27. Mai 2020 - 18:58 / Ausstellung / Online / Medienkunst 
27. Mai 2020 2. August 2020

Die Ausstellung "Schweizer Medienkunst: Knowbotiq, Alan Bogana, Félicien Goguey" zeigt die Arbeiten der PreisträgerInnen der Pax Art Awards 2019. In ihren Werken reflektieren die Schweizer KünstlerInnen sehr unterschiedliche wie hochaktuelle Themen. Das Künstlerduo "Knowbotiq" stellt postkoloniale Fabulationen vor, Félicien Goguey widmet sich kritisch den Mobilfunknetzen und Überwachungssystemen und Alan Bogana hinterfragt mit seinem poetischen und konzeptuellen Spiel mit Licht unsere Wahrnehmung. Damit gelingt es den PreisträgerInnen, brisante Fragen und Dynamiken in Bezug auf die Entwicklung von Technologien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft zu verhandeln. Die Ausstellung stellt jede(n) der PreisträgerInnen und ihre Kunstwerke gleichermassen in den Mittelpunkt im Sinne von drei eigenständigen Soloausstellungen.

Mit ihren visuell eindrucksvollen Installationen verweben Knowbotiq (bestehend aus Yvonne Wilhelm und Christian Hübler) Geschichten über postkoloniale Gewalt, algorithmische Gouvernementalitäten und technoökologische Fragestellungen. Ihre jüngste Arbeit "Swiss Psychotropic Gold, the Molecular Refinery" (2020), die zum ersten Mal gezeigt wird, ist eine multimediale Installation, die die Nachforschungen der Künstler über die Herkunft, die Raffinerie und den Verkauf von Gold verarbeitet. Während sich die früheren Teile der Serie "Swiss Psychotropic Gold" auf die sozio-politischen Realitäten und die ökologischen Auswirkungen des Goldabbaus, der Goldraffinerie und des Goldhandels konzentrierten und dabei die bedeutende Rolle der Schweiz in dieser Industrie hervorhoben, konzentriert sich die neue Arbeit hauptsächlich auf die Verwendung von Gold als Konsumgut für wohlhabende Kunden. Insbesondere untersucht das Künstlerduo das angeblich psychotrope Potenzial von Gold, das laut alchemistischer Lehre Menschen von Schuld befreien soll.

"Amazonian Flesh" (2018-2019), ebenfalls in der Ausstellung zu sehen, ist eine immersive Installation aus einem Geflecht von Kabeln, Bots und digitalen Artefakten. In kollektiver Untätigkeit schlüpfen die BesucherInnen in die Rolle von Arbeitern globaler Unternehmen. Sie können auf Hängematten sitzen oder schlafen, die in der Installation integriert sind. In intimen Hörsituationen werden die BesucherInnen von den Bots, die für die Automatisierung der Arbeit verantwortlich sind, motiviert die Lohnarbeit für immer aufzugeben. Ein weiteres Werk, "Thulhuthu thu before the sun harms you" (2019-2020), ist ein Langzeitprojekt über das Flow Country, ein großes Gebiet im Norden Schottlands, in dem der Boden durch Jahrhunderte des Wachstums, der Extraktion, der Ausbeutung und der Profitakkumulation zerstört wurde. Knowbotiq hat KünstlerInnen, MusikerInnen, ForscherInnen und politische AktivistInnen zusammengebracht, um ihre Erkundungen des Gebiets miteinander zu teilen und schliesslich eine Skulptur aus geflochtenen Raphiafasern als eine Art kollektives Denkmal für den Schutz des Landes geschaffen.

Die Vielseitigkeit des Lichts als Naturphänomen ist das Leitmotiv in den Arbeiten von Alan Bogana, so auch in "Journeys of Light" (2020), seiner neuen Installation, die mit Lasern vergangene und zukünftige Himmelssphären darstellt. Die Erforschung des Laserlichts wird in der Collage "Polarising Times" (2020) weiter thematisiert, die aus gefundenen Bildern von Laserstrahlen besteht, die der Künstler gesammelt hat. Boganas neuer Film "Ionize ionize ! " (2020), der in einer Fabrik für Szintillationsdetektoren (Messgeräte zur Bestimmung der Energie und der Intensität von ionisierender Strahlung) in Utrecht gedreht wurde, untersucht die einzigartigen Eigenschaften der lichtdurchlässigen Kristalle, die in den Röntgendetektoren von medizinischen und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen verwendet werden.

Bei der interaktiven Arbeit "Sensible Spectrum VR" (2017) setzt sich ein/e BesucherIn auf einen drehbaren Stuhl innerhalb einer kreisförmigen Leinwand und kann via VR-Brille ein 360°-Video erleben. Die BesucherInnen tragen nicht nur das VR-Headset, sondern auch einen kleinen Projektor, der daran befestigt ist. Wenn sie ihren Kopf in ihre virtuelle Umgebung eintauchen, projizieren sie gleichzeitig einen Film auf das umgebende Display, der für das übrige Publikum sichtbar ist. Obwohl die beiden Filme nicht identisch sind, werden sie durch ein Programm synchronisiert, wodurch ein Dialog zwischen dem Rezipienten, der in die virtuelle Realität und dem umgebenden Publikum entsteht.

Félicien Gogueys jüngste Arbeit untersucht die Auswirkungen der allgegenwertigen Mobilkommunikation auf unser Leben und bietet Möglichkeiten des Protests. Die Installation "Masquerade" (2015-2016) kann als Werkzeug, gegen die Massenüberwachung eingesetzt werden, indem es verschleiert - oder 'maskiert' - den Austausch von sensiblen Nachrichten zwischen Benutzern, da es eine große Menge problematischer Nachrichten auf anonyme Weise erzeugt. Kleine Geräte, die "masq" genannt werden und aus Mikrocontrollern bestehen, werden an das Internet angeschlossen, um automatisch Nachrichten an andere Geräte zu senden. Die Nachrichten enthalten spezifische Wortkombinationen, von denen bekannt ist, dass sie Online-Überwachungssysteme alarmieren. Wenn genügend Geräte an das Internet angeschlossen sind, stört die Anzahl der Nachrichten die Überwachungssysteme, da sie deren Aufnahmekapazität übersteigen. Indem das Überwachungssystem zu viele alarmierende Signale empfängt, ist es nicht in der Lage, effizient auf eines davon zu reagieren, und es wird nutzlos. Das Video "900 MHz" (2019) bezieht sich auf den Frequenzbereich, der für die elektromagnetischen Wellen der mobilen Telefonkommunikation reserviert sind. Goguey versucht diese Datenfülle, die uns tagtäglich in unseren öffentlichen sowie privaten Räumen umgibt, für uns jedoch nicht wahrnehmbar ist, in unser Bewusstsein zu rücken. Als Ergänzung zu seinen früheren Arbeiten ist Gogueys neue Installation "Bloc Balloon" (2020), eine grosse, aufblasbare Einheit, die ähnlich wie Masquerade Störsystem funktioniert, das diesmal jedoch auf das globale Netzwerk der Mobilkommunikation abzielt. Die Installation unterbricht die Arbeit des IMSI-Catchers (International Mobile Subscriber Identity), die für die Identifizierung der Identität von Mobilfunkteilnehmern verantwortlich sind, indem er gefälschte IMSIs in einem bestimmten Gebiet zeigt.

Mit den Pax Art Awards, den wegweisenden Preisen für digitale Kunst, ehrt und fördert die Art Foundation Pax in Zusammenarbeit mit dem HeK, medienspezifische Praktiken Schweizer KünstlerInnen. Die Pax Art Awards werden seit 2018 während der Art Basel verliehen. Mit dem Preis werden Schweizer MedienkünstlerInnen geehrt, die Medientechnologien künstlerisch nutzen, beziehungsweise deren Auswirkungen reflektieren. Die Hälfte des Preisgeldes dient dem Ankauf eines Werks durch die Art Foundation Pax für deren Sammlung, die andere Hälfte unterstützt die KünstlerInnen bei der Entwicklung und Produktion einer neuen Arbeit, welche im Frühling des darauffolgenden Jahres im HeK gezeigt wird.

Die Art Foundation Pax ist eine unabhängige Stiftung zur Förderung der digitalen und medienbasierten Kunst der Schweiz und wird finanziell von der Pax getragen.

Zu Knowbotiq

Knowbotiq sind Yvonne Wilhelm (geboren 1962) und Christian Hübler (geboren 1962). Das Duo hat durch ihre langjährige Künstlertätigkeit – ehemals gemeinsam mit Alexander Tuchacek – als "Knowbotic Research" aktiv die Medienkunstszene in der Schweiz entscheidend geprägt. Sie stellten ausserdem bei den Biennalen von Venedig, Moskau, Seoul, Hongkong, Shenzen und Rotterdam aus, sowie im New Museum New York, Witte de With Rotterdam, MOCA Taipeh, in der Kunsthalle St. Gallen, im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, der Skuc Gallery Ljubljana, bei NAMOC Beijing, im Aarhus Kunstmuseum, Museum of Contemporary Art Helsinki, Hamburger Kunstverein, Henie Onstad Kunstsenter Oslo und im Museum Ludwig in Köln. Yvonne Wilhelm und Christian Hübler besetzen Professuren im Master of Fine Arts-Studiengang der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

Zu Alan Bogana

Alan Bogana (geboren 1979) ist ein Tessiner Künstler, der in Genf lebt und arbeitet. Er studierte an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der Haute École d’art et de design (HEAD) in Genf. Seine Arbeiten wurden in Museen wie dem Mineralogie-Museum MINES-ParisTech in Paris, dem Kunsthaus Langenthal, dem Espace Duplex Genf, der Galerie Ruine Genf, den Kurzfilmtagen und dem Fotomuseum Winterthur, dem Contemporary Copenhagen, Fri-Art Freiburg und anderen präsentiert.

Zu Félicien Goguey

Félicien Goguey (geboren 1992) ist ein französischer Künstler und Designer, der in Genf lebt und arbeitet. Derzeit forscht er für seine Doktorarbeit im Labor für digitale Geisteswissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) und ist Lehrbeauftragter für den MA Mediengestaltung an der Haute école d'art et de design (HEAD) in Genf. Seine Arbeit wurden unter anderem in Museen wie Resonate in Belgrad, am Vector Festival in Toronto, am Mapping Festival in Genf, am Mirage Festival in Lyon, in der Power Station of Art in Shanghai und im Musée des Arts et Métiers in Paris.

Schweizer Medienkunst: Knowbotiq, Alan Bogana, Félicien Goguey
Online-Vernissage: Mittwoch 27.05.2020, 19:00 Uhr
Laufzeit: 27. Mai bis 02. August 2020
Kurator der Ausstellung: Boris Magrini

HEK
Haus der elektronischen Künste Basel
Freilager-Platz 9
CH - 4142 Münchenstein/Basel

T: +41 / (0)61 331 58 41
W: https://www.hek.ch/

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  •  27. Mai 2020 2. August 2020 /
Alan Bogana, "Ionize ionize!", 2020, Format: Video 4K with sound, Duration: 10 min
Alan Bogana, "Ionize ionize!", 2020, Format: Video 4K with sound, Duration: 10 min
Alan Bogana, "Ionize ionize!", 2020, Format: Video 4K with sound, Duration: 10 min
Alan Bogana, "Ionize ionize!", 2020, Format: Video 4K with sound, Duration: 10 min
Félicien Goguey, "Masquerade", 2015-2019, Photo by Dylan Perrenoud
Félicien Goguey, "Masquerade", 2015-2019, Photo by Dylan Perrenoud
Félicien Goguey, "Masquerade", 2015-2019, Photo by Dylan Perrenoud
Félicien Goguey, "Masquerade", 2015-2019, Photo by Dylan Perrenoud
Knowbotiq, ”Thulhu thu thu, before the sun harms you“, Timespan Arts Center, Helmsdale/Scotland, 2019, © knowbotiq
Knowbotiq, ”Thulhu thu thu, before the sun harms you“, Timespan Arts Center, Helmsdale/Scotland, 2019, © knowbotiq
Knowbotiq, Swiss Psychotropic Gold - Molecular Refinery, 2019/20
Knowbotiq, "Swiss Psychotropic Gold - Molecular Refinery", 2019/20
Knowbotiq, "The Swiss Psychotropic Gold Refining - what is your mission?", 2017
Knowbotiq, "The Swiss Psychotropic Gold Refining - what is your mission?", 2017