8. September 2020 - 10:19 / Martina Pfeifer Steiner / Bühne / Theater 

Nomen est omen. Mit der Produktion "Mal – Embriaguez Divina" stellt Marlene Monteiro Freitas das Böse unerbittlich auf die Bühne der Halle E im Museumsquartier. In den romanischen Sprachen habe das Wort "mal" eine breite Palette von Bedeutungen, die sich auf das Unerwartete, auf Schmerz und Leid beziehen, klärt die portugiesische Choreografin in einem Gespräch mit dem Dramaturgen Martin Valdés-Stauber auf. Als ihr zufällig wieder das Buch "Die Literatur und das Böse" von Georges Bataille in die Hände fiel, konnte sie die Themen und Ideen in ihrem Kopf endlich benennen. "Die Art und Weise, wie Bataille über 'mal' schreibt, berührt mich sehr. Zum Beispiel, wenn er zwischen dem sadistischen Bösen und dem Bösen, das in guter Absicht begangen wird, unterscheidet; oder zwischen dem Bösen an sich und der Gestalt des Teufels."

Es vergeht einige Zeit, bis sich der Vorhang hebt. Eine irritierende Verlangsamung. Wer die zu hörenden Schritte aus dem Off als Ballspiel interpretierte, lag richtig. Raumhohe Ballnetze an drei Seiten bilden den Rahmen, die Bühne bleibt noch zweidimensional. Erst wenn eine kopflos anmutende Figur Zettel auflegt, wird die zentrale Tribüne sichtbar. In dieser nehmen sich die neun Personen, die anfangs Volleyball spielten, sich dann in endlosen Sequenzen konfigurierten, unvermutet ihren Platz. Die mit der Krone bemerkt man sofort, und ihre Rolle wird sich eindrücklich-dramatisch weiterentwickeln, denn die aus Mosambik stammende Tänzerin Mariana Tembe hat keine Beine. Die Musik wird rhythmisch, laut, fast unerträglich, und wenn die Figuren mit unerbittlichem Eifer ihre Papierstadt bauen, als Menschen dahinter verschwinden, nicht links und nicht rechts schauen, ungerührt von den einsetzenden Explosionen, Detonationen immer weiter machen, bis beteiligungslos alles Geschaffene einfach weggewischt wird, stockt dem Publikum mit seinen unabwendbaren eigenen Assoziationen der Atem.

Hundert Minuten "Embriaguez Divina" (göttliche Trunkenheit), ein dionysischer Rausch. Der Spannungsbogen gibt kurzzeitig auch Beruhigung her, vielleicht einen minimalen Optimismus durch Musikpassagen, an den man sich klammern kann. Es ist jedoch jeder Einzelnen, jedem Einzelnen anheim gestellt, mit all dem im Hier und Jetzt zurechtzukommen, was durch das subtile Spiel, durch jede kleine Geste, jeden Gesichtsausdruck der TänzerInnen ausgelöst und bewusst wird.



Szene aus Mal - Embriaguez Divina (© Charlotte Hafke)
Szene aus Mal - Embriaguez Divina (© Charlotte Hafke)
Szene aus Mal - Embriaguez Divina (© Charlotte Hafke)
Szene aus Mal - Embriaguez Divina (© Charlotte Hafke)
Szene aus Mal - Embriaguez Divina (© Peter Hönnemann)
Szene aus Mal - Embriaguez Divina (© Peter Hönnemann)