Sprache" an der Wand – mit Begriffen wie "Kontaktsperre", "systemrelevant", "Cluster", "Dashboard" und – "#bleibensiegesund".

"Bleiben Sie zuhause!" Nach diesem Aufruf der Bundesregierung Mitte März stand das Leben plötzlich still. Statt dem üblichen Gang zur Arbeit, in die Schule oder zu Veranstaltungen – Homeoffice, Homeschooling, Social Distancing. Mit dem Lockdown begann das Vorarlberg Museum, die "neue Normalität“ im Leben der Menschen zu sammeln.

Die Bevölkerung wurde über digitale Plattformen eingeladen, Fotos, Berichte oder Objekte einzureichen, um später eine vielstimmige Geschichte der "Corona-Zeit" erzählen zu können. Ergänzt um Kunstwerke, die während dieser denkwürdigen Wochen im Frühjahr 2020 entstanden sind, sind Teile der Corona-Sammlung nun im Atrium des Vorarlberg Museums zu sehen.

Dass sich etwas zusammenbraute, war bereits Wochen vor dem Lockdown klar. Theresia Anwander, Kuratorin am vorarlberg museum, trug Dokumente zusammen. Die Verordnung der Katholischen Kirche vom 27. Februar 2020 zum Beispiel, wonach Weihwasserbecken in allen Kirchen zu leeren seien und der Friedensgruß im Gottesdienst durch Zunicken erfolgen solle – anstelle des üblichen Händeschüttelns. Mit dem Lockdown Mitte März begann im Vorarlberg Museum ein emsiges Sammeln.

Sarah Mistura fotografierte im Auftrag des Museums die nach Hamsterkäufen leeren Regale in Supermärkten, die verbarrikadierten Grenzübergänge zu Deutschland, den menschenleeren Marktplatz von Dornbirn an einem sonnigen Tag und die Schilder mit Hinweisen und Verboten. Die Autorin Daniela Egger führte, ebenfalls vom Museum beauftragt, ein Corona-Tagebuch. Ihre Texte, Misturas Fotografien – täglich wuchs die Corona-Sammlung an, für jeden einsehbar unter www.vorarlbergmuseum.at/digital. Es folgten Aufrufe an die Bevölkerung, Fotos, Geschichten oder allerlei möglichen Dinge einzureichen: Einkaufslisten, Fiebertagebücher, Grenzübertrittsscheine – eben alles, was später hilft, ein umfangreiches Bild von der "Corona-Zeit" zu zeigen. Ein arbeitslos gewordener Reisebus-Chauffeur schickte sein Tagebuch. Andere Erzählungen und vor allem Fotografien berichten von Glücksgefühlen im eigenen Garten und intensiven Naturerlebnissen in der neu gefundenen Zeit. Die von einem eilig gegründeten Konsortium hergestellten Schutzmasken verdeutlichen, wie rasch und innovativ Vorarlberger (Textil-)Unternehmen auf die Maskennot reagiert haben. Birgit Sieber-Mayr brachte ein gehäkeltes Modell des Virus, von Volksschulen erreichten uns Arbeiten von Kindern. Isabella Natter-Spets führte Interviews mit 12 Personen unterschiedlichen Alters und Berufstands über das Leben zu Zeiten von Corona, über verschobene Hochzeiten, Homeschooling, Krankenhausaufenthalte, neue Vertriebswege für regionale Lebensmittel und Online-Jassen. Momentaufnahmen von Frustration und Glück, von notwendigen Veränderungen und der Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Absperrbänder durchziehen die Wände im 23 Meter hohen Lichthof des Vorarlberg Museums. Ein symbolhaftes Setting für die gezeigten Kunstwerke, die im Frühjahr entstanden sind. Etwa von Bella Angora: "Ich war während des Lockdowns alleine und um den Menschen, die ich vermisst habe, nahe sein zu können, begann ich, Portraits von ihnen zu zeichnen." So entstand die Serie "Zeichnen gegen die Einsamkeit". Die fotografische Serie "Grenzbetrachtungen" von Miro Kuzmanovic erzählt in einer subtilen Bildsprache von emotionalen Begegnungen an der österreichisch-schweizerischen Grenze in Lustenau. Roland Adlassnigg entwickelte eine technisch ausgetüftelte Abstandsmaschine mit einem eindrücklichen Sound von verbauten, roten Ferrari-Hupen. Weitere Arbeiten stammen von Ruth Rhomberg-Malin, Alice Wellinger, Edgar Leissing, Harald Gfader und von der österreichischen Fotografin Pamela Rußmann, die Webcams für eine Porträtserie nutzte.

"Shutdown. Vorarlberg und Corona"
Idee und Konzeption: Theresia Anwander
Gestaltung: Sarah Schlatter
Ausstellung im Atrium
3. Oktober 2020 bis 24. Jänner 2021

Vorarlberg Museum
Kornmarktplatz 1
A - 6900 Bregenz

W: http://www.vorarlbergmuseum.at

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  •  3. Oktober 2020 24. Januar 2021 /
Roland Adlassnig, Abstandmaschine, 2020, Objektkunst, Foto: Arno Gehrer
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B. Sieber-Mayr, Häkelviren, 2020, Foto: Vorarlberg Museum, Originale in der Ausstellung
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