Selbstwahrnehmung und Kybernetik – Oswald Wieners theoretische Positionen im Kontext zeitgenössischer künstlerischer Praktiken

Die Ausstellung „A.rtificial I.ntrospection O. (A.I.O.)” in der Halle für Kunst Steiermark untersucht Denken, Wahrnehmung und Subjektivität im Spannungsfeld von Selbstbeobachtung, Kybernetik und Künstlicher Intelligenz. Ausgangspunkt ist das Werk des österreichischen Schriftstellers, Denkpsychologen und Kybernetikers Oswald Wiener (1935–2021). Dessen Werk bewegte sich seit den 1950er-Jahren kritisch zwischen diesen Feldern und entzog sich systematisch der institutionellen Vereinnahmung.

Im Zentrum seiner Untersuchungen stehen das menschliche Denken und Bewusstsein, denen sich Wiener zeitlebens abseits des wissenschaftlichen Betriebs mit einem unorthodoxen und inspirierenden Zugang widmete. Seine Arbeiten formulieren früh zentrale Fragestellungen der Künstlichen Intelligenz und ihrer theoretischen und konzeptuellen Voraussetzungen. Für Wiener ist Bewusstsein nicht sprachlich organisiert und kann daher nicht auf dem aktuellen Stand der Technik simuliert werden.

Für die Ausstellung zentral ist Wieners Konzept der Selbstbeobachtung als denkpsychologische Praxis, das er im Laufe seines Lebens immer wieder adaptierte, neu ausrichtete und zuerst literarisch und dann wissenschaftlich akzentuierte. Sein Buch „Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman” (1969) und spätere Texte bilden einen theoretischen und experimentellen Bezugspunkt der Ausstellung. In Auseinandersetzung mit Alan Turings Automatentheorie, Ludwig Wittgensteins Sprachkritik und kybernetischen Konzepten entwickelt Wiener eine radikale Kritik des humanistisch aufgefassten Subjekts. Im Anhang des Werkes, dem teils ironischen Bio-Adapter, erscheint der Mensch nicht als autonomes Bewusstseinswesen, sondern als Automat, der sich in Form eines technischen Befriedigungsanzugs mit der Umwelt auflöst.

Aus der Kybernetik ist der 1950 vom britischen Mathematiker Alan Turing formulierte Turing-Test bekannt, bei dem die Unterscheidbarkeit von Maschine und Mensch durch die Einschätzung von Sprachäußerungen geprüft wird. Wenn für einen Fragesteller nicht erkennbar ist, welches Gegenüber der Mensch und welches die Maschine ist, müssen diese als äquivalent verstanden werden. Bewertet wird dabei menschlich wirkendes Verhalten in Bezug auf Sprachfähigkeit und plausible Antworten, nicht jedoch Intelligenz. Wiener zufolge besteht das Problem des Turing-Tests in einem behavioristischen Zugang, der auf der Beobachtung von Ereignissen und darauf ableitbaren Statistiken beruht und das subjektive Bewusstsein ignoriert. Was Turing nicht berücksichtigte, waren die nicht beobachtbaren Qualitäten des menschlichen Denkens wie Vorstellungen, Emotionen, Wahrnehmung und Weltverständnis.

Wiener stellte sich diesen Menschheitsfragen und arbeitete an einer Theorie des Denkens. Dazu ergänzte er die auf Formalisierung beruhende Automatentheorie durch Selbstbeobachtung, um zu belastbaren Definitionen zu gelangen, mit denen menschliches Denken und Bewusstsein erklärbar werden könnten.

„A.rtificial I.ntrospection O.” setzt Wieners theoretische Positionen in Beziehung zu zeitgenössischen künstlerischen Praktiken, die sich mit Selbstwahrnehmung und Kybernetik auseinandersetzen. Dabei wird Kunst nicht als Gegenmodell zur Technik verstanden, sondern als ein Feld, in dem ähnliche Übersetzungsprozesse wirksam sind wie in der Kybernetik: Visuelle, sprachliche und affektive Informationen werden codiert, decodiert und in zirkulierende Systeme überführt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation, in der algorithmische Systeme zunehmend Entscheidungen in Verwaltung, Recht, Kommunikation und Militär unterstützen und KI-basierte Sprachmodelle menschliche Kommunikation simulieren, gewinnt Wieners skeptisches Denken an Dringlichkeit. Die Ununterscheidbarkeit von menschlicher und maschineller Sprachproduktion, wie sie im Turing-Test paradigmatisch angelegt ist, verschiebt die Frage nach Intelligenz hin zu Fragen der Beobachtbarkeit, Kontrolle und Selbstbeschreibung.

Die Figur des Dandys, die Wiener faszinierte, verbindet die erhoffte Distanzierung vom Mechanischen mit einem nach innen gewandten Selbstverständnis. So bildet sie ein Scharnier zwischen solipsistischer Selbstbeobachtung und sozialer Einbettung des Subjekts. Heute erscheint dies deutlich schwieriger. „A.I.O.” begreift die Selbstbeobachtung des menschlichen Denkens nicht nur als künstlerische Forschung, sondern auch als politische und epistemische Praxis, also als Möglichkeit, das zunehmend intime Verhältnis zwischen Körper, Sprache und automatisierten Systemen kritisch zu reflektieren. Die Ausstellung öffnet den historischen Horizont von Wieners Denken hin zu befreundeten Künstler:innen und einer jüngeren Generation. Diese schreibt seine Fragestellungen nicht fort, sondern konfiguriert sie unter gegenwärtigen Bedingungen neu. Im Zentrum stehen nicht Fortschritt oder Innovation, sondern die Frage, wie Subjektivität unter kybernetischen Bedingungen darstellbar bleibt – und ob Selbstbeobachtung und Selbstoptimierung, wie Wiener vorschlug, eine letzte Form von Handlungsmacht darstellen.

Welche Auswirkungen kybernetische Intelligenz auf unser tägliches Leben, unsere Körper und unsere Sprache haben wird, bleibt teilweise offen und lässt sich bislang nur erahnen – sie werden jedenfalls beträchtlich sein. Die experimentelle Ausstellung „A.I.O.” versucht, die Ideen Oswald Wieners künstlerisch fruchtbar zu machen und darüber hinauszugehen. Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kybernetik und Selbstbeobachtung und befragt somit die Wechselwirkung von Mensch und Maschine.

Mit Oswald Wiener, Jenna Bliss, Günter Brus, VALIE EXPORT, Tishan Hsu, Morag Keil, Josh Kline, Michael Krebber, Maria Lassnig, Ken Okiishi, Walter Pichler, Rudolf Polanszky, Dieter Roth, Agnes Scherer, Tiffany Sia, Franz West, Ingrid Wiener u. a.

A.rtificial I.ntrospection O.
Bis 6.9.2026