Im Haus der elektronischen Künste (HEK) in Basel werden in drei parallel laufenden Einzelausstellungen neue Werke der Gewinner:innen der Pax Art Awards 2025 gezeigt. Den Hauptpreis erhielt Lukas Truniger. Zwei weitere Preise gingen an Isabell Bullerschen und Rhona Mühlebach.
Die in den Arbeiten behandelten Themen reichen von der menschlichen Hybris in digitalen Infrastrukturen bei Lukas Truniger über biologisch metabolisierte Bildarchive bei Isabell Bullerschen bis zur Selbsterhaltungsfantasie einer Schnecke in der neuen Arbeit von Rhona Mühlebach. Das Publikum erwartet ein breites Spektrum sehr spezifischer Fragen an die heutige, von Technologie durchdrungene Gegenwart.
Lukas Trunigers künstlerische Praxis basiert auf seiner Ausbildung in Musik und Klangkunst sowie auf den Traditionen der Generativen Kunst und der Medienkunst. Er entwirft Systeme mit klar definierten Regeln, zieht sich dann zurück und lässt deren autonome Entfaltung zu – die Prozesse dürfen sich selbst ausführen und weiterentwickeln.
In dieser Ausstellung zeigt er eine dreiteilige neue Werkserie, die uns mit gnadenloser Ehrlichkeit den Spiegel vorhält. Es sind Arbeiten, die eine spekulative Infrastruktur imitieren, die aus den Artefakten digitaler Überfülle und Obsoleszenz entsteht. Sie verweisen auf die Hybris des Menschen, auf das Verlangen nach Berechnung, Beherrschung und Vorhersage, das die heutige Zeit prägt. Truniger spricht vom „programmierten Selbst” – ein Selbstverständnis, das durch kontinuierliche Interaktion mit Algorithmen geformt und geleitet wird.
Die Jury der Pax Art Awards war tief beeindruckt von Trunigers konsequenter und nuancierter Vermittlung der Poetik und Politik, die in seiner Arbeit eingeschrieben sind. Seine Erkundung der verflochtenen Bereiche von Künstlichem und Natürlichem spricht die Komplexitäten des zeitgenössischen Lebens unmittelbar an. Mit dieser Auszeichnung werden nicht nur die Stärke und Kohärenz seiner bisherigen künstlerischen Praxis gewürdigt, sondern auch die zentrale Rolle, die die Medienkunst dabei spielt, die komplexen Systeme, die unsere Welt formen, navigierbar und verständlich zu machen.
Lukas Truniger (* 1986) wurde in Zürich geboren und lebt in Paris. Er erhielt den mit 30.000 CHF dotierten Hauptpreis der Pax Art Awards 2025.
Isabell Bullerschen beschäftigt sich mit fluiden Konzepten von posthumaner Körperlichkeit, Intelligenz und Identität. Sie löst Denkkategorien auf oder macht sie durchlässig und verlässt so die anthropozentrische Perspektive zugunsten spekulativer Narrationen. Dabei sind ihre immersiven Mixed-Media-Installationen gleichzeitig im physischen und im digitalen Raum angelegt.
Schleim zieht sich seit einiger Zeit als Motiv durch Bullerschens Werk. Als Hauptdarsteller ist er nicht nur eine biologische Substanz, sondern auch eine vieldeutige Metapher für die Konnektivität zwischen den großen existenziellen Themen. Die neu entstandene Serie von Wandinstallationen mit dem Titel „Metabolic Portals” (2026) untersucht Stoffwechselprozesse und natürliche Stoffkreisläufe. Ausgangspunkt sind Collagen aus Bullerschens Bildarchiv, die mithilfe einer transformierenden KI technologisch „metabolisiert” werden. Digitale Bilder werden analysiert, zerlegt und unter Energieaufwand neu synthetisiert, ohne ihre grundlegende Komposition zu verlieren. Diese hybride Ästhetik zwischen Fotografie und Rendering spiegelt das Gesetz der Erhaltung der Masse wider: Nichts kann sich in Nichts auflösen, jedes Atom ist Teil eines zyklischen Kreislaufs, der sich über Milliarden von Jahren erstreckt. Bullerschens begreift dies als „phlegmal form of existence”. Bullerschen zieht dadurch eine kritische Parallele zwischen biologischen Ökosystemen und technologischen Datenströmen. Die Arbeiten werden als hinter Acrylglas oder auf Alu-Dibond gedruckte, teils hinterleuchtete oder mit Leuchtstoffröhren versehene Objekte präsentiert. In ihnen verdichten sich Fragen nach Autorenschaft und der „Seele” technischer Bilder. Der visuelle Eindruck bewegt sich an der Grenze zwischen Ekel und Faszination, Schönheit und Abscheu – so ambivalent wie Bullerschens Verhältnis zur KI.
Isabell Bullerschen überzeugte die Jury mit der Art und Weise, wie sie ihre posthumanistischen Gedanken in opulente Displays umsetzt. Diese lassen uns die Überlagerung von Digitalem und Körpernahem nicht nur nachvollziehen, sondern auch sinnlich erfahren.
Isabell Bullerschen (*1985) lebt und arbeitet in Zürich. Sie erhielt einen der Pax Art Awards 2025 für junge, aufstrebende Künstler:innen im Wert von 15 000 CHF.
Rhona Mühlebachs Installationen beinhalten eigensinnige Realitäten, in denen Erinnerung und Imagination nicht voneinander zu unterscheiden sind. Ihre Welten sind bevölkert von Figuren wie Neandertaler:innen, Wildschweinen oder Schleimpilzen, die die Zivilisation kommentieren oder aber als Schöpferwesen auftreten. Realität wird biegsam, Sprache formbar, und das Scheitern – menschlich wie erzählerisch – treibt Erkenntnis an. Mühlebach stellt in jedem Bild die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion. Diese Perspektivverschiebungen ziehen sich durch das gesamte Werk der im Thurgau geborenen und in Wien lebenden Künstlerin. Geschichte wird zur zeitlosen Materie, Tiere zu Protagonist:innen und Humor zur Methode der Erkenntnisgewinnung.
Ihre Erzählungen verweigern sich linearer Zeit und entfalten poetische Bahnen, in denen Sprache, Musik und Technologie eng verwoben sind. Für die neueste Arbeit lautet das Narrativ wie folgt: Eine Schnecke möchte sich versteinern lassen, um bessere Zeiten abzuwarten, jedoch ohne selbst zu einem Fossil zu werden. Zwischen Größenwahn und Vermeidung entfaltet sich eine Fantasie der Selbsterhaltung, die in vielstimmige Fragmente zerfällt. Im Ausstellungsraum wird diese Arbeit als medial erfahrbarer Schneckenschleim präsentiert, sodass die Besucher:innen diese sonderbare Geschichte hören können.
Die Jury zeichnete Rhona Mühlebach für ihre eigenständige, reflektierte und experimentelle Praxis aus, die audiovisuelle Innovation mit erzählerischer Kühnheit verbindet.
Rhona Mühlebach (*1990) wurde im Thurgau geboren und arbeitet in Wien. Sie erhielt einen der Pax Art Awards 2025 für junge, aufstrebende Künstler:innen im Wert von 15 000 CHF.
Schweizer Medienkunst – Pax Art Awards 2025
14.02.–19.04.2026
Kuratorin: Marlene Wenger